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Buchdrucker-Plage

Verheerende Frassgänge

Natur & Umwelt | Donnerstag, 6. September 2018 10:00, Leo Niessner

Der Borkenkäfer ist zurück! Vor allem der Buchdrucker hat sich im Hitzesommer explosionsartig vermehrt. Gegen die Plage helfen nur unpopuläre Massnahmen.

Der Aargauer Komiker Peach Weber 1984 verpasste dem Borkenkäfer 1984 ein anderes Gesicht: ein heiteres, gewieftes. In seiner legendären Lachnummer «D’Borkechäfer» singt er darüber, wie die kleinen Tierchen ihre Zähne munter an einer Tanne wetzen. Bis es irgendwann keine mehr hat. Dann «chas au e Eiche preiche». Und die Sache mit den Fallen, die aufgestellt wurden, die sei ohnehin ein Witz: «Dri ine (fgalle) sind nume die dümmste 10 Prozent. Mit dem stigt aber euse Intelligenzquotient» singt er aus der Perspektive der Borkenkäfer.  

Seinen Hit hat Peach Weber bis heute im Repertoire. Dass das Thema hingegen mehr als drei Jahrzehnte nach dessen Entstehung noch immer relevant ist, ja sogar mehr denn je, hätte sich der Komiker allerdings wohl nicht träumen lassen, als er den Hit schrieb. Doch der trockene und heisse Extremsommer 2018 hat die Vermehrung der Borkenkäfer begünstigt: besonders in den Kantonen Aargau, Thurgau, Schaffhausen und Zürich, und ausserhalb der Schweiz in Österreich, Bayern sowie im Süden von Polen und in Tschechien.

Der Holzschlag ist augenfällig  
Spaziergängern und Reisenden in diesen Gebieten dürfte der ausserordentliche Holzschlag im Wald aufgefallen sein. Vor allem Fichten müssen dran glauben: Vom Befall durch den Buchdrucker, einer von rund 120 Borkenkäfer-Arten, sind sie besonders betroffen. Bereits in normalen Sommern gelten Fichten als besondere Leibspeise der Schädlinge.

Dieses Jahr begünstigen ausserdordentliche Witterungsbedingungen den Befall: «Die Bäume sind nach dem heissen und trockenen Sommer geschwächt», erklärt Beat Forster. Der Insektenspezialist der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) hat beobachtet, dass solche Bäume für die Käfer gefundene Opfer sind. Sie haben zu wenig Kraft, um die Borkenkäfer mit ihrem Harz abzuwehren – normalerweise ein Hindernis, dass sich die Schädlinge nicht so einfach durchbohren können.

Gegen die Käfer ist kein Kraut gewachsen
Nun aber fällt es dem Buchdrucker leicht, unter die Rinde zu gelangen. Dort frisst er Gänge ins Holz, in denen er seine Eier legt und sich explosionsartig vermehrt. Bereits ein paar hundert Käfer reichen, um das Schicksal einer Fichte zu besiegeln. Dagegen sind die Wissenschaftler weitgehend machtlos, wie Forster sagt: «Es bringt nichts, chemische Mittel einzusetzen. Die Substanzen würden aussen, an der Rinde, haften bleiben, statt in die Gänge einzudringen».

Auch der Einsatz biologischer Mittel sei nur begrenzt möglich. «Es gibt zwar natürliche Feinde der Borkenkäfer, wie parasitische Schlupfwespen. Diese legen ihre Eier in die Larven der Käfer. Und auch räuberische Fliegenlarven können ihnen gefährlich werden, indem sie die Frassgänge unsicher machen. Nützlinge aber in der notwendigen grossen Anzahl im Labor zu züchten, ist nicht möglich», erklärt Forster.

Hinzu komme die Herausforderung, diese Tiere unter der Rinde in die Gänge der Käfer einzupflanzen. «Das ist einfach nicht praktikabel», ergänzt der Insektenspezialist. Es bleibt also nur eine unpopuläre Massnahme: befallene Bäume rechtzeitig zu fällen. Nur damit lässt sich verhindern, dass die Schädlinge auf weitere Bäume  übergreifen.

Der Fokus liegt auf der Früherkennung
Forster plädiert auch dafür, die Früherkennung auszubauen. Mit dem Einsatz von Dronen und Satelliten soll beispielsweise ein Käfer-Befall rechtzeitig erkannt werden. Wichtig sei des weiteren, langfristig zu denken. Zur Prävention gehöre, Mischwälder zu fördern, anstelle von Monokulturen mit anfälligen Fichten. «Die unterschiedlichen Baumarten erschweren es den Borkenkäfern, ihr Gebiet auszudehnen», sagt Forster.

Grundsätzlich sei es aber auch erstrebenswert, den Fichtenbestand in Tieflagen unter 450 Metern über Meer langfristig zu reduzieren. In höheren Lagen hingegen sei der Befall durch den Buchdrucker geringer. «Aus den Voralpen, in denen viele Fichten wachsen, haben wir bisher keine alarmierenden Berichte erhalten», erzählt der Insektenforscher, um nach einer kurzen Denkpause hinzuzufügen: «Doch das kommt eventuell noch».

Der Holzindustrie dürfte das Vorhaben indes nicht gefallen, den Fichtenbestand zu reduzieren. Ihr Holz ist ein beliebter Baustoff. Doch auch die Industrie wird den Tatsachen in Auge schauen müssen. Denn bereits sagen Klimaforscher weitere ausserordentlich heisse und trockene Sommer voraus, und damit eine explosionsartige Vermehrung der Borkenkäfer.

Das grosse Vermehrungspotenzial der Tierchen war übrigens auch Komiker Peach Weber bewusst. Als er in der Rolle des Borkenkäfer sang, «I freu mi eso, mi Frau het hüt am Morgen 15 Jungi übercho», hat er allerdings untertrieben: in günstigen Jahren kann es etwa beim Buchdrucker zur Ausbildung von drei Generationen kommen. Das entspricht einer Vertausendfachung der Population.

 

Der Song zum Text: 

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