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Aus dem Tessin

Kastanie «Lüina» ist Obstsorte des Jahres

Natur & Umwelt | Montag, 25. März 2019, Melina Gerhard / LID

Die Vereinigung zur Förderung alter Obstsorten Fructus legt den Fokus auf eine vor allem in der südlichen Schweiz bekannte Kultur: Die Kastanie «Lüina» ist die Obstsorte des Jahres 2019.

In Cademario TI wurde letzte Woche die Kastanie «Lüina» zur Obstsorte des Jahres 2019 gekürt. Die Wahl fiel auf «Lüina», weil sie während mehreren Jahrhunderten von grosser Bedeutung für den Kastanienanbau in der Schweiz war. Als eine der beliebtesten Sorten wurde sie vor allem in den mittleren und nördlichen Regionen der Südschweiz angebaut.

Bereits seit dem Jahr 0 gebe es in der Gegend Kastanien, erklärt Giorgio Moretti, Präsident der Vereinigung der italienischsprachigen Kastanienbauern. Die Frucht war damals für die Menschen eine wichtige Ernährungsgrundