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Polen

Der Bialowieza-Urwald soll nicht sterben

Natur & Umwelt | Sonntag, 19. Februar 2017 12:00, Eva Krafczyk, dpa/msi

Er ist eines der letzten grossen Wildnisgebiete Europas: Der Bialowieza-Urwald in Polen und Weissrussland. Hier leben noch Wölfe, Luchse, Wisente und Rotwild. Doch das Naturparadies ist in Gefahr.

Einst jagten russische Zaren und polnische Fürsten in den Wäldern von Bialowieza, die heute durch die polnisch-weissrussische Grenze geteilt sind. Mit dem 20. Jahrhundert kam der Naturschutz in die für ihren Artenreichtum bekannten Wälder. Auf polnischer wie auf weissrussischer Seite sind Teile des Waldsystems Nationalpark mit einer streng geschützten Kernzone, die auf der Weltnaturerbe-Liste der UNESCO steht.  

Doch nicht alles ist gut in dem Urwald, in dem auch tagsüber noch Wölfe oder Rotwild, Wisente oder Luchse gesichtet werden. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) aus Deutschland engagiert sich auf weissrussischer Seite mit einem Projekt, das Moore wieder verwässert und langfristig den Grundwasserspiegel wieder ansteigen lassen soll.  

«Wir wollen den Wald wieder natürlicher gestalten – und dazu gehört, die zur Verfügung stehenden Flächen wieder zu vernässen», sagt Projektleiter Michael Brombacher, der bei der ZGF für die Projekte in den letzten grossen Wildnisgebieten Europas zuständig ist.

Wasser fliesst schnell ab  
Mit moosbewachsenen Baumriesen, totem Gehölz voller Pilze und Insekten wirken die Wälder Bialowieza auf den ersten Blick völlig ursprünglich. Doch es gibt Einflüsse des Menschen: Strassen durch den Wald, aber auch ein riesiges Netz von Entwässerungsgräben und von Flüssen, die begradigt worden sind.  

«Das Wasser fliesst sehr schnell aus dem Wald heraus, wird nicht gepuffert durch grosse Niedermoorgebiete, wie das früher der Fall war», erläutert Brombacher. «Die haben wie ein Schwamm gewirkt und das Wasser im Wald gehalten – jetzt fliesst es sofort ab.»  

Der Grundwasserspiegel habe sich gesenkt und der Wald, der noch so ursprünglich wirkt, werde vielleicht in ein paar Jahrzehnten nicht mehr so natürlich aussehen, wenn sich verschiedene Baumarten nicht mehr verjüngen.  

Auf einer 1100 Hektar grossen Fläche des Niedermoores Dziki Nikar wurde im vergangenen Dezember begonnen, 75 Kilometer Entwässerungsgräben mit 112 Dämmen zu verschliessen, damit sich das Wasser wieder aufstauen kann. ZGF-Mitarbeiter wollen im Rahmen des auf fünf bis zehn Jahre angelegten Projektes die Auswirkungen der Renaturierung regelmässig überprüfen.

Rückkehr des Wachtelkönigs  
«Wir erwarten, dass bestimmte Vogelarten zurückkehren», sagt Brombacher. Doppelschnepfe und Wachtelkönig etwa seien unter den seltenen Vogelarten, die dann wieder gute Brutmöglichkeiten haben sollen.                  

Mögliche Probleme gibt es auf beiden Seiten der Urwaldgrenzen. Zwar hat die weissrussische Regierung vor einigen Jahren die Kernzone des Nationalparks von 30'000 auf 60'000 Hektar verdoppelt. Aber trockene Moorflächen ausserhalb des Parks stehen derzeit nicht zur Verfügung. Wegen der russischen Sanktionen etwa für Milchprodukte aus der EU werde derzeit jede zur Verfügung stehende Fläche in Weissrussland für Milchwirtschaft intensiv genutzt.  

Schwerwiegender sind die Auswirkungen der im vergangenen Jahr begonnenen Abholzungen auf polnischer Seite – ausserhalb des Nationalparks, aber innerhalb des Ökosystems Bialowieza.

Natur auch mal Natur sein lassen  
Polnische Naturschützer haben die Entscheidung der nationalkonservativen Warschauer Regierung scharf kritisiert, und auch Brombacher hält die unter anderem mit Borkenkäferbefall begründeten Baumschläge für wenig sinnvoll.  

«Im Naturwald ist das kein grosses Problem», betont Brombacher. «Der Wald wird damit selbst fertig, er regeneriert sich von alleine.» Wenn einzelne Bäume absterben, bedeuten die toten Bäume Lebensraum etwa für Käfer und Pilze.  

Auch auf polnischer Seite gebe es begradigte Wasserläufe und mehr Trockenheit angesichts des gesunkenen Grundwasserspiegels. «Aber die Motorsäge ist keine Antwort», sagt Brombacher. «Man muss die Natur auch mal Natur sein lassen.» Dabei sei langfristiges Denken gefragt, sagt er mit Blick auf die Langlebigkeit von Bäumen: «Da reden wir von Jahrhunderten.»

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