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Gras statt Kraftfutter

Weidehaltung gegen den Hunger in der Welt

Nutztiere | Donnerstag, 29. Januar 2015 07:30, Andreas Krebs

Kühe fressen Mais und Schweine fressen Soja: In der Massentierhaltung wird das Vieh zum Nahrungskonkurrenten des Menschen. An einer Tagung plädierten Agrarexperten dafür, Nutztiere wieder vermehrt mit Gras zu füttern. 

Fleisch essend den Hunger bekämpfen.» So lautete die provokante These einer in Zollikofen BE durchgeführten Tagung zum Thema Weidefleisch. Die Frage, ob der Mensch überhaupt Fleisch essen soll, wurde bewusst ausgeklammert. Vielmehr ging es um die artgerechte, grasbasierte Haltung von Wiederkäuern.

Fritz Schneider, Präsident des schweizerischen Komitees der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, lieferte zunächst Fakten. Demnach stammen 15 Prozent der Treibhausgasemissionen aus der Tierhaltung; und diese ist der grösste Wasserverschmutzer. Aber: «Der Nutztierbereich liefert einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherheit und Armutsbekämpfung. Mehr als die Hälfte aller in Armut lebenden Menschen sind für ihr Einkommen hauptsächlich von Nutztieren abhängig.»

Handkehrum wird heute rund ein Drittel der weltweiten Getreideernten an Tiere verfüttert. Gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO leben 80 Prozent aller unterernährten Kinder in Ländern, die eigentlich einen Lebensmittelüberschuss produzieren. Über die Hälfte der Lebensmittel wird jedoch in Industrieländer exportiert, als Futtermittel für Tiere. Damit werden Milchkühe oder Fleischrinder gemästet – und so zu direkten Nahrungskonkurrenten des Menschen gemacht: Um 1 Kilo Rindfleisch zu erzeugen, benötigt man rund 7 Kilo Getreide und Soja.

Natürlicherweise kein Konkurrent 
Heute wird 37 Prozent des Fleisches (vor allem Hühner und Schweine) in industriellen und 54 Prozent in gemischten Systemen produziert. In Weidensystemen nur 9 Prozent. Diesen Anteil gilt es laut Referenten an der Tagung zu erhöhen – um die Hungerproblematik zu entschärfen, aber auch für den Klimaschutz. 

«In ihrem natürlichen Lebensraum ist die Kuh kein Nahrungskonkurrent des Menschen. Im Gegenteil», sagte Anita Idel, Lead-Autorin des UN-Weltagrarberichts und Referentin an der Tagung. «Raufutter verzehrende Tiere wie Rinder, Schafe, Ziegen oder Kamele können das für uns Menschen unverdaubare Gras in wertvolle Eiweissstoffe umwandeln. Zudem schenken sie uns natürlichen Dünger, Wolle und Leder, sowie in südlichen Hemisphären auch Dung als Bau- und Heizmaterial.» Wiederkäuer seien prädestiniert für diejenigen Böden, die nicht beackert werden können – Grasland, das für Äcker zu steil, zu feucht, zu trocken ist. Gemäss Idel sind das 40 Prozent der globalen Landflächen oder 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen.

Auch in der Schweiz gibt es solche Flächen, vor allem in den Bergen. 400 000 Hektaren Ackerland stehen 1,2 Millionen Hektaren Dauergrünland gegenüber. Gemäss Berechnungen von Eric Meili, Initiator und ehemaliger Präsident der IG Bio Weide-Beef, könnte man darauf genügend Kühe und Schafe nachhaltig weiden lassen, um Milch und Fleisch für 8 Millionen Menschen zu produzieren. 

Die nachhaltige Beweidung könnte sogar die Biodiversität stärken, denn extensiv genutzte Weiden sind wertvolle Lebensräume für viele Tierarten. Doch anstatt das Grasland konsequent derart zu nutzen, importiert die Schweiz einen Viertel des Rindfleisches und mehr als die Hälfte des Kraftfutters: Jahr für Jahr weit über eine Million Tonnen, davon 250 000 Tonnen Soja, hauptsächlich aus Brasilien, wo für die gewaltigen, chemieintensiven Monokulturen Regenwälder gerodet werden. Damit, so der Tenor an der Tagung, machen wir uns zu Mittätern in Sachen Artensterben und Naturzerstörung – und abhängig vom Ausland. Laut Andreas Bosshard, Agrarökologe und Geschäftsführer von «Vision Landwirtschaft», beträgt der Selbstversorgungsgrad der Schweiz weniger als 25 Prozent, wenn man die Importe an Energie und Futter in die Bilanz einbezieht. 

