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Verheerende Brände

Indonesien: Die grüne Lunge brennt

Natur & Umwelt | Donnerstag, 26. November 2015, Meret Signer

Seit Monaten toben in Indonesien Waldbrände. Zwar kehren sie auf den Inseln Borneo und Sumatra alljährlich wieder, dieses Jahr allerdings in solch verheerendem Ausmass, dass sie als «Verbrechen gegen die Menschheit» bezeichnet wurden.

Die Torf-Sumpfwälder auf Borneo und Sumatra gehören nicht nur zu den letzten grossen Regenwaldgebieten dieser Erde, sondern zeichnen sich auch durch die besondere Beschaffenheit ihres Bodens aus: Der mit Wasser getränkte Untergrund besteht zum grössten Teil aus Torf. Brände in solchen Torfböden sind aus mehreren Gründen gefährlich und schwer zu kontrollieren: Die Brandherde pflanzen sich unterirdisch fort, scheinbar gelöschte Feuer können immer wieder ausbrechen. Ausserdem ist im Torf sehr viel Kohlenstoff gespeichert und bei der langsamen und schwelenden Verbrennung entsteht ein giftiger Rauch, der betroffene Gebiete wochenlang einhüllen kann.

Achtzig Prozent der Torf-Sumpfwälder der Welt befinden sich in Indonesien. Jahr für Jahr werden sie von absichtlich gelegten Waldbränden heimgesucht. Seit Juli diesen Jahres allerdings haben diese Feuer sich zu einer der grössten Umweltkatastrophen der letzten zehn Jahre entwickelt. Warum?

Palmöl und El Niño
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich hier wohl um das Resultat einer jahrelangen, verfehlten Politik handelt – und um Wetterpech. Die indonesische Regierung vergibt Konzessionen an Holz- und Palmölfirmen, damit diese Land für ihre Zwecke nutzen können. Obwohl Brandrodungen illegal sind, machen vor allem Letztere davon Gebrauch, um möglichst schnell und günstig Platz für neue Palmölplantagen zu schaffen. «Natürlich sind Waldbrände immer auch ein natürliches Phänomen», sagt Regina Frey, Stiftungsratspräsidentin und Gründerin der Stiftung von PanEco, die sich seit Jahren für Arten- und Umweltschutz in Indonesien einsetzt. «Aber hier sind Grosskonzerne am Werk, indonesische und internationale.»

Smog in Indonesien
Ein NASA-Satellitenbild vom 24. September 2015 zeigt die Ausdehnung der
Rauchwolke über Borneo und Sumatra.
  Bild: Public Domain

Diese legen nicht nur Brände, sondern auch Entwässerungskanäle, wodurch das Land immer mehr austrocknet. «Selbst wenn es regnet, können die Böden das Wasser nicht mehr absorbieren», erklärt Frey. Hinzu kommt, dass in diesem Jahr das Wetterphänomen El Niño in weiten Teilen Südostasiens für eine andauernde, intensivere Trockenzeit als sonst gesorgt hat. Ausbleibende Regenfälle, fortschreitende Austrocknung, Erosion – dies alles hat zur unkontrollierten Ausbreitung der diesjährigen Waldbrände beigetragen.

43 Millionen Menschen betroffen
Nicht nur die in den Wäldern lebenden Tiere, unter ihnen die letzten wildlebenden Orang-Utans, sind unmittelbar betroffen, sondern auch die Menschen. Grosse Teile der Region litten monatelang unter der giftigen Rauchwolke, die bis weit in die Nachbarländer Singapur und Malaysia reichte. 43 Millionen Menschen waren gezwungen, verschmutzte Luft zu atmen. 19 Todesfälle habe der Smog gefordert, hiess es beim indonesischen Sozialministerium. Eine halbe Million habe unter Atembeschwerden gelitten, weitere Todesfälle gab es bei Verkehrsunfällen wegen schlechter Sicht. In sechs Provinzen wurde der Katastrophenzustand ausgerufen. Bei der Behörde für Meteorologie, Klimatologie und Geophysik sprach man von einem «Verbrechen gegen die Menschheit».

Dwi Setijo Widodo, Anwohner von Pangkalan Bun in der stark betroffenen Provinz Kalimantan Tengah auf Borneo und Berater des dortigen Nationalparks, sagt: «Die Situation hat unser tägliches Leben enorm schwierig gemacht. Es ist viel schlimmer als im letzten Jahr. Die Leute reagieren aber fast ein bisschen gleichgültig, weil es seit 18 Jahren jedes Jahr wieder passiert.»

Moschee von Palangkaraya
Die grosse Moschee von Palangkaraya, der Provinzhauptstadt von
Kalimantan Tengah, im Smog.
Bild: Public Domain

Doch auch die Folgeschäden sind verheerend. Laut einem Bericht der «Straits Times» aus Singapur schätzt die indonesische Regierung die wirtschaftlichen Einbussen auf 47 Milliarden US-Dollar. Fragt sich, wie man es angesichts solch enormer Summen überhaupt so weit kommen lassen konnte. «Unsere Nation befindet sich noch immer im Aufbau», erklärt etwa Brigong Tom Moenandaz, Chef der Katastrophenschutzbehörde in Kalimantan Tengah gegenüber dem Nachrichtensender «Channel News Asia». «Was können wir tun, wenn dies eine Auswirkung der Entwicklung ist? Wie können wir uns für die Entwicklung nicht öffnen?» Ins gleiche Horn stösst man beim Ministerium für wirtschaftliche Angelegenheiten: «Palmölplantagen sind die Lebensgrundlage vieler Menschen. Palmöl ist eine entscheidende Antriebskraft für wirtschaftliches Wachstum.»

Palmölfirma muss zahlen
Nicht zuletzt werden unter dem enormen CO2-Ausstoss und den daraus resultierenden klimatischen Problemen auch wir Menschen in Europa zu leiden haben. «Es wird tiefgreifende Veränderungen geben», befürchtet Regina Frey. Immerhin sieht sie auch ein paar Lichtblicke: Präsident Joko Widodo habe begonnen, involvierten Palmölfirmen die Lizenzen zu entziehen und es seien etliche Leute verhaftet worden. Ob dies allerdings die Richtigen sind, ist nicht immer gewiss. Denn die Konzerne würden sich oft die Hände nicht selber schmutzig machen wollen und stellten arme Kleinbauern an, die für wenig Geld die Brände legten, meint Frey. PanEco hat allerdings im letzten Jahr einen Prozess gegen die Palmölfirma Kallista Alam gewonnen, wobei diese zu 26 Millionen Dollar Schadenersatz wegen illegaler Brandrodung verurteilt wurde. Für Uweltschützerin Frey ist klar: «Dies muss zum Präzedenzfall werden.»

Ende Oktober haben langersehnte Regenfälle endlich Linderung gebracht. Zwar sind noch nicht alle Feuer gelöscht, doch immerhin gibt es in der Region wieder frische Luft zum Atmen. Im Nationalpark in Kalimantan Tengah habe man bereits mit dem Wiederanpflanzen begonnen, sagt Dwi. Wie viele Hektaren Wald abgebrannt sind, lässt sich noch nicht genau sagen. Fest steht jedoch, dass wir die Auswirkungen der Zerstörung noch lange zu spüren bekommen werden.

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