Sie sind hier: TierweltAktuellNutztiere

Nutztiere

Chinas Hunger auf Afrikas Esel

Nutztiere | Mittwoch, 17. Mai 2017, Oliver Loga

Viele Chinesen schwören nicht nur auf Eselfleisch, sondern auch auf ein Gelatine-Produkt, das aus Eselhaut gewonnen wird und der Gesundheit dienen soll. Die hohe Nachfrage befriedigt China mit Importen aus Afrika. Das hat verheerende Folgen.

Wer in der Sahelzone unterwegs ist, bemerkt schnell, dass dort Esel zum festen Bestandteil des Landschaftsbildes gehören. Sie ziehen Pflüge, tragen Kinder zur Schule und transportieren Wasser, Holz und Nahrung. Benoît Doamba, Direktor für Tierwelt und Jagd des Umweltministeriums von Burkina Faso, bezeichnet den Esel deshalb nicht einfach als Nutztier, sondern als unentbehrlichen Gefährten der Familie. «Der Esel ist bei uns das halbe Leben.»

Einen derart hohen Stellenwert haben die Lastentiere in China nicht. Zwar erfreuen sich Esel auch im Reich der Mitte grosser Beliebtheit, allerdings aus ganz anderen Gründen. Sowohl das Fleisch als auch die Haut der Grautiere sind äusserst begehrt. Vor allem in Nordchina wird Eselfleisch in Suppen, Eintöpfen und für «Hamburger» geschätzt. Noch grösser ist die Nachfrage jedoch in der Pharma- und Kosmetikindustrie. Dort gilt das Interesse der Haut. Denn durch das Auskochen und Eindicken frischer oder getrockneter Eselhaut lässt sich Gelatine gewinnen.

Breit angelegte Werbekampagnen preisen den Konsum dieses Serums, das häufig mit Nüssen und Gewürzen gemischt und in Riegelform unter dem Namen «Ejiao» verkauft wird, als gesundheitsfördernd an. Sie versprechen ein gestärktes Immunsystem und eine verbesserte Libido, ähnlich wie beim Pulver von Nashörnern. Nachweisen lassen sich diese Wirkungen in beiden Fällen nicht. Doch das schmälert den fernöstlichen Appetit auf «Ejiao» keineswegs. 

Parallelen zu Schuppentieren
Der chinesische «Ejiao»-Konsum ist zwar kein neues Phänomen, nimmt aber immer drastischere Auswüchse an. «Seit die Zahl der wohlhabenden Chinesen zunimmt, steigt auch die Nachfrage nach diesem ‹Luxusprodukt› als Statussymbol», sagt Vera Weber, Präsidentin der Schweizer Fondation Franz Weber (FFW). Die Folgen sind gewaltig. So ist die Eselpopulation in der Volksrepublik innerhalb der vergangenen 20 Jahre von elf auf sechs Millionen zurückgegangen. Aus diesem Grund importiert China mittlerweile Eselhäute in grossem Stil. Vornehmlich aus Afrika, weshalb die FFW vor einem Ausverkauf der Grautiere warnt und das Schicksal der Schuppentiere als mahnendes Beispiel anführt. Nachdem diese wegen der horrenden Nachfrage für medizinische Produkte und als Status-Mahlzeit in China praktisch ausgerottet waren, bediente sich der bevölkerungsreichste Staat der Erde in Südostasien und Afrika. Mit dem Resultat, dass Schuppentiere heute weltweit vor dem Aussterben stehen.

Gelatine aus Eselshaut
Das chinesische Gelatine-Produkt Ejiao aus Eselhäuten
soll verjüngend und potenzsteigernd wirken.
  Bild: Deadkid dk/CC BY-SA 3.0

Die offiziellen Zahlen nähren die Sorge, dass mit den Eseln Ähnliches passieren könnte: In Burkina Faso passierten im ersten Quartal 2015 noch 1000 Eselhäute die Grenze. In der ersten Jahreshälfte 2016 explodierte die Anzahl dann auf 65 000. Sollte sich dieser rasante Anstieg fortsetzen, wäre der Hausesel in Burkina Faso innerhalb der nächsten fünf Jahre ausgerottet. Benachbarten westafrikanischen Ländern könnte Ähnliches blühen. Das hätte verheerende Folgen für die ärmsten Regionen der Welt, wie Vera Weber befürchtet: «Ohne Esel geht in der Sahelzone nämlich gar nichts.»

Vom Nutz- zum Verkaufstier
Tatsächlich zeichnet sich auch in der Republik Niger ein düsteres Bild ab. Dort ist aufgrund der hohen Nachfrage der Preis eines Esels in die Höhe geschnellt. Von gut 30 auf bis zu 150 US-Dollar. Für viele Kleinbauern ist der Preisanstieg so lukrativ, dass sie ihre Tiere lieber an Händler verkaufen, als sie für Transporte und das Pflügen ihrer Felder einzusetzen. Allein in diesem Jahr haben über 80 000 Esel Niger verlassen. Für viele Kleinbauern sind die verbliebenen Nutztiere unerschwinglich geworden, was Millionen Existenzen gefährdet. 

Nun könnte man einräumen, dass ein solch gefragtes Geschäft auch Chancen für afrikanische Landwirte bietet, sich auf die Zucht von Eseln zu konzentrieren. Laut Berichten der «Süddeutschen Zeitung» ist das auch schon geschehen. So hätten beispielsweise viele Züchter ihr Geschäft mit Ziegen und Schafen eingestellt und auf Esel verlegt. «Doch Eselzuchten lohnen sich nicht wirklich», warnt Weber. «Sie verbrauchen zu viel Geld, Zeit, Land, Futter und Wasser.»

Chinesen sammeln Häute ein
Die Regierungen Burkina Fasos und Nigers scheinen sich der Problematik bewusst zu sein. Sie haben im Sommer 2016 ein Ausfuhrverbot von Eselprodukten nach China verhängt. Erste Erfolge haben sich zwar eingestellt, entpuppen sich aber als nicht nachhaltig. Recherchen von FFW-Mitarbeitern in Westafrika haben ergeben, dass im benachbarten Togo an der Haupttransitachse eine Vielzahl von kleinen «Eselschlachtereien» entstanden sind, in denen Esel aus Niger, Mali, Tschad und Burkina Faso geschlachtet werden. «Chinesische Händler fahren regelmässig die Strecke ab und sammeln die Häute ein», berichtet Weber. 

Für die FFW gibt es neben Aufklärungskampagnen in China nur eine effiziente Lösung: Der Hausesel müsse wie der bedrohte Afrikanische Wildesel (Equus africanus) den höchsten internationalen Schutzstatus erhalten. «Auch der domestizierte Esel Afrikas benötigt dringend den strengsten Schutz», appelliert Weber. Sonst droht vielen Afrikanern nicht nur der Verlust eines wichtigen Nutztieres, sondern auch eines unentbehrlichen Gefährten der Familie.

Kommentar schreiben


Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen, als Leserzuschriften im Heft abzudrucken oder auf die Publikation zu verzichten.

Galerien Alle Galerien