Sie sind hier: TierweltAktuellNatur & Umwelt

Trinkwasserinitiative

Schwieriges Umdenken in der Landwirtschaft

Natur & Umwelt | Montag, 23. Juli 2018 08:12, Leo Niessner

Steigende Lebensmittelpreise und existenzielle Schwierigkeiten: Mit diesen Argumenten will der der Schweizer Bauerverband (SBV) die Trinkwasserinitiative abschmettern – zum Unverständnis der Initianten. 

Mitte Juni fand der Bundesrat deutliche Worte zur Trinkwasserinitiative: Sie hätte schädliche und weitreichende Folgen für die Ernährungssicherheit und Landwirtschaft in der Schweiz, war in diversen Medien zu lesen. «Natürlich hätten wir es lieber gehabt, dass sich das Gremium ganz hinter unsere Forderungen stellt», sagt Franziska Herren, Initinatin der Initiative. Allerdings war ihr bewusst, dass der eine oder andere Punkt zu reden geben würde. Dass gewisse Begehren abgeschwächt würden, damit war ebenfalls zu rechnen. Darum habe man von Anfang an Maximalforderungen gestellt. 

Die Debatte ist also in Gang. Toleranz geniesst die Initiative bei der Bevölkerung: 68 Prozent würden sie zurzeit annehmen, nur 28 Prozent wären dagegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Tamedia-Umfrage. Sie besagt des weiteren, dass die Trinkwasserinitiative auch auf bürgerlicher Seite deutlich mehrheitsfähig ist.

Anders sieht es der Schweizer Bauerverband (SBV), der sie bekämpfen will. Aufgrund der sinkenden Erträge um 20 bis 40 Prozent würden die Lebensmittel teurer, lässt er sich unter anderem im «Schweizer Bauer» vom 12. Juli zitieren. 

Umstellung auf «Bio» bringt Ernteausfälle mit sich 
Dass die Erträge zurückgehen würden, denkt zwar auch Herren, relativiert aber: «Heute werden 30 bis 50 Prozent der Nahrung zwischen Acker und Teller vernichtet. Allein schon wenn wir dieser Nahrungsmittelverschwendung Einhalt gebieten würden, wären die Ernteausfälle kompensiert, die ein Bau bei der Umstellung auf «Bio» befürchten muss. Wir müssten nicht auf mehr Importware zurückgreifen.»

Ausgleichszahlungen durch den Bund 
Zur Unterstützung gibt es Ausgleichszahlungen, die im Absatz 104 des Initiativtextes erwähnt sind. Seit 1996 stehen sie bereits in der Bundesverfassung: «Der Bund ergänzt das bäuerliche Einkommen durch Direktzahlungen zur Erzielung eines angemessenen Entgelts für die erbrachten Leistungen, unter der Voraussetzung eines ökologischen Leistungsnachweises». Nach dem Willen der Trinkwasserinitiative indes sollen Landwirtschaftsbetriebe, die Antibiotika in der Tierhaltung oder in ihrer Produktion regelmässig einsetzen, von diesen Zahlungen ausgeschlossen werden.

Nur noch anbauen, was wirklich gebraucht wird
Kosten einsparen können die Landwirte laut Herren des weiteren, wenn sie nicht mehr von Pestiziden, Antibiotika und Futtermittelimporten abhängig sind. Zudem solle nur noch angebaut werden, was wirklich gebraucht wird: «Momentan stellen wir massiv mehr Lebensmittel her, als konsumiert werden. Was zuviel ist, wird einfach weggeworfen.» Gegen diese Verschwendung, gegen das sogenannte Foodwaste, sprach sich bereits im letzten Jahr die die Ernährungsinitiative aus. In der aktuellen Diskussion um die Trinkwasserinitiative erhalten deren Gedanken erneuten Auftrieb. 

Denn die neue Vorlage hat das Zeug, die Landwirtschaft hierzulande auf den Kopf zu stellen, wie der «Schweizer Bauer» am letzten Mittwoch festhielt. Diese Ansicht teilt auch Herren: «Veränderungen machen eben Angst. Doch sie sind nun einmal notwendig, denn die industrielle Landwirtschaft steht vor grossen Problemen – darum haben wir die Initiative ja auch lanciert». Eine Mehrheit der Bevölkerung sei über Umweltfolgen immer besser aufgeklärt und verlange nach einer ökologischen Landwirtschaft ohne Pestizide.   

