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Bei der Truthahnflüsterin

So sieht Bio-Truthahn-Haltung in der Schweiz aus

Nutztiere | Montag, 4. Dezember 2017, David Eppenberger, LID/msi

Bei Esther Vock auf dem Wendelinhof im Kanton Aargau haben es die Truthähne schön – sie hält die Vögel nach Bio-Richtlinien. Trutenfleisch aus einheimischer Produktion ist aber nach wie vor ein Nischenprodukt.

Es gibt auf den ersten Blick Schöneres zu betrachten als einen ausgewachsenen Truthahn: Der Hals unter dem kahlen Kopf ist übersät von geschwürartigen roten Verwucherungen, dazu hängt scheinbar nutzlos ein schrumpeliger Hautlappen über den Schnabel. Bei den weiblichen Tieren gilt gerade dieser allerdings als attraktiv. Aber auch die Weibchen sind im menschlichen Empfinden nicht unbedingt mit Schönheit gesegnet. Ursprünglich stammen die Vögel allerdings aus Nord- und Mittelamerika  

Die Truten sind offenbar auch nicht mit allzu viel Intelligenz ausgestattet. Doch sie haben durchaus auch Qualitäten: «Truten sind zwar etwas naiv, aber dafür unglaublich liebenswürdig», bringt es Esther Vock auf den Punkt. Sie muss es wissen, denn sie betreut die Herde von 800 Vögeln auf dem Wendelinhof in Niederwil AG. Ihr Schwiegervater Hans Vock stieg vor 30 Jahren schweizweit als einer der ersten in die Haltung von Truten ein. Er gilt als Pionier der artgerechten Freiland-Biogeflügelhaltung. Lukas und Esther Vock halten auf dem Wendelinhof alle Tiere nach den Richtlinien von KAG Freiland, die in der Schweiz als die strengsten Tierhaltungsvorschriften gelten. Dazu gehört auch der tägliche Auslauf der Truten auf die Weide. Zudem gelten auf dem ganzen Betrieb die Regeln des biologischen Landbaus.

Esther Vock mit Truthahn
Esther Vock baut Vertrauen zu ihren Truthähnen auf.
  Bild: David Eppenberger

Truthahnboom auf tiefem Niveau
In der Schweiz belegt die Trutenhaltung in der Geflügelbranche nur eine Nische. Sie deckt etwa zwei Prozent der gesamten hiesigen Geflügelfleischproduktion ab. Marktführer ist das Unternehmen Frifag in Märwil TG, das rund 90 Prozent des inländischen Trutenfleisches produziert. Die rund 230’000 Tiere lässt sie auf 28 Schweizer Bauernhöfen im Vertragsverhältnis aufziehen. Dabei verlangt das Ostschweizer Geflügelunternehmen von diesen die Einhaltung der Raus-Vorschriften (Regelmässiger Auslauf im Freien, ein Programm des Bundes). Das Schweizer Trutenfleisch erlebt – allerdings auf tiefem Niveau – so etwas wie einen Boom. Frifag-Geschäftsführer Andi Schmal rechnet in diesem Jahr mit einem Wachstum von 10 Prozent. Der Inlandanteil an Truten beträgt allerdings nur gerade knapp 15 Prozent.  

Weshalb? «In der Schweiz gibt es keine Truthahntradition und die Preise sind gegenüber dem Import viel höher», erklärt Andi Schmal. Der Grossverteiler Coop bezieht den grössten Teil des Fleischs aus Deutschland von Vertragsbetrieben, welche die Bedingungen des Schweizer Tierwohlprogramms BTS (Besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme) erfüllen. Diese schreiben beispielsweise eine Einstreu sowie den Zugang zu einem Aussenklimabereich vor. «Seit Februar 2016 stammt das gesamte frische Trutenfleisch unserer Eigenmarken mit Ausnahme von Prix Garantie von solchen Betrieben», sagt Ramon Gander von Coop. Bei Migros beträgt der Inlandanteil von Trutenfleisch 20 Prozent.

