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Ausgestorbene Nutztierrassen

Geschrumpfte Vielfalt auf dem Bauernhof

Nutztiere, Aktuelle Ausgabe | Mittwoch, 5. Dezember 2018, Petra Stöhr

Im 19. Jahrhundert hielten noch viele Bergtäler und Regionen ihre eigenen Schaf-, Ziegen-, Rinder- und Schweinerassen. Seither ist die Vielfalt auf dem Bauernhof deutlich zurückgegangen. Was ist passiert? 

Kennen Sie das Lötschentalerschaf? Oder das Albula Grauvieh, das Märchlerschwein und die Oberhaslerziege? Kein Wunder, wenn nicht, denn diese Schweizer Rassen sind ausgestorben – wie viele andere auch. ProSpecieRara listet eine beeindruckende Vielfalt an Nutztierrassen und -schlägen, die früher das Landschaftsbild mitprägten und die es heute nicht mehr gibt. Von 39 Ziegenrassen überlebten 13, von 40 Schafrassen 9, von 35 Rinderrassen 5 und von 20 Schweinerassen 2.

Die Suche nach der Frage, wann und warum diese Rassen verschwanden, führt über 100 Jahre zurück. Damals wuchs die Schweizer Bevölkerung im Zuge der Industrialisierung deutlich und damit einher ging auch ein tiefgreifender Wandel der Landwirtschaft: Nutztiere hatten mehr Leistung zu bringen, um die Menschen zu ernähren.

«Die Bauern mussten sich entscheiden, ob sie ein Milch- oder Fleischbetrieb sein wollten», erklärt der stellvertretende Geschäftsführer von ProSpecieRara, Philippe Ammann. Diese Spezialisierung auf eine Nutzung der Rinder geschehe in der Hochleistungslandwirtschaft automatisch. Viel Milch bedeute eine Reduktion der Muskelmasse, während viel und gutes Fleisch einen Schwund des Euters zur Folge habe.

Doch nicht nur die früheren Rinderrassen, auch die Rassen anderer Nutztiere kamen unter Druck. Die gute Wolle der Schafe etwa brauchte kaum jemand mehr. Bedeutungslos waren lange Zeit auch die Ziegen. Und die alten Schweinerassen waren nicht mehr beliebt, seit die Menschen mageres, zartes Fleisch essen wollten und nicht mehr Speckschwarten. Es ging laut Ammann aber nie darum, die alten Rassen per se zu verdrängen, sondern sich auf die Tiere zu konzentrieren, deren Leistung man steigern konnte. Oder wie es ProSpecieRara-Gründer Hans-Peter Grünenfelder ausdrückt: «Jede Rasse, die auf mehr Input nicht mehr Ertrag brachte, wurde fallen gelassen.» Dies führte zur Dezimierung der Vielfalt auf den Bauernhöfen.

Einkreuzung und Verdrängung
Im Werk «Neue Alpina» von 1827 beschreibt der Verfasser 16 gut unterscheidbare Schwei-zer Schweinerassen, benannt nach der Region, in der sie lebten. «Später nahm man gleich aussehende Rassen und gleiche Typen zusammen und gab ihnen einen Namen», erklärt Grünenfelder, weshalb ein Lehrbuch 1898 noch zehn Rassen führte.

Um die Jahrhundertwende begann man dann mit Verdrängungskreuzungen, bei denen die besten Schweizer Rassen mit ausländischen Hochleistungsschweinen gepaart wurden. Daraus entstand das «Schweizer Landrasse Schwein». Andere Schweizer Sauen wurden mit den englischen Yorkshire-Schweinen zum «Edelschwein» herangezüchtet. Längst gibt es nur noch zwei Schweizer Rassen. Auf der Strecke blieb unter anderen das Märchlerschwein. Bis in die 1980er-Jahre halten konnten sich das als letzter Vertreter des «Torfschweines» geltende, rote Bündner Oberländerschwein und das schwarze Bündner- / Veltlinerschwein.

Von Amtes wegen reduziert wurden die Schweizer Rinderrassen: Die Behörden setzten auf Braunvieh und Simmentaler Fleckvieh. Das klein gewachsene Adelbodnerrind etwa ging im Frutigervieh auf, das seinerseits später mit dem Simmentaler zusammengeführt wurde. Der Aufbau einer schweizweiten Braunviehzucht mit klaren Zuchtkriterien bedeutete im späten 19. Jahrhundert das Ende der Einsiedler, Glarner, Schwyzer, Rigi- und Feldiserrinder.

