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Geflügel

Züchter müssen lernen, mit der Vogelgrippe zu leben

Nutztiere | Mittwoch, 11. Januar 2017, Matthias Gräub

Abgesagte Geflügelausstellungen, alarmierte Hühnerfarmen: Die Vogelgrippe ist in der Schweiz. Auch wenn die Geflügelzüchter hierzulande bisher glimpflich davongekommen sind, mit dem Virus werden sie künftig immer wieder rechnen müssen.

Die Luft ist eisig, die Bise zieht um die Wellblechwände der Messehalle von Martigny. Ein Mann, vielleicht fünfzig Jahre alt, steht vor der verschlossenen Glastür und späht ins Foyer. «Où sont-elles, les poules?», fragt er in einem Französisch, das spanisch nachhallt. Wo denn die Hühner seien. Es ist der 17. Dezember 2016 und der Mann ist auf der Suche nach der grössten Schweizer Geflügelschau, der «Nationalen». Erst jetzt erfährt er, dass die nicht stattfindet.

Rückblende: Am 4. November 2016 wurden in Kreuzlingen TG drei tote Wildvögel gefunden. Reiherenten. Es folgten weitere Wildvögel. Erst am Bodensee, bald darauf auch am Genfersee und schliesslich an den Ufern aller grossen Seen des Mittellandes. Die Tiere starben nicht aus Erschöpfung oder an der Winterkälte, sie gingen an der Vogelgrippe zugrunde. Der Geflügelpest. Oder wie der Fachmann sagt: an der hochgradig pathogenen aviären Influenza H5N8.

Der Fachmann, damit ist Richard Hoop gemeint, Leiter der Abteilung für Geflügelkrankheiten am Institut für Veterinärbakteriologie der Universität Zürich. Bei ihm im Labor wurden seit Anfang November 2016 mehr als 250 Proben von toten Vögeln auf das Virus hin untersucht. Zunächst vom Bodensee, bald auch vom Genfersee und nach und nach von allen grösseren Seen des Mittellandes. Knapp die Hälfte der Proben fiel positiv aus. 

Eine Verbreitungskarte der Vogelgrippe in der Schweiz:

Strenge Hygienevorschriften
Weil nicht nur Wildvögel durch das Virus gefährdet sind, sondern auch Hühner und insbesondere Wassergeflügel wie Enten und Gänse, zog das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) Konsequenzen: Seit dem 16. November gilt die «Verordnung über vorsorgliche Massnahmen zur Verhinderung der Einschleppung der Geflügelpest». Ein gesamtschweizerischer Notfallplan, der vorschreibt, wie sich Geflügelhalter zu verhalten haben. Eine Stallpflicht gibt es nicht, doch strenge Hygieneregeln müssen eingehalten werden, jeglicher Kontakt zwischen gehaltenen und wilden Vögeln muss verhindert und Futterstellen sowie Tränken müssen von der Aussenwelt abgeschottet werden. Nicht zuletzt, und hier erklärt sich, wieso der Mann in Martigny keine Hühner findet, sind seither sämtliche Geflügelausstellungen verboten.

Spazierte der Hühnerfreund ein paar Hundert Meter weiter südostwärts durch die Kälte von Martigny, käme er zur Fondation Barry. Dort, wo die Bernhardinerhunde ihr Museum haben, fände er zwar noch immer keine Hühner, aber dafür Hühnerzüchter. Mehr als hundert. Sie haben sich zu einem Solidaritätsanlass eingefunden. Wenn auch keine Geflügelausstellung stattfindet, so treffen sie sich hier doch auf Walliser Weisswein und Diskussionen. Fabrice Albertoni hat dazu geladen. Der OK-Präsident der abgesagten Nationalen behält den Humor, spricht von der «ersten Nationalen ohne Hühner» und erntet dafür ein paar bittere Lacher.

Dabei ist das Verbot für die Walliser bitter: «Wir haben hier nicht mehr viele Geflügelzüchter», sagt Albertoni, «so wenige, dass wir Kaninchenzüchter ins Komitee holen mussten, die uns geholfen haben.» Mit der nationalen Ausstellung wollte er im Kanton Werbung für sein Hobby machen. Daraus wird nun nichts. Monate der Vorbereitung waren vergebens, doch Albertoni hadert nicht: «Wir haben die Idee, die Nationale nachzuholen.» Der früheste freie Termin dafür wäre 2022, und auch das nur, wenn die Vogelgrippe verschwindet und nicht wieder auftaucht.