Weidende Wiederkäuer schützen Klima
Dass es ohne Kraftfutter gehen würde, zeigen Untersuchungen am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). Im Rahmen des Projekts «Feed no Food» wurde die Milchleistung im Verhältnis zum Kraftfuttereinsatz untersucht. Ohne Zufütterung ging die Milchleistung zwar leicht zurück. Dafür konnte man Kosten für die Futtermittel sparen. Zudem sind die Tiere gesünder, was wiederum Kosten spart. 

Ökonomisch betrachtet, bringt die extensive Weidehaltung überall dort Vorteile, wo Ackerbau aufgrund mangelnder Effizienz nicht möglich ist. In diesen Gebieten ist Weidehaltung oft die einzige landwirtschaftliche Nutzungsform, um einen rentablen Betrieb aufrechtzuerhalten. Um Rinder nachhaltig auf Weiden zu halten und somit Grünflächen und Ökosysteme zu erhalten, sind – anders als in der Stallhaltung – viele verschiedene Rinderrassen nötig, die optimal an die jeweiligen klimatischen und geografischen Gegebenheiten angepasst sind. Diese Vielfalt reduziert die Bedrohung durch Krankheiten.

Allerdings wachsen Weiderinder langsamer als solche, die mit Kraftfutter gemästet werden. Bis zur Schlachtreife dauert es rund doppelt so lange. Darum heisst es zuweilen, dass die industrielle Mast klimaschonender ist – weil Weiderinder mehr Methan rülpsen und furzen. Die Reduzierung darauf führt jedoch in die Irre. Denn die meisten landwirtschaftlichen Emissionen an sogenannten Treibhausgasen entstehen beim Umbrechen des Landes und beim Einsatz von Kunstdünger für die Produktion von Kraftfutter.

Gemäss Anita Idel würden Wiederkäuer sogar das Klima schützen, wenn man sie artgerecht weiden liesse: «Weidetiere lösen bei den Gräsern einen Wachstumsimpuls aus, sodass die Wurzelmasse zunimmt. Und die Graswurzeln von heute sind der Humus von morgen.» Jede zusätzliche Tonne Humus im Boden entlaste die Atmosphäre um circa 1,8 Tonnen CO2 und steigere die Bodenfruchtbarkeit. Diese wiederum ist eine Existenzgrundlage für Pflanzen, Tiere und Menschen. Eine konsequente Weidehaltung könnte also den Menschen mit Fleisch ernähren und die Umwelt schützen.

Die Macht der Konsumenten

Zivilisationskrankheiten, Wasserverschwendung und -verseuchung, Zerstörung des Regenwaldes, Artensterben, Klimawandel, Tierleid, Hunger in der Dritten Welt: Viele der gravierendsten Probleme der Menschheit hängen mit der Ernährung zusammen. Das ist auch eine gute Nachricht. Sie bedeutet, dass jeder Einzelne helfen kann, diese Probleme zu lösen. Denn jeder von uns kann selber entscheiden, was er essen will. Tag für Tag.

Praktische Tipps:  

– Regionale und saisonale (Bio-)Lebensmittel vorziehen. 

– Direkt beim Erzeuger einkaufen.

– Mehr pflanzliche statt tierische Lebensmittel konsumieren. 

– Fleisch, Milch und Eier aus nachhaltiger Produktion und artgerechter Haltung kaufen. 

– Nicht nur Edelstücke kaufen. Im Internet und in Kochbüchern gibt es zig Rezepte für Siedfleisch, Zunge und Co.

– Im Detailhandel nach Heumilch, Weidefleisch und ähnlichen Produkten aus artgerechter Tierhaltung fragen, wenn diese im Sortiment fehlen. Auch Fleisch und Käse von Schafen ist empfehlenswert, diese Tiere werden meistens naturnah gehalten.

– Keine Produkte mit Palmöl kaufen – denn Palmölplantagen sind ein ökologisches Desaster. 


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