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Schweden

Klimawandel macht Rentierfarmern Mühe

Nutztiere | Freitag, 30. Dezember 2016, Jonathan Nachstrand und Gaël Brancherau, afp / msi

Die Rentierhaltung ist eine Jahrhunderte alte Tradition der Samen in Schweden, Norwegen und Finland. Die Farmer müssen sich aber zunehmend auf Veränderungen einstellen – Grund dafür ist der Klimawandel.

Durch dichte Wälder, über Hochmoore und Seen von den Bergen hinunter ins Flachland. Das war seit Jahrhunderten der Weg der Rentierherden in Lappland vor Beginn des Winters. Doch der Klimawandel hat diese Route für die Tiere zu gefährlich gemacht.

Die Eisschicht auf den Seen sei inzwischen nicht mehr dick genug, um die Rentiere zu dieser Zeit darüber zu führen, sagt Margret Fjellström aus dem schwedischen Bergdorf Dikanäs, der eine Herde hunderter Tiere gehört. «Ein Bauer aus einem Dorf weiter nördlich ist Anfang November ertrunken.» Nun transportieren Lastwagen die Rentiere zu ihren Winterweiden.

In Dikanäs bereiten Helfer auf Schneemobilen und vierrädrigen Motorrädern den Transport vor, indem sie Hunderte graubraune Tiere auf einem eingezäunten Gehege zusammentreiben. Fjellström schwingt das Lasso über ihrer Pelzmütze und ruft ihren Mitarbeitern Kommandos zu. An der Hüfte hängt das Messer, mit dem sie die Tiere am Ohr markiert.

Markieren, impfen, sortieren  
Mit geschickten Griffen packen die Herdentreiber die Rentiere am Geweih, werfen sie zu Boden, setzen den Schnitt am Ohr und impfen sie. Dann sortieren sie die fettesten Tiere aus – die kommen direkt zum Schlachter. Rentierfleisch gilt in Skandinavien als Delikatesse. Die anderen Rentiere verladen sie in einen riesigen Truck, der sie in ihr Winterweidegebiet 200 Kilometer weiter im Osten bringt.

«Das ist ein mühsames Leben, aber das schönste, das es gibt», sagt Fjellström über ihre Arbeit. «Meine ganze Identität basiert auf diesem Leben. Wenn ein Kitz geboren wird, dann vergessen wir all unsere Sorgen.» Die 30-Jährige gehört zum Volk der Samen – den einzigen, die in Schweden Rentiere halten dürfen. 4600 Rentierfarmer gibt es in Schweden und etwa eine Viertelmillion Tiere.

Die Arbeit von Herdenhaltern wie Fjellström hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Haben sich die Tiere früher im Winter allein von Moos und Flechten ernährt, brauchen sie nun zusätzliches Futter. Grund dafür ist ebenfalls der Klimawandel: Im Winter wechseln sich nun Frost- und Tauwetterphasen ab, dicke Eisschichten bilden sich auf den Flechten und die Rentiere kommen nicht mehr an sie heran.

Rückkehr der natürlichen Feinde  
Auch die wieder wachsende Zahl der natürlichen Feinde der Rentiere – Wölfe, Bären, Luchse und Adler – macht Fjellström Sorgen. 250'000 Kronen (rund 27'500 Franken) Verlust seien ihr dadurch vergangenes Jahr entstanden, sagt sie. «Schweden hat beschlossen, diese Arten zu schützen. Das ist gut. Aber ist es gerecht, dass ich dafür bezahlen muss?»

Der zunehmende Lärm von Windrädern und den Maschinen der Holzfäller ängstige die Rentiere, benennt Fjellström ein weiteres Problem. «Jede Generation von Züchtern hat ihr eigenes Kreuz zu tragen», sagt sie. «Für meinen Vater war es Tschernobyl.»

Von der Rentierzucht allein kann Fjellström nicht mehr leben. Im Winter arbeitet sie an der Rezeption eines Hotels. Aber nur bis April. Denn dann bringt sie ihre Rentiere wieder zurück in die Berge.

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