Im Labor des Zürcher Tierspitals steht Richard Hoop vor einem Kasten in diesem gelblichen Weiss, das alten Tintenstrahldruckern und Luftbefeuchtern eigen ist. Das Gerät untersucht Kotproben toter Wildvögel auf das H5N8-Virus. In eine Schublade werden Röhrchen eingespannt, das Resultat erscheint nach einer Weile auf dem Bildschirm daneben. Vollautomatisch. Krank oder gesund. Ganz einfach. Angst um seine Gesundheit muss Hoop dabei nicht haben. Die Viren, die seine Maschine untersucht, sind inaktiviert, wie er sagt. Sie sind nicht mehr ansteckend. Und überhaupt ist H5N8 nur für Vögel gefährlich: «Es ist noch kein Fall beschrieben, der darauf hinweist, dass es auf den Menschen übertragen worden ist», sagt er.

Die Vogelgrippe auf der Zeitachse:

 

ie aber haben sich die toten Wasservögel am Bodensee damit angesteckt, wieso bricht das Virus plötzlich aus? Hoop erklärt: «Bis zu fünf Prozent der Wildvögel tragen das Virus ständig in sich», es schade ihnen aber vorerst nicht. «Es wird erst gefährlich, wenn es mehrere Tierpassagen macht.» Steckt also eine Ente irgendwo auf einem Geflügelbetrieb Hühner an, vermehrt und verändert sich das Virus auf dem Hühnerhof. Gelangt es dann wiederum zurück zu Wildvögeln, wird es gefährlich. Das Virus zerstört die Zellen in der Leber, der Stoffwechsel bricht zusammen, die Vögel sterben. Die Situation ist nicht nur für die Enten am Bodensee gefährlich, sondern für jeden Hüh­nerhof. Steckt sich dort ein Tier an, ist der ganze Betrieb verloren. Deshalb auch die strengen Massnahmen, sowohl für Lege- und Mastbetriebe als auch für Hobbyzüchter.

Bei den solidarischen Hühnerfreunden in Martigny ist man sich uneins über die Verordnung des Bundes. Für Hanspeter Schürch etwa, den Geflügel-Chef der Sektion Kleintiere Bern-Jura, bedeuten die neuen Regeln keine grossen Veränderungen: «Ich halte meine Tiere in geschlossenen Wintergärten und füttere sie sowieso in Grossställen.» Dennoch ärgert er sich für seine Züchterkollegen. «Man muss nicht die Hobbyzucht mit Vorschriften einschränken», sagt er, «die Massnahmen sind anderswo zu suchen.»

Mastbetriebe sind besonders gefährdet
Schürch spricht von den Mastbetrieben, jenen grossen Hühnerfabriken, in denen Eier und Poulets produziert werden. «Meines Wissens gab es noch keine Vogelgrippe-Fälle in Hobbyzuchten, sondern nur in diesen grossen Masthallen.» Schürch hat recht damit, wobei in der Schweiz bisher auch die grossen Betriebe verschont blieben; sämtliche Fälle hierzulande betrafen Wildvögel. Im benachbarten Ausland sieht es anders aus. In Deutschland und Frankreich musste das Geflügel auf mehreren Dutzend Betrieben notgeschlachtet werden. Besonders schlimm hat es Ungarn erwischt, wo bereits mehr als 200 Betriebe betroffen waren.

Doch wie wird die Vogelgrippe in solche, meist professionell vor sämtlichen Verunreinigungen geschützten Betriebe eingeschleppt? Richard Hoop meint dazu: «Die Erfahrung zeigt, dass man die Infektionsquelle fast nie eindeutig identifizieren kann.» Allerdings lägen etwa Geflügelbetriebe in Norddeutschland oder den Niederlanden oft in der Nähe von Kanälen, auf denen Wasservögel schwimmen. Wenn dort ein Geflügelhalter in einen Entenkot tritt und seine Schuhe vor dem Stall nicht wechselt, schleppe er das Virus schnell in den Betrieb. «Gerade bei der Freilandhaltung muss man an alles denken.»

Dass die Schweizer Geflügelbetriebe bisher unversehrt blieben, ist wohl der Disziplin der Mäster zu verdanken. Ihre Hygienemassnahmen greifen offenbar, auch ohne explizite Stallpflicht. Eine solche gab es bei der H5N1-Epidemie vor zehn Jahren noch. Die wäre damals nicht nötig gewesen, sagt Hoop heute. «Aber die Länder rundherum hatten sie, da war der politische Druck gross.» Dabei sei das Ansteckungsrisiko diesmal grösser als vor zehn Jahren. «Damals war das Virus nur am Bodensee, heute haben wir es an allen Seen im Mittelland.» Trotzdem reiche diese «Stallpflicht light», wie Hoop die Verordnung nennt, aus, denn: «Ich nehme an, dass viele Geflügelhalter etwas mehr tun als die minimalen Vorschriften einzuhalten.»

Dies mag auf die kommerziellen Geflügelbetriebe zutreffen; fatal wäre für sie schliesslich eine Ansteckung, möglicherweise existenzbedrohend. Die Hobbyzüchter scheinen da weniger zu befürchten. Zwar befürwortet die Mehrheit die Massnahmen des BLV, doch hört man in Martigny gerade von Enten- und Gänsehaltern eine gewisse Ohnmacht heraus. Von Teichen ist hier die Rede und von Bächen, die unmöglich gänzlich vor Wildvögeln abzuschotten seien, wie es das Gesetz vorschreibt.

