Sie sind hier: TierweltAktuellNutztiere

Schwierige Bison-Zucht

Bison-Idylle vor dem Aus

2 Kommentare Nutztiere | Mittwoch, 19. Juni 2019, Franz Bamert

Der Amerikanische Bison ist das perfekte Tier für eine extensive Landwirtschaft in der Schweiz. Das dachten sich auch zwei Brüder in der Romandie. Doch ihr Projekt droht zu scheitern – das liegt nicht an ihnen und auch nicht an den Bisons. 

«He Tanja», ruft Florian Plattner in die Weide bei Avenches VD hinaus und in seiner Stimme schwingt die Liebe und Begeisterung mit, die am Anfang des Abenteuers Bison stand. Der Anfang, der liegt bald ein Vierteljahrhundert zurück. Die Liebe zu den Tieren ist geblieben, die Begeisterung für das Projekt ist ein bisschen abgeflaut. Aber davon später, denn jetzt hebt Bisonkuh Tanja ihren Kopf, grunzt, trottet auf den Bauern zu und holt sich Streicheleinheiten. Dabei wird sie von ihrer Herde beobachtet, die respektvoll Abstand hält. «Tanja ist eine Ausnahme», sagt der 51-Jährige. «Sie kam als Zwilling zur Welt, ein eher seltenes Phänomen bei Bisons, die in der Regel nur ein Kalb werfen.» Und weil in freier Wildbahn zwei Kälber kaum überleben, wird eines oft von der Mutter verstossen.

Aber Avenches liegt nicht im Wilden Westen, nur im Westen der Schweiz, und hier lässt man kein Tier einfach verkommen. So nahm sich Plattner des kleinen Bisonkalbs an und zog es mit der Flasche auf. «Heute zahlt Tanja es mir zurück, indem sie die Leitkuh für die abgesetzten Kälber spielt.» Während sich Tanja von ihrem Chef kraulen lässt, bildet der Rest der Herde einen schützenden Kreis um den Nachwuchs. Man weiss ja nie, was Fotografen und Journalisten so im Sinn haben.

Das tönt nach Idylle pur auf dem Bisonhof. Doch diese Idylle trügt. Das liegt nicht an den Tieren, auch nicht an Plattner, der den 59-Hektar-Hof zusammen mit seinem Bruder Christian führt. Es liegt an den Umständen, den Paragrafen, den Gesetzen und Vorschriften. Und vielleicht auch an den Menschen, welche diese umsetzen. Dabei hatte doch alles so gut begonnen. «Wie so viele Buben hatte ich schon immer von Nordamerika, der Prärie, den Indianern und den Büffelherden geträumt», erzählt der Bauer. Doch zunächst kümmerten sich die Plattners um Mastmunis, um Milchwirtschaft und um Getreidefelder.

Durch die USA gereist
«Ich ahnte aber, dass die Agrarpolitik allenfalls in eine Sackgasse, zu Überfluss an konventionellem Fleisch und Milch führen würde», erinnert sich der Landwirt. Denn da waren die Stimmen, die den Bauern Nischen, neue Wege und Diversifikation empfahlen. Der damalige Jungbauer glaubte den Politikern und Verbandsmenschen und fackelte nicht lange. Er erinnerte sich seiner Bubenträume, packte 1991 den Rucksack, flog in die USA und sah 48 der Vereinigten Staaten und verschiedene der riesigen Bisonherden, welche früher über die Prärie und heute durch die Nationalparks ziehen.

Bisonherde in Avenches
Die Bisonherde in Avenches kann sich sehen lassen.
  Bild: Adrian Baer

 

Zurück in der Schweiz besuchten die Waadtländer Bauern Laurent Girardet, einen der ersten Bisonhalter der Schweiz in Genf. «Wir wollten nur eine oder zwei Stunden mit ihm reden», erinnert sich Plattner. «Aber aus den zwei Stunden wurde ein Tag und wir kauften eine kleine Herde Bisons, welche
eigentlich für Italien gedacht war.» Die junge Herde fühlte sich am Murtensee sofort wohl, die Besucher bei den Plattners gaben sich die Klinke in die Hand. Schnell waren auch Abnehmer für das fettarme, butterzarte und wohlschmeckende Fleisch gefunden.

Und eigentlich möchte man die Geschichte hier mit einem Happy End abschliessen. Doch das geht nicht, denn langsam schlichen sich die Probleme ins Leben der Plattners und der Bisons. «Wir wollten zusammen mit einem Koch eine Table d’hôte, zu Deutsch etwas weniger edel Besenbeiz, mit Nose-to-tail aufziehen», erzählt Plattner. Das Raumplanungsamt war jedoch nur gewillt, eine Bewilligung für maximal 20 Gäste zu erteilen. Die daraufhin organisierten Bisonfeste zogen jedoch bis zu 2500 Besucher an.