Wohlfühloase für Truten
Sobald Esther Vock die Stalltüre öffnet, richten sich sofort hunderte von neugierigen Augenpaaren auf sie. Es dauert nicht lange, bis sich die Gruppe unter den typischen «Guruguru»- Lauten um sie versammelt hat. Es ist ein Vertrauensverhältnis. Die Basis dafür legt die Trutenhalterin am Anfang: «Wenn die sechs Wochen alten Jungvögel Anfang August nach Niederwil kommen, brauchen sie in der für sie neuen Umgebung zuerst viel Betreuung.» Sie verbringe deshalb in den ersten drei Wochen täglich viel Zeit im grossen Gehege um sie kräftig zu «chüderlen», sagt sie. Auf der Weide finden die Truthennen und Truthähne – sie wachsen hier gemeinsam in einer Herde auf –, ausreichend Gras und Würmer zum Fressen sowie anderweitige Beschäftigungsmöglichkeiten. Im Stall können sie sich auf mehrschichtig aufgestapelten Strohballen ausruhen. Die grossen Vögel sind von Natur aus gerne in der Höhe.  

Der Wendelinhof ist also schon fast eine Wohlfühloase für Truten. Er ist das Gegenprogramm zu den grossen Mastbetrieben im Ausland. Bewusst halten die Vocks nicht die dort üblichen auf die Produktion von viel Brustfleisch gezüchteten weissen Trutenrassen, sondern die leichteren, schwarzen Rassen. «Sie sind näher bei der ursprünglichen Form und deshalb weniger krankheits- und verletzungsanfällig.» Und das ist hier besonders wichtig, weil konsequent auf den Einsatz von Antibiotika verzichtet wird. «Falls ein Tier doch krank wird, kommen Hausmittelchen und homöopathische Mittel zum Einsatz.» Zudem ist hier zum grössten Teil Wendelinhof drin, wo es draufsteht: Zum täglichen Futter gehört auch Weizen aus eigener Produktion. Doch ganz ohne zugekauftes Futter mit Eiweissträgern gehe es auch bei ihnen nicht, erklärt Esther Vock. «Doch wenigstens stammt die darin enthaltene Bio-Soja aus Europa.»  

Truthähne auf der Weide
Auf dem Wendelinhof dürfen die Truthähne jeden Tag auf die Weide
  Bild: David Eppenberger

Ganzes Tier bitte schön
Qualität kommt hier vor Quantität: Auf dem Wendlinhof bringt ein Truthahn beim Gang in den Schlachthof höchstens 15 Kilogramm auf die Waage, die weiblichen Tiere sind leichter. In der konventionellen Haltung mit den mastbetonten weissen Rassen sind die Gewichte höher. Die Kundschaft der Vocks ist bereit, den für die extensivere Haltung nötigen höheren Preis zu bezahlen. Nicht nur, weil sie wissen, dass es die Tiere hier in ihrem kurzen Leben gutgehabt haben. Sie teilt auch das Konzept, dass mehrheitlich nur ganze Tiere verkauft werden. Für den Braten an Thanksgiving und Weihnachten beispielsweise. «In unserer Nische funktioniert das seit vielen Jahren ausgezeichnet», sagt sie stolz. Im Grosshandel werden grösstenteils nur die Trutenbrust oder Produkte daraus verkauft. Für die Vocks ist klar: «Das würde unseren ethischen Grundsätzen widersprechen.» Hier ist das Ziel, dass möglichst viel vom Tier in die menschliche Ernährung gelangt.  

Doch wie alle professionellen Tierhalter kommen auch sie nicht am Schlachten der Tiere vorbei, wenn die fünf bis sechs Monate Aufzuchtzeit vorbei sind. Esther Vock zuckt mit den Achseln: «Das gehört halt leider einfach dazu.» Wenigstens liegt der Schlachthof nur wenige Truthahnschritte vom Stall entfernt auf dem gleichen Betrieb. Stressige Transporte bleiben ihnen so erspart. Zudem helfe den Tieren hier ihre eingeschränkte Intelligenz: «Wenn ein Truthahn sieht, wie ein Kollege geschlachtet wird, dann vergisst er das sofort», sagt Esther Vock. Meistens fügten sich diese gleich wieder ganz ruhig ihrem Schicksal und trotteten seelenruhig in den Schlachtraum. Bei den Gänsen, die auch noch auf dem Wendelinhof gehalten werden, sei das ganz anders: «Nach der ersten grossen Schlachtung herrscht dort in der ganzen Herde tiefste Depression.»  

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