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Viel besser als ihr Ruf

Nutztiere | Dienstag, 13. August 2019 09:20, Oliver Loga

Anders als Bienen haben Wespen bei vielen Menschen einen schweren Stand. Sie werden häufig als Plagegeister wahrgenommen. Dabei erfüllen sie wichtige Aufgaben im Ökosystem. 

In der Fernsehserie «Biene Maja» lernen bereits Kinder, dass Wespen unfreundliche Gesellen sind. Immer wieder kommt es zum Kampf zwischen Bienen und Wespen, wobei das Sympathiependel eindeutig zugunsten der fleissigen Bienchen ausschlägt. Doch dürften Animationsfilme wie dieser kaum ausgereicht haben, um Wespen ein derart schlechtes Image zu verpassen. 

Der Grund für die weitverbreitete Abneigung beruhe auf Unwissenheit und mangelndem Naturinteresse, vermuten britische Forschende des University College London (UCL). Sie haben den fragwürdigen Ruf der fliegenden Insekten genauer unter die Lupe genommen.

«Wir leben seit Langem in Harmonie mit Bienen zusammen und haben einige Arten domestiziert», heisst es in einer UCL-Mitteilung. Die Interaktionen zwischen Menschen und Wespen seien dagegen meist weniger friedlich. Vermutlich war jeder schon einmal genervt, wenn eine Wespe im Spätsommer beim Schlemmen im Freien auch etwas abbekommen wollte oder sich für das Süssgetränk im Glas interessiert hat. 

Fuchteln macht Wespen aggressiv
Statt den ungeladenen Gästen einen ablenkenden «Wespentisch» mit von ihnen geliebten Weintrauben anzubieten, versuchen viele Picknicker durch wildes Fuchteln die Insekten loszuwerden. Diese Art des Verscheuchens sorgt aber nur für Aggressivität und endet im schlimmsten Fall mit einem schmerzhaften Stich der Weibchen (Männchen können nicht stechen), der das Ansehen der Wespe nicht gerade steigert. Eine Umfrage der UCL-Wissenschaftler unter rund 750 Personen aus 46 Ländern bestätigte denn auch, dass es eine universelle Abneigung gegenüber Wespen gibt.

Die negative Einstellung wird nur durch eine kleine Anzahl sozialer Wespenarten, wie der Gemeinen und der Deutschen Wespe (siehe Seite 14), bestimmt. Diese kommen am häufigsten mit Menschen in Kontakt. Angesichts dieser unerfreulichen Begegnungen gerät häufig in Vergessenheit, dass Wespen wie Bienen zu den ökologisch und ökonomisch wichtigsten Lebewesen gehören.

Sie bestäuben aber anders als Bienen nicht nur – und das sogar bei Wind und Regen –, sondern halten auch Schädlinge und «Lästlinge» wie Stechmücken, Fliegen oder Raupen im Zaum. Zudem dezimieren sie Insekten, die Krankheiten übertragen können, und stehen auf dem Speiseplan von anderen Tieren, etwa von Vögeln.

Wespen brauchen menschliche Hilfe
Umso bedenklicher ist es, dass die Zahl der nützlichen Tierchen immer weiter zurückgeht. «Wie andere Insekten auch leiden Wespen unter der intensiven Landwirtschaft und dem grossflächigen Einsatz von Pestiziden», sagt Sabine Mari, Projektleiterin Ratgeber bei Pro Natura. Sie appelliert deshalb an Gartenbesitzerinnen und Hobbygärtner, auf Pestizide zu verzichten, auf einheimische Pflanzen zu setzen, Kleinstrukturen in der Nähe von Nahrungsquellen zu schaffen und Wespennester an Gebäuden zu dulden. 

«Als Konsumenten können wir ausserdem biologisch angebaute, regionale und saisonale Nahrungsmittel wählen», empfiehlt Mari. Ebenfalls wichtig sei es, Freunde und Bekannte über den Nutzen von Wespen aufzuklären, damit diese nicht mehr unter ihrem schlechten Ruf leiden.

Zur Aufklärungsarbeit gehört auch die Unterscheidung zwischen Echten Wespen, Gallwespen und Schlupfwespen. Echte Wespen bauen im Gegensatz zu den solitär lebenden Gallwespen und Schlupfwespen (siehe Box) Nester und bilden Staaten. Dafür legt die Königin, nachdem sie den Winter in einer Kältestarre verbracht hat, im Frühling jeweils ein Ei in die ersten Zellen des von ihr gebauten Nestes. Die Eier befruchtet sie kurz davor mit Spermien vom letzten Herbst, die sie in einer Samentasche aufbewahrt hat.

Überwintern im morschen Holz
Für ihre Larven schlüpft die Königin in die Rolle einer Vorzeigemutter. Um eine gleich bleibende Temperatur im Nest zu erhalten, sorgt sie für einen Wärme- beziehungsweise Kälteausgleich.Als «Klimaanlage» transportiert sie an warmen Tagen Wasser ins Nest, verteilt dieses auf der Wabe und führt durch Flügelschlagen Luft zu. Die Verdunstung des Wassers kühlt das Nest. Droht dagegen Unterkühlung bewegt die Königin mit ausgekugelten Flügeln, also im Leerlauf, ihre Flugmuskulatur und erzeugt die nötige Wärme.

Auch die Fütterung übernimmt die Königin höchstpersönlich, indem sie ihrer Brut einen Brei aus zerkauten Insekten anbietet. Nach der Fütterung geben die Larven einen zuckerhaltigen Tropfen ab, der der Ernährung der Königin dient und für die Larven die einzige Möglichkeit ist, Flüssigkeit abzugeben.

Nach etwa zwei Wochen guter Fütterung sind die ersten Larven ausgereift und spinnen sich einen dichten Kokon, in dessen Schutz sie rund zwei Wochen als unbewegliche Puppe verharren. Die Verwandlung zum fertigen Insekt erfolgt im Juni. Weibchen sind dabei deutlich kleiner als die Königin. Ihre verkümmerten Eierstöcke bestimmen sie zu Arbeiterinnen mit klaren Aufgaben vor. 

Während einige mit dem Nestausbau zu tun haben, sind andere Individuen mit der Säuberung der Zellen, der Fütterung der Larven oder der Nahrungsbeschaffung beschäftigt. Mit dem Erscheinen der Geschlechtstiere im Spätsommer löst sich der Wespenstaat allmählich auf und die alte Königin stirbt. Der erste Kälteeinbruch lässt auch die letzten obdachlosen Arbeiterinnen sterben.

Es gibt nur wenige Überlebende: die Jungköniginnen, die aus befruchteten Eiern entstehen, während die männlichen Drohnen aus unbefruchteten Eiern schlüpfen. Die Geschlechtstiere fliegen aus dem Nest und paaren sich, wonach die Drohnen sterben und die jungen Königinnen sich zum Überwintern ein geeignetes Versteck in morschem Holz, unter Rinden oder in Hohlräumen suchen. Dort verschlafen sie den Winter, bis sich der Kreislauf im nächsten Frühjahr mit der Gründung eines neuen Staates wiederholt.

 

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