Massive Probleme verursacht die industrielle Landwirtschaft nach Ansicht der Initianten der Trinkwasserinitiative aber auch, indem durch den Einsatz von Antibiotika immer häufiger resistente Keime im Trinkwasser zu finden sind. «Es ist daher zwingend, die Tierhaltung anzupassen», ist Herren überzeugt. 

Problemgas Ammoniak
Mit der Initiative soll ausserdem der Ausstoss von Ammoniak durch die Landwirtschaft vermindert werden, in dem die Schweiz europaweit den unrühmlichen zweiten Platz belegt. 1996 importierte sie laut Herren 263’000 Tonnen Futtermittel. Heute sind es 1,2 Millionen Tonnen. «Unsere Landwirtschaft degeneriert so immer mehr zu einer bodenunabhängigen industriellen Tierproduktion, die stark vom Ausland abhängig ist».

50 Prozent des Schweizer Fleisches und 70 Prozent der Schweizer Eier sowie Poulets würden mit Importfutter hergestellt, wodurch enorme Überschüsse an Gülle und Ammoniak entstehen. Die Schweiz verursache flächenbezogen nach Holland die höchsten Ammoniakemissionen Europas und verletze dadurch das Schweizer Umweltschutzrecht ebenso wie internationale Vereinbarungen. 

Herren erklärt, wie das stickstoffhaltige Gas Ammoniak zur Versauerung und Überdüngung von empfindlichen Ökosystemen wie Gewässern, Mooren und Wäldern führt. «Es zerstört die Biodiversität und belastet die menschlichen Lungen mit Feinstaub. Ein Drittel der atmosphärischen Stickstoff-Einträge in der Schweiz stammt aus Verkehr, Industrie und Haushalten. Zwei Drittel dieser Einträge stammen von Ammoniak-Emissionen.» Diese wiederum würden zu 95 Prozent aus der Landwirtschaft stammen, der Grossteil davon aus der Tierhaltung.

Die Stickstoffüberschüsse führen bei vielen Grundwasservorkommen zu erhöhten Nitratkonzentrationen. Doch über diese Sachlage sei bisher nicht diskutiert worden, obwohl die Trinkwasserinitiative auch hier Veränderungen anstrebe. Bisher drehe sich in den verschiedenen Argumentationen alles um die Pestizide, die Wasser und Böden versuchen.  

Der Zeitpunkt für die Initiative ist aus der Sicht von Herren so günstig wie nie: angesichts von Meldungen über das dramatische Insektensterben und die Gewässerverschmutzung durch Pestizide, Antibiotika und Gülle.     

Besorgnis bei Greenpeace Schweiz
Dass der SBV angesichts dieser Bedrohungen die Trinkwasserinitiative ohne Gegenvorschlag zur Abstimmung bringen will, bezeichnet Philippe Schenkel, der Landwirtschaftsexperte von Greenpeace Schweiz, als Fehler. Er würde es begrüssen, wenn der SBV die Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen und an einem Gegenvorschlag konstruktiv mitarbeiten würde. Mit einem guten Gegenvorschlag könnte das Vertrauen der Konsumenten zurückgewonnen und der Einstieg in den Pestizid-Ausstieg geschafft werden.

Laut einem Artikel in der «Luzerner Zeitung» von letzter Woche verspricht der SBV allerdings, die Pestizid-Belastung zu reduzieren. Der Druck der Trinkwasserinitiative macht sich offenbar bemerkbar. Für Schenkel indes ist dieses Versprechen nur Augenwischerei: «Letztes Jahr wurde der Aktionsplan Pflanzenschutzmittel verabschiedet, welcher auf einen parlamentarischen Vorstoss von Nationalrätin Tiana Moser zurückzuführen ist, nicht auf ein Engagement des Bauernbandes. Dank Druck der Umweltverbände enthält der Plan einige sinnvolle Massnahmen, die das Pestizid-Risiko etwas reduzieren dürften».

Allerdings optimiere man damit lediglich das bisherige System. Eine echtes Neu- und Umdenken der Landwirtschaft sähe anders aus. 

Kommentar schreiben


Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen, als Leserzuschriften im Heft abzudrucken oder auf die Publikation zu verzichten.

Galerien Alle Galerien