Auch die Verdrängung des leichten und kleinen Albula Grauviehs und eines grösseren Oberländer Schlages durch das milchbetonte Braunvieh ab 1920 geht auf die Behörden zurück. Gemäss Beschluss des Grossen Rates  in Chur war nur noch Braunvieh vom Zuger Stiermarkt zur Zucht zugelassen. In der Folge starben die Bündner Schläge aus. Das heute bekannte Rätische Grauvieh geht zwar auf das Albulavieh zurück, stammt aber von Tiroler Tieren ab, die ProSpecieRara ab 1985 in die Schweiz holte.

Zehn Jahre zuvor wurde das letzte reinrassige Freiburger Schwarzfleckvieh geschlachtet, nachdem einer der letzten Stiere einen Gendefekt vererbte, der zu Missbildungen geführt hatte. Um diesen Erbfehler auszumerzen, erlaubten die Behörden seit den 1950er-Jahren die Paarung der Freiburgerkühe mit Holsteinstieren. Dies führte zur vollständigen Verdrängung der Freiburger Zweinutzungsrasse durch die ausschliesslich Milch produzierenden Holsteiner. «Für die Freiburger sind die Holsteiner heute Freiburger», sagt Ammann. Der kulturelle Bezug zum schwarz-weissen Rind sei gegeben, nur dass es jetzt eine andere Rasse ist.

Ordnung gemacht
Fast jedes Tal und manch eine Region mit einer eigenen Rasse – dies galt früher auch für die Ziegen hierzulande. Bereits 1885 monierte man anlässlich der ersten Schweizer Kleinviehausstellung die «Unordnung» bei den Ziegen: Es herrsche ein buntes Gemisch zahlreicher Lokal- und Farbenschläge, die planlos vermehrt wurden. Entsprechend heruntergekommen waren viele Schläge, schreibt der Schweizerische Ziegenzuchtverband in einer Festschrift.

Als der Ziegenbestand zwischen den Weltkriegen deutlich schrumpfte und Inzucht die immer kleineren Bestände bedrohte, machte die Fachmännerkonferenz in einer sogenannten Rassenbereinigung Ordnung: 1938 anerkannte sie noch acht Landrassen als förderungs- und herdebuchwürdig. Dies bedeutete das Ende der Oberhaslerziege, die wie andere braune Geissen des Bündner und Oberhasli-Brienzer Schlages in die Gämsfarbige Gebirgsziege überging.

In derselben Zeit wurde auch bei den Schafen «aufgeräumt». Aus lokalen Schlägen entstand das Schwarzbraune Bergschaf und durch Einkreuzen ausländischer Rassen in heimische Landrassen das Weisse Alpenschaf. Regelrecht ausrotten lassen haben die Behörden dagegen das Lötschentalerschaf. Dies ist laut Grünenfelder der einzige Fall einer Ausrottung in der Schweiz.

Die meisten Nutztierrassen starben wegen wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit aus. Er erhebe nicht den Vorwurf, dass die Landwirtschaft auf Leistung züchtet, sondern dass man die alten Rassen nicht habe in der Nische überleben lassen, sagt Grünenfelder. «Was ausgestorben ist, ist weg und damit auch wertvolle Genetik.» Auch Philippe Ammann sagt, dass man einen Genpool mit möglichst unterschiedlicher Genetik erhalten müsse. «Es geht darum, einen lebenden Werkzeugkasten zu erhalten.» So könne eine neue Krankheit auftauchen, gegen die eine spezielle Rasse immun ist – und daraus werde ein neues Werkzeug.

Aber es gibt Hoffnung: In Zeiten, in denen immer mehr Menschen Massenproduktion ablehnen, setzen Bauern vermehrt auf Nischen. Sie halten etwa gezielt alte Ziegen- und Schafrassen zur Landschaftspflege, da diese Brombeeren und Brennnesseln fressen. Oder sie schätzen die Stärken alter Rassen: die Robustheit, die Anspruchslosigkeit und die gerade in den Bergen sehr wichtige Geländegängigkeit.

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