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Tierwelt 48/2013

Landen gestohlene Pferde auf Schweizer Tellern?

Nutztiere | Donnerstag, 28. November 2013 09:00, Simon Koechlin

Der Tierschutzbund Zürich prangert einen neuen Pferdefleisch-Skandal an. Laut der Organisation ist ein grosser Teil des aus Argentinien stammenden Pferdefleisches Hehlerware. Der grösste Importeur der Schweiz dementiert.

Eine Dokumentation des Tierschutzbundes Zürich über die Herkunft von Pferdefleisch aus Argentinien.

Rund 5500 Tonnen Pferdefleisch essen Schweizerinnen und Schweizer jedes Jahr. Die Palette reicht von Würsten und Mostbröckli über Steaks bis zu Filets. Mehr als 90 Prozent des Fleisches stammt aus dem Ausland – vor allem aus Kanada, Mexiko und Argentinien.

Aufgrund von Recherchen des Tierschutzbundes Zürich (TSB) gerieten Schlachthöfe und Transportbetriebe aus den drei Hauptimportländern im letzten Februar in die Schlagzeilen. Filmaufnahmen zeigten, dass sterbende und kranke Tiere sich selbst überlassen wurden. Nun doppelt der Tierschutzbund nach: Er hat die Produktionsbedingungen im und um den argentinischen Schlachthof Lamar untersucht und schlägt wieder Alarm. Von Lamar bezieht die Firma GVFI International in Basel, die grösste Fleischimporteurin der Schweiz, ihr argentinisches Pferdefleisch.

Der TSB wirft dem Schlachthof insbesondere vor, systematisch gestohlene Pferde aufzukaufen und zu schlachten. «Offensichtlich handelt es sich um ein organisiertes System aus Diebstahl und Korruption», sagt TSB-Präsident York Ditfurth. Für viele der Tiere würden bereits wenige Stunden nachdem sie gestohlen wurden Papiere ausgestellt.   Damit und von einem Pferdehändler mit einem Schlachtungs-Brandzeichen versehen, kämen sie dann sofort auf den Schlachthof und würden innert Stunden oder Tagen geschlachtet. «Selbst die Felle der geschlachteten Tiere verschwinden sofort. So kann kein Halter mehr nachweisen, dass ein ihm entwendetes Tier geschlachtet wurde», sagt York.

Pferdediebstahl ist in Argentinien Alltag, auch teure Polopferde sind nicht sicher
Der Tierschutzbund stützt sich bei seinen Vorwürfen einerseits auf argentinische Medienberichte. Immer wieder hätten Zeitungen Fälle von gestohlenen Schlachttieren und korrupten Beamten geschildert. Im März berichtete ein Blatt zum Beispiel, dass am 26. Februar diversen Pferdehaltern Einlass in den Schlachthof gewährt wurde und diese dort mehr als zehn gestohlene Pferde fanden und mit nach Hause nehmen konnten. 

Zum anderen interviewten die Tierschützer im August mehr als ein Dutzend Pferdebesitzer in Argentinien. «Wir haben keinen Pferdehalter getroffen, dem nicht schon einmal ein Pferd gestohlen worden war», berichtet Ditfurth. «Ein älterer Herr erzählte uns sogar, dass ihm bereits 128 Pferde gestohlen worden seien.» 

Gestohlen und geschlachtet werden laut TSB auch viele wertvolle Pferde. «Wir haben mit Polospielern gesprochen, bei ihnen verschwinden ebenfalls immer wieder Pferde spurlos», sagt Ditfurth. Auf Aufnahmen aus dem Schlachthof seien zum Teil Sportpferde zu sehen, die offensichtlich teuer seien. Gerade bei diesen Schlachttieren stellt sich laut TSB ein weiteres Problem. «Polospieler und Tierärzte bestätigen einhellig, dass in Argentinien praktisch jedes Sportpferd mit Phenylbutazon behandelt wird», sagt Ditfurth. Dieses Medikament wird als Entzündungshemmer und Schmerzmittel verwendet. In der EU und in der Schweiz darf es aber nicht an Tiere verabreicht werden, die in den Verzehr gelangen. «Die Gefahr ist deshalb gross, dass argentinisches Pferdefleisch  zum Teil Medikamentenrückstände enthält», sagt Ditfurth.

 Bild: zVg/Tierschutzbund Zürich

Aufgrund seiner Recherchen verlangt der Tierschutzbund einen sofortigen Importstopp von argentinischem Pferdefleisch – zumal sich im Schlachthof auch betreffend Tierschutz nichts verändert habe. Noch immer sehe man trächtige, abgemagerte, schwer verletzte, kranke oder sterbende Tiere in den Pferchen stehen. «Viele haben sich vermutlich während des Transports verletzt, andere hätten nie verladen werden dürfen», sagt Ditfurth. 

Der Importeur will die Einfuhr nur auf ausdrücklichen Kundenwunsch stoppen
Laut TSB hätte die Fleischimporteurin GVFI von den Zuständen in und um den Schlachthof Lamar wissen müssen, immerhin führe sie dort Audits durch und garantiere auf ihrer Website den Kunden lückenlose Rückverfolgbarkeit des Fleisches. Damit werde der Kunde getäuscht.

«Wir haben die Rückverfolgbarkeit im Griff», entgegnet Cornelia Gassner Bentz, Leiterin Qualitätsmanagement bei der GVFI. Das sei durch Vereinbarungen mit den Produzenten und dank gesetzlichen Regelungen gesichert. Die GVFI importiere kein gestohlenes Fleisch. Selbst wenn im Schlachthof Lamar gestohlene Pferde gefunden worden seien, sei nicht belegt, dass das Fleisch dieser Tiere für die Schweiz bestimmt gewesen sei. Die Firma führe dort regelmässig Audits und Kontrollen durch und habe weder Hehlerware noch tierschutzwidrige Vorfälle festgestellt. Auch Phenylbutazon habe man im getesteten Pferdefleisch noch nie gefunden. Zur Forderung eines Importstopps sagt Gassner Bentz: «Wir sind ein Dienstleister und stoppen Einfuhren nur, wenn unsere Kunden sagen, dass sie kein Fleisch mehr aus einem bestimmten Land einkaufen wollen.» 

Auf diese Weise gehandelt hat laut Ditfurth der Detailhändler Coop. Nach den Enthüllungen des TSB Anfang Jahr habe Coop reagiert und beziehe sein Pferdefleisch nun aus Frankreich. «Wir haben diesen Schlachtbetrieb unangemeldet getestet, und es war alles in Ordnung.» Er rate Konsumenten, kein Pferdefleisch aus Argentinien zu kaufen. «Es gibt genügend Fleisch aus der Schweiz und aus Europa.»

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