Einer von ihnen ist Wolfgang Gafner, Präsident des Schweizer Vereins für Wasser- und Grossgeflügel. Er lädt auf seinen Hof in Bottighofen TG ein. Kaum einen Kilometer vom Bodensee entfernt, fast dort, wo die ersten toten Vögel Anfang November gefunden wurden. Gafner ist an der Quelle der Gefahr und weiss das. Er begrüsst auch die Verordnung des Bundes, und doch lässt er seine Fränkischen Landgänse zweimal täglich ans Bächlein auf seinem Grundstück watscheln. «Was soll ich machen? Die Tiere brauchen einfach Wasser.» Gafner weiss, dass er gegen die aktuelle Verordnung verstösst, er sieht sich aber im Konflikt mit dem Tierschutzgesetz. Dieses schreibt den Zugang zu Wasser für Gänse und Enten vor. Also sieht Gafner keine andere Lösung für seine Gänse. Aus­serdem sagt er: «Im Moment hat es hier sowieso kaum Wildvögel.»

Hobbyzüchter weniger pflichtbewusst
Veterinärprofessor Richard Hoop hat kein Verständnis für diese Einstellung. «Ich finde das verantwortungslos», sagt er. «Was das Bundesamt vorschreibt, muss man erfüllen, auch wenn man selber nicht das Gefühl hat, dass sein Bestand in Gefahr ist.» Man könne ja eine kleine Weide abdecken und dort ein Wasserbecken einrichten, «der gesunde Menschenverstand legt einem ja nahe, wie man es am besten macht». 

Die Hobbyzüchter sehen bei sich keine grosse Gefahrenquelle; Hoop hingegen sieht durchaus Hygienerisiken. «Die hauptberuflichen Geflügelhalter befolgen wesentlich intensivere Hygienemassnahmen als Rassenzüchter», sagt er. Letztere seien weniger pflichtbewusst. «Das kommt wohl erst, wenn man mal einen massiven Schaden hat und daraus lernt.» Und der könne auch für Hobbyzüchter teuer werden. Wer seine Tiere nicht vor Ansteckung schützt und das Virus weiterverbreitet, müsse je nach Kanton auch für den Schaden bei anderen Tieren aufkommen. «Das kann dann schnell mal in die hunderttausend Franken gehen.» 

Die Sonderverordnung des BLV gilt vorerst bis Ende Januar. Ob sie im Anschluss aufgehoben, verlängert oder gar verschärft wird, dürfte demnächst entschieden werden. Hoop glaubt nicht daran, dass Ende Januar Normalität zurückkehrt: «Es könnten durchaus noch neue Zugvögel aus dem Norden in die Schweiz kommen.» 

Im Februar seien immer wieder Kältewellen möglich, die Seen in Norddeutschland zufrieren lies-sen. Dann würden sich die Wasservögel weiter südlich, etwa am Bodensee, nach Nahrung umsehen. Im Frühling hingegen sei die Gefahr klein, dass die Vögel auf ihrer Rückkehr nach Norden in der Schweiz haltmachen: «Dann fliegen sie eher um die Alpen herum, also könnte es allenfalls Fälle am Genfersee geben.»

Und wenn es tatsächlich doch noch eine Stallpflicht geben sollte? Bei den Gänsen auf Wolfgang Gafners Hof gibt es zwei Grüppchen, «die vertragen sich untereinander überhaupt nicht». Die könnte Gafner nicht im gleichen Stall halten. «Dann müsste ich mit allen abfahren, ausser mit den Zuchttieren.» Hiesse: Alles schlachten, was zur Zucht nicht unbedingt nötig ist.

Schlechte Erinnerungen an Stallpflicht
Gafner fürchtet sich vor diesem Damoklesschwert Stallpflicht. Weniger für sich selber. «Ich würde weitermachen, zum Aufhören bin ich zu vergiftet.» Vielmehr sorgt er sich um seine Züchterkollegen. Die Folgen der Stallpflicht vor zehn Jahren sind ihm in schlechter Erinnerung geblieben: «Damals waren wir 15 Züchter im Dorf, dann kam die Stallpflicht. Jetzt sind wir noch drei.» 

Richard Hoop versteht die Sorge, rechnet aber auch künftig mit dem Virus: «Ich würde allen Hobbyhaltern empfehlen, ihre Ställe so einzurichten, dass man seine Tiere bei Bedarf reinnehmen kann, ohne dass sie darunter leiden.» Die Züchter müssten wohl lernen, mit der Vogelgrippe zu leben, sagt Hoop. Er habe vor zehn Jahren gedacht, H5N1 sei die letzte Seuche in der Schweiz gewesen. Jetzt denke er nur noch: «Hoffentlich dauert es bis zum nächsten Mal auch so lange.»

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