Bisons in den USA

Noch im vorletzten Jahrhundert bevölkerten – je nach Quelle – 30 bis 60 Millionen Büffel Nordamerika. Sie werden in der Wildnis etwa 20 Jahre alt. Ausgewachsene Bisonkühe wiegen um die 600, Bullen um die 1000 Kilogramm, sind aber schnell: 50 Kilometer pro Stunde sind kein Problem. Verschiedenen Indianerstämmen waren die Tiere heilig und Nahrung zugleich. Amerikas Ureinwohner verwendeten restlos alles, wenn sie ein Tier töteten: Übrig gebliebene Knochen dienten als Werkzeuge, Sehnen als Schnüre. Um den Indianern die Lebensgrundlage zu nehmen, wegen der Felle und auch aus reiner Lust am Töten, erschossen die Army, die Beauftragten der Eisenbahngesellschaften und die Siedler so viele Büffel, bis sie beinahe ausgerottet waren.

Dann ist da noch die Geschichte mit den Bundesbeiträgen an die Rinderhalter. Obwohl Bisons offiziell Rinder wie die hiesigen Sim­mentaler oder Brown Swiss sind, erhalten die Plattners kaum die Hälfte der Tierwohl-Beiträge für das Raus-Programm des Bundes. Diese Woche wurde zudem im Ständerat eine Motion abgelehnt, die für die Bisonzucht die gleiche finanzielle Unterstützung wie für alle Rinderarten forderte. Gleich hohe Direktzahlungen gebe es bereits, weshalb kein Handlungsbedarf bestehe. Der Nationalrat hatte die Motion zuvor angenommen, nun ist sie jedoch vom Tisch.

Ein weiteres Problem ist die Genetik: In Europa gibt es nur drei Bison-Linien, Inzucht droht. Der Import von lebenden Bisons in die Schweiz aus Nordamerika ist aber nur via die EU möglich. Die verlangt seit einigen Jahren, dass sämtliche Tiere der Herde, aus der die importierten Bisons stammen, auf fünf verschiedene Seuchen getestet werden. Das wiederum sehen die Amerikaner nicht ein.

Was die Zukunft bringt
Die wenigen Schweizer Bisonhalter hoffen nun auf eine Ausnahmebewilligung des zuständigen Bundesamtes. Aber das kann dauern. «Es ist wie ein Puzzle», sagt Florian Plattner. «Lauter kleine Einzelteile, die jedes für sich nicht so schwer wiegen. Aber alle zusammen können dir den Rest geben.» Zu diesen Einzelteilen gehört auch die Unge­wissheit, wie lange es den Schlachthof in Avenches noch geben wird, eine Notwendigkeit, da die Tiere auf der Weide geschossen und innert 45 Minuten in einem anerkannten Schlachthof geschlachtet sein müssen.

Tanja hat offenbar genug geschmust und verabschiedet sich mit einem zufriedenen Grunzen. Sie ist eines von rund 150 bis 200 Tieren, die in verschiedenen Herden auf dem Plattner-Betrieb leben. Die Bisonkuh zieht zufrieden mit ihrer Herde davon, ein paar Kälber spielen vergnügt und unbeschwert zwischen ihren Tanten und Müttern. Wenn sie wüssten, wie unsicher ihre Zukunft ist, wären sie vielleicht nicht so friedlich.

Kommentare (2)

albi matter am 22.06.2019 um 18:04 Uhr
der bison lebt! bonne chance!!!!

Fred Wittwer am 21.06.2019 um 18:40 Uhr
Das wäre jammerschade, wenn die Bisonherde verschwinden würde. Es ist immer eine grosse Freude, wenn ich in Avenches vorbeifahre. Bin Architekt und zugleich auch Landwirt und es kann nicht sein, dass für Bisons nicht die gleichen Direktzahlungs-Richtlinien wie für die übrigen Rinderarten gelten.
Dass die Tiere auf der Weide geschossen werden ist absolut richtig und würde auch den andern Rindern den leidigen Schlachtviehtransport und den Horror im Schlachthof ersparen.
Unterstütze die Bison-Haltung der Familie Plattner und hoffe den edlen Tieren auch künftig in Avenches zu begegnen.

Kommentar schreiben


Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen, als Leserzuschriften im Heft abzudrucken oder auf die Publikation zu verzichten.

Galerien Alle Galerien