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Pochten und Lischen

Flunamen des Berner Oberlands

Natur & Umwelt, Aktuelle Ausgabe | Mittwoch, 5. Dezember 2018, Thomas Uhland

Dies ist nicht nur eine aussichtsreiche Wanderung hoch über dem Engstligental bei Frutigen. Es ist auch eine Reise in die sprachliche und handwerkliche Vergangenheit. 

Es beginnt mit einem spektakulären Blick in die Tiefe. Ab der Bushalte­stelle Tregel zwischen Frutigen und Adelboden im Berner Oberland gehen wir ein paar Schritte zurück und dann hinunter ins Tobel der Engstligen. Tief unter dem Steg schäumt und tobt der Bergfluss im Pochtechessel und zwängt sich zwischen senkrechten Felswänden um mehrere Windungen herum. Selbst bei bescheidenem Wasserstand ist der Blick von der Brücke furchteinflössend.

Andreas Wäfler kennt die Gegend wie seine Hosentasche und hat viel zu erzählen von Land und Leuten, Sprache und Geschichte, der pensionierte Lehrer hat sein Lebtag im Tal gewohnt. Behende steigt der 74-Jährige den steilen Pfad aus dem Tobel hinauf und erzählt dabei vom Ortsnamen allemannischen Ursprungs: «Pochte» bedeute Bottich, der Name sei also eine Verdoppelung: ein «Bottichkessel».

Wir folgen dem Strässchen Richtung Cholerenschlucht, ein Name, der darauf hinweist, dass hier einst Holz zu Kohle verarbeitet wurde. Nun führt der Weg aufwärts, dem Tschentbach entlang. Wir kommen am Jungbrunnen vorbei, bei höherem Wasserstand eine schöne Badestelle – selbst wenn nicht belegt ist, dass einen das Bad hier jünger macht.

Drohend wie ein Damoklesschwert
Unvermittelt stehen wir am Eingang der Schlucht. Aus einem Schlitz in der senkrechten Felswand quillt das Wasser des Tschentbachs, einen Meter darüber verschwindet der Fussgängersteg in der ewigen Dämmerung. Selbst an diesem sonnigen Tag sind die Stege und Treppen nur knapp erkennbar. Schnell huschen wir unter einem tonnenschweren Stein hindurch, der einst in die Schlucht fiel und sich zwischen den Felswänden verkeilte. Hier hängt er seitdem über dem Steg, drohend wie ein Damoklesschwert, als könnte er sich jeden Moment freischaukeln und herunterdonnern. Wir steigen über Wendeltreppen die Kluft hinauf, und so unvermittelt, wie uns die Schlucht verschlungen hatte, stehen wir wieder im sonnendurchfluteten Wald. 

Nächste Station ist Mittelschwand. Das allemannische Wort «Schwand» bedeutet «verschwinden machen» von Wald. Beim sogenannten Schwenden schälte man den Bäumen die Rinde ab, sodass sie abstarben und später leicht abgebrannt werden konnten. Von hier, wie immer wieder auf der Strecke, geniessen wir den Ausblick talauswärts zum Niederhorn jenseits des Thunersees, in die andere Richtung zum Wildstrubel.

Wie Flurnamen entstehen
Wir folgen nun immer dem Spissenweg. «Spisse» und «Spissli» sind im Tal verbreitete Flurnamen, die auf eine spitz zulaufende Geländeform hinweisen. Hinten im Tal gurgelt der Otterebach. Er verdankt den Namen seinem Ursprung bei der Otterenalp, die einst wohl einem Ott oder Otheri gehört haben dürfte. In seinen Jugendjahren, erzählt Andreas Wäfler, sei auf der anderen Seite des Berges die Alp der Strafanstalt Witzwil gelegen. Wenn Sträflinge ausgebüxt seien, hätten danach in den Grubenhütten oft Überkleider gefehlt. Einmal hätten sie einem Spengler das Auto geklaut. «Die Polizisten, die kontrollierten, winkten die Gauner durch, weil sie den Wagen kannten und glaubten, der Spengler sei spät nachts noch unterwegs.»

