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Wildbienen-Vermietung

Claudio Sedivy: Der Bienenkurier

1 Kommentare Nutztiere | Dienstag, 9. Mai 2017, Matthias Gräub

Der Biologe Claudio Sedivy verpackt hauptberuflich Mauerbienen in Kartonschachteln und verschickt sie per Post an Obstbauern. Was wie ein Streich klingt, könnte die Landwirtschaft nachhaltiger machen. 

Mitten im Zürcher Kreis 5 hat Claudio Sedivy sein Lager aufgeschlagen. Mit vielen anderen Kleinunternehmern hat der Bienenexperte sich in einem Grossraumbüro im Industrie-Chic eingemietet. Es ist nicht der Ort, an dem man einen Bienenbetrieb erwarten würde. Oder etwa doch? «In der Stadt finden die Bienen mehr zum Bestäuben als vielerorts auf dem Land», sagt Sedivy. «Zürich sieht ja von oben schon fast aus wie ein Wald, aus dem Häuser wachsen.» Im Ackerland mit seinen Monokulturen sei da im Vergleich gar wenig los. 

Wildbienen sind es, auf die sich Sedivy spezialisiert hat. Um ganz genau zu sein: Mauerbienen. Mit ihnen hat er schon an der ETH Bekanntschaft gemacht, über deren Evolution seine Dissertation geschrieben. Und mit ihnen startet er gerade beruflich durch. «Ich wusste, wie die Mauerbienen ticken», sagt Sedivy. Besonderes Augenmerk hat er auf zwei Arten gerichtet: die Rote und die Gehörnte Mauerbiene. «Die beiden eignen sich besonders gut zur Vermehrung und Bestäubung.» Sie sind schon bei tiefen Temperaturen aktiv und sie sind effiziente Bestäuber. Und, ein weiterer Vorteil: Sie stechen nicht.

Früher aktiv als andere Bienen
Sedivy hat seine Erfahrung aus dem Studium mitgenommen und vor vier Jahren die Firma «Wildbiene + Partner» gegründet, einen Bienen-Miet-Service. Das Konzept: Im Frühling verschickt der Biologe per Post ein Bienenhäuschen mitsamt rund 25 schlupfreifen Mauerbienen. Die erfreuen Privatpersonen einen Frühling lang mit ihrer Gegenwart auf dem Balkon, schwärmen umher, sammeln Pollen und bestäuben gleichzeitig praktischerweise die Umgebung. Haustiere, die nichts zu tun geben und gleichzeitig für ein gutes Gewissen sorgen. Doch wenn es nach Sedivy geht, sind sie mehr als das. Man könne die Tiere beobachten, sie kennenlernen: «Für viele Leute ist das die erste positive Erfahrung mit Insekten.»

Die Kunden sind aber nicht nur Privatpersonen. Langsam setzt sich Sedivys zweites Konzept namens «BeeFarmer» durch. Er vermietet die Bienenstände an Obstbauern, die Hilfe beim Bestäuben ihrer Kulturen brauchen. Tatsächlich haben heute viele Landwirte Probleme mit Ernteausfällen, weil zu wenige Bienen den Weg zu ihren Blüten finden. «Es stehen nicht mehr einzelne Apfelbäume auf einer bunten Wiese, die stehen reihenweise da», sagt Sedivy und spricht die Probleme der modernen Landwirtschaft an.  Ist es während der Blütezeit von Apfel-, Kirsch- und Aprikosenbäumen kalt, sind viele andere Bienen gar nicht aktiv. Die Ernte ist in Gefahr. Bislang haben sich die Bauern mit Hummeln zu helfen gewusst. Ein Geschäft, das seinen Zweck erfüllt, aber alles andere als nachhaltig ist: «Die importiert man aus dem Ausland und schmeisst sie danach weg.» Einwegbestäuber, gezwungenermassen: Man darf die Königinnen nicht aus ihren Boxen lassen, sonst vermischen sie sich mit einheimischen Hummeln. Also lässt man sie am Ende einer Saison sterben.

