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Tierwelt 33/2013

Der künstliche Hamburger ist da

Nutztiere | Donnerstag, 15. August 2013 07:00, Daniela Poschmann/Dorothy Allen

Ein Ende der Massentierhaltung, keine platzraubenden Futterpflanzen und weniger umweltschädliche Klimagase. Die Traumvorstellung könnte tatsächlich Realität werden. Ein erster Schritt ist getan: Der erste im Labor kreierte Burger!

Gut ein Jahrzehnt lang haben holländische Wissenschaftler um Mark Post von der Universität Maastricht mit dem Ziel geforscht, das erste im Labor hergestellte Fleisch zu produzieren. Anfang August präsentieren Sie in London ihr Ergebnis: Einen Hamburger aus In-vitro-Fleisch

«Wir versuchen Fleisch zu kreieren, das exakt die gleiche Struktur hat wie reales Fleisch», sagt der Biomediziner Post. Der Geschmack soll dank des beigefügten Fetts ebenso gleich sein. Auch könne die Herstellung im Sinne der Gesundheit so gesteuert werden, dass das Laborfleisch beispielsweise erhöhte Anteile von gesunden Omega-3-Fettsäuren enthalte.

© Ogilvy & Mather

Um all das zu bewerkstelligen, nimmt Marc Post Muskelgewebe, das aus Stammzellen von Rindern im Reagenzglas gezüchtet wird, und verpasst ihm elektrische Impulse – quasi als Ersatz für die Bewegung auf der Weide. Dadurch beginnen die Muskeln zu zucken und entwickeln eine faserige, fleischähnliche Konsistenz. Am Ende werden die Muskelstränge in kleine Stücke gehackt und mithilfe von tierischem Fett zu einem Stück Fleisch zusammengesetzt. So weit die Kurzfassung.

Die meisten Menschen lehnen das Fleisch aus dem Labor von vornherein ab
Tierschutzvereine jubeln über diesen Erfolg, doch die Konsumenten stehen dem Ganzen bislang eher skeptisch gegenüber. So ergab eine Umfrage von der Europäischen Kommission 2005, dass die meisten Menschen Laborfleisch ablehnen. Hierzulande würden es nur 7 Prozent essen, wenn die Zubereitung strikt kontrolliert würde. 75 Prozent der Schweizer würden es unter keinen Umständen anfassen. 

Unter ihnen ist auch ein Prominenter, der Komiker Peach Weber. Seine Meinung: «Ich bin schon überzeugt davon, dass es dem Menschen gelingen kann (Fleisch im Labor herzustellen). Es wird sich aber erst viel später herausstellen, welche langfristigen Nebenwirkungen das hat. Lieber weniger Fleisch essen als irgendetwas aus dem Labor.» Die Deutschen und die Österreicher stehen dem In-vitro-Fleisch mit rund 50 Prozent etwas weniger ablehnend gegenüber. 

Die sich verdoppelnde Nachfrage wird Fleisch zu einem Luxusprodukt machen
Dabei sind die Motive der Wissenschaftler sehr löblich. Es geht ihnen um den Schutz der Tiere und um die Umwelt. Eine Studie ergab, dass die Tieraufzucht mehr Treibhausgase verursacht als alle Autos, Lastwagen und Flugzeuge weltweit zusammen. Und die Nachfrage nach Fleisch soll sich in den nächsten 40 Jahren noch verdoppeln. Ausserdem braucht man, um ein Kilogramm Rindfleisch herzustellen, 15'000 Liter Wasser. «Die aktuelle Fleischproduktion ist nicht nachhaltig», sagt Post. «Wir brauchen mehr als 50 Prozent unser landwirtschaftlichen Fläche zur Tierhaltung. Wenn wir nichts tun, wird Fleisch zu einem Luxus-Lebensmittel und sehr, sehr teuer.»  

Mark Post mit künstlich hergestelltem Fleisch.
© Ogilvy & Mather

Doch Geld war und ist auch beim Laborfleisch das Hauptproblem. Nicht nur, dass die Entwicklung so lange gedauert hat, da Post mit den wenigen Sponsorengelder nur ein kleines Team unterhalten konnte. Auch der erste mit Stammzellen-Fleisch versehene Hamburger ist noch unerschwinglich: Der Burger kostet umgerechnet nämlich mehr als 300'000 Franken.

«Das Labor-Fleisch beisst sich gut und es hat auch etwas Geschmack»
Fast Food? Ein Schnellimbiss? Das kann man von diesem Burger nicht behaupten. Schliesslich sind Jahre der Forschung in ihn eingeflossen. Drei Monate hat es gedauert, bis er zustande kam. Und dann musste er noch von Maastricht nach London transportiert werden, um ihn am 5. August vor handverlesenen Journalisten anzubraten.