Die Route
Postautostation «Achseten, Tregel» – Pochtechessel – Cholereschlucht; ab hier dem Spissenweg bis Gempelen folgen, Abstieg nach Rohrbach.
Strecke: ca. 4½ Stunden, ca. 350 Meter Aufstieg. Ein paar Stellen verlangen Trittsicherheit. Aus Sicherheitsgründen darf die Cholerenschlucht nur aufwärts begangen werden.
Ausrüstung: gute Schuhe, Picknick (kein Restaurant unterwegs).
Mehr Infos:
zur Strecke: www.adelboden.ch;
zum Schieferabbau: www.kulturgutstiftung.ch

Nun steigt der Weg steil an und quert das Cheerewiidli. Der Name ist jung und stammt von den Kehren des Weges auf der kleinen Weide. Schon immer wurden Gebiete nach ihrer Geländeform, nach dem Besitzer, nach Rodungsarten, nach ihrer Verwendung oder anderen Eigenschaften benannt. So auch der Name der Häusergruppe, zu der wir als Nächstes gelangen: Furi u Saal. Bis vor einigen Jahrzehnten stand hier der Versammlungssaal einer Freikirche. Darüber liegt das Zälg, dessen Name auf die allemannische Dreizelgenwirtschaft zurückgehen dürfte. Ob an diesen steilen Hängen einst Korn angebaut wurde, ist nicht belegt. Flurnamen wie Chorenegg, Müleggli und Bachöfi auf der anderen Talseite legen es aber nahe.

Weiter gehts über die Hinteregg in den Sackgraben. Hier stossen wir auf Reste der Schiefergrube Wildi. Der Schieferabbau gab dem Tal ab 1800 bis in die 1980er-Jahre Arbeit und Auskommen. Die Niesenkette besteht aus einer rund 1000 Meter mächtigen Flieschschicht, in der sich Schiefer- und Steinbänder abwechseln. Wo die Bergbäche den Schiefer freilegten, gruben die Bergbauern tiefe Stollen in den Fels, um an die wertvollen Platten zu gelangen. Sie wurden erst zum Decken von Dächern, später als Schreibtafeln verwendet. 

Über uns liegen die Breechwiideni. Hier hat einst ein Sturm den Wald «gebrochen». Vor einigen Jahren wollte der Landbesitzer wissen, was es mit den vielen Höckern auf sich hat, von denen es auf seiner Weide wimmelt. Er grub nach und fand tatsächlich Reste von Baumstrünken. Weiter gehts zur Häusergruppe Lische, deren Name sich auf ein Riedgras bezieht. Nach Labrunnen schlängelt sich der nun schmale Spissenweg entlang steiler Flühe in den Ladholzgraben. «‹Ladholz› bedeutet: Ort im Wald, wo Holz zum Transport bereitgestellt wurde», erklärt Wäfler. Auch hier wieder Spuren des Schieferabbaus: An mehreren Orten schlugen die Arbeiter kurze Versuchsstollen in den Fels.

Ein kleines Sackgeld
Wir hangeln uns an den Seilen, die den Weg sichern, aus dem Graben und gelangen gleich in den nächsten: den Linter­graben. Oberhalb eines Geräteunterstands führt der Stollen der einstigen Schiefergrube Wältiwiid tief in den Berg. Daneben steht eine Schieferfräse, mit der die Schieferblöcke im Berg ausgeschnitten wurden. Zuvor war diese Arbeit mühsam mit Hammer und Meissel erledigt worden. Auch Wäflers Vater hat sein Brot 40 Jahre lang mit dieser harten Arbeit verdient.

Wir gelangen wieder auf die Wiesen hinaus, in das Gebiet Chratzeren, benannt nach dem nächsten Tobel, dem Chratzerengraben. Wie zerkratzt sieht er aus, mit seinen Runsen und Rinnen. Ein paar Meter hinter dem Bach tröpfelt Wasser über einen vermoosten Hang, darunter hat sich Tuff abgelagert. Zu Pulver zermahlen, fegte man früher damit den Stubenboden. Die Buben hausierten mit gemahlenem Tuffstein, um sich ein kleines Sackgeld zu verdienen, erinnert sich Wäfler.

Nicht nur die Allemannen, sondern auch die früheren, lateinisch sprechenden Bewohner haben sprachliche Spuren hinterlassen. Wir gelangen hinaus auf Gempelen, was auf das lateinische Campus (Feld) zurückgeht. Auf dem Fahrsträsschen könnten wir dem Spissenweg noch weiter folgen, doch wir wählen den steilen Abstieg ins Tal. Schwindelerregende Holzstege führen den Flühen entlang. Ab Rohrbach gibt es einen schönen Wanderweg durch die Auen der Engstligen bis Frutigen. Wir aber nehmen für diese letzte Etappe den Bus.

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