Im Winter werden Kokons geputzt
Sedivys Mauerbienen sind einheimische. Sie kehren nur in ihr Schilfrohrhäuschen zurück, wenn sie wollen. Ist dies der Fall, legen sie ihre Eier in die Schilfstängel des mitgelieferten Bienenhäuschens. Nach einigen Wochen sterben die Alttiere allmählich und die Jungtiere verpuppen sich in ihren Wohnröhren zu Kokons. Das «BeeHome», wie das Häuschen heisst, kommt wieder auf die Post und landet bei Sedivy. Er kümmert sich dann einen Winter lang um die Tiere, bis der Zyklus mit der nächsten Generation wieder von vorne anfängt.

Freilich ist der Platz im Zürcher Gemeinschaftsbüro etwas knapp, um Tausende von Bienenständen einen Winter lang zu lagern. Also hat «Wildbiene + Partner» sich einen Lagerraum am anderen Ende des Zürichsees gemietet, in Jona. In einer geschützten Werkstatt werden hier die Wildbienenhäuschen hergestellt. Die mittlerweile neun Angestellten der Firma sorgen dafür, dass die Bienen den Winter auch schadlos überstehen. «Wir machen alle Schilfrohre auf, nehmen die gesunden Kokons raus, putzen sie und wintern sie ein», sagt Sedivy. Damit wird sichergestellt, dass keine Parasiten den ungeborenen Bienen etwas antun.

Per Wärmesteuerung kann der Bienenexperte genau bestimmen, wann die verpuppten Mauerbienen zum Leben erwachen sollen. Er kann die Temperatur sachte erhöhen, sodass die Bienen direkt nach ihrer Ankunft beim Kunden schlüpfen. 

Dass Sedivys Überwinterungsmethode nachhaltiger ist, als Einweg-Hummeln zu importieren, ist unstrittig; aber ist ein Bienen-Miet-Service der richtige Weg für die Landwirtschaft der Zukunft? Ist er nicht blosse Symptombekämpfung, wo das wahre Problem ganz woanders liegt? Müsste man nicht die Bauern zwingen, ihre Landschaft wieder vielfältiger zu machen, damit die Bienen von selber kommen, statt ihnen eine bequeme Lösung per Post anzubieten?

Mauerbienen sollen Standard werden
Claudio Sedivy wehrt sich glaubhaft gegen solche Fragen. Ihm sei als Biologe durchaus gelegen an besseren Bedingungen für Bestäuber aus der Natur. Nur: «Du kannst nicht zum Bauern gehen und ihm den Lebensraum umgestalten. Du kannst nur das Interesse der Bauern ändern. Und das versuchen wir.» Sedivy habe im Gespräch mit Landwirten durchaus gespürt, wie sich ihr Denken wandelte. «Viele wussten vorher gar nicht, dass es neben Honigbienen auch Wildbienen gibt», sagt er. Und er habe das Gefühl, dass Bauern weniger Pestizide spritzen, wenn sie Mauerbienen haben. Die Landwirte, so der Biologe, sähen die Bienen durchaus – wie die Balkonbesitzer in der Innenstadt – auch als Haustiere. Nicht zuletzt, weil sie dafür bezahlt haben. 

Sedivys Ziel ist es, dass Mauerbienen zum Standard auf Schweizer Obstplantagen werden – ob sie nun aus seiner Kartonschachtel stammen oder aus der Natur. Nur auf die importierten Hummeln, auf die wird man wohl nicht so schnell ganz verzichten können. Auf Obstbaumplantagen sehr wohl, ebenso im Erdbeerfeld, nicht aber bei Gewächshaus-Gemüse wie Tomaten und Peperoni: «Diese Kulturen bestäubt die Mauerbiene leider nicht.»

Kommentare (1)

Anna Müller am 02.04.2019 um 15:07 Uhr
Mauerbienen müssen Tomaten und Peperoni nicht bestäuben - es sind Selbstbestäuber...

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