Also bewegte sich die Weltpresse an besagtem Tag in eine ruhige kleine Wohnstrasse unweit der Themse. Den Veranstaltungs-Ort hatte man bis zur letzten Minute geheim gehalten. Die Rede war von einem wahrhaft historischen Ereignis: Schliesslich ging es um eine öffentliche Kostprobe des ersten Test-Tube-Beefburgers der Welt. Das Ganze war dann am Ende mehr eine Fernseh-Reality-Show als eine Pressekonferenz mit wissenschaftlichem Anspruch. 

Optisch wirkte das Fleisch besonders dünn, glatt und rosa
Erst einmal kam Sergey Brin zu Wort. Der Mitbegründer von Google erwies sich als der wohlhabende Spender hinter dem Projekt. Per Videolink liess Brin die Konferenz wissen, dass die Welt neue Arten der Fleischproduktion brauche. Eine Produktionsweise, die den Naturressourcen der Erde weniger abverlange als die traditionelle Viehhaltung. «Falls manche Leute das, was wir machen, nicht als Science-Fiction betrachten, dann sind wir wahrscheinlich nicht radikal genug», meinte Brin. Die Video-Bildschirme erloschen und Professor Mark Post, der Wissenschaftler, der sich die letzten zehn Jahre mit dem künstlichen Fleisch beschäftigt hat, schlenderte auf die Bühne. Ihm folgten die unabhängigen Vorkoster, die österreichische Nahrungsmittel-Expertin Hanni Rützler und der Amerikaner Josh Schonwald, der über künftige Ernährungsweisen geschrieben hat.

Der Labor-Burger sieht gar nicht unappetitlich aus.
© Ogilvy & Mather

Der Mann mitten im Scheinwerferlicht aber war der Chefkoch Richard McGeown, der etwas nervös war, als er das Gas entflammte, Sonnenblumenöl und etwas Butter in die Pfanne gab und sich daran machte, einen Burger im Wert von mehr als 300'000 Franken zu brutzeln. Die Kameras rückten den Burger für uns ins Blickfeld. Was wir sahen, war eher eine dünne, glatte und runde Frikadelle als ein traditioneller, grobfasriger Burger. Eine Frikadelle, die auch wegen des Zusatzes von Roter Beete ungewöhnlich rosa war. Von Ei zusammengehalten, behielt das Fleisch brav seine Form. Daneben enthielt Posts Burger auch Safran und Brotkrümel – und natürlich 20'000 kleine Fleischstränge, die aus Stammzellen aus der Schulter eines belgischen Rinds gezüchtet worden waren.

Zehn spannungsgeladene Minuten später seufzte der Koch erleichtert auf, als er das nun wirklich wie ein Burger aussehende flache Fleischküchlein, garniert mit Tomate und einem Brötchen, zur entscheidenden Kostprobe überreichen konnte. Wie, wollten alle wissen, würde es nun schmecken?

Nun – schwer zu sagen, fanden die beiden Vorkoster. Auch war der Burger heisser als erwartet. Gedrängt von ungeduldigen Journalisten räumten sie ein, dass ihr Happen eine Spur fade und neutral gewesen sei. Hanni Rützler war als Erste dran: «Besonders saftig ist es nicht. Und Salz und Pfeffer haben mir gefehlt. Aber es beisst sich gut. Und es hat auch etwas Geschmack.» 

Erhält Fleisch bald Etiketten wie Zigarettenschachteln?
Josh Schonwald war sich noch unsicherer in seinem Geschmacksurteil: «Die Konsistenz ist die von richtigem Fleisch. Nur etwas mager. Mir fehlt ein bisschen das Fett. Allerdings habe ich die letzten 20 Jahre keinen Burger gegessen, der nicht komplett von Ketchup überzogen war.» Nur die Hälfte des Burgers wurde letztlich verzehrt. Doch der einstweilige Mangel an Geschmack und Nährwert bereitete Professor Post kein Kopfzerbrechen. Dies seien Probleme, die man noch in den Griff bekommen werde.

«In 20 Jahren werden Sie in Ihren Supermärkten zwei Arten von Burgern finden – einen aus dem Labor und einen vom Rind», so der Forscher. «Aber einer davon wird ein Etikett tragen, ähnlich wie eine Zigarettenschachtel. Und darauf wird stehen, dass für dieses Produkt ein Tier getötet wurde. Welchen der beiden Burger würden Sie wählen?» Und wer nicht so lange warten will, dem hat Professor Post versichert, dass die Technologie im Grunde so simpel sei, dass man das Fleisch auch in der eigenen Küche herstellen könne. Der Haken? Man müsste nur einige Wochen im Voraus wissen, was man gern essen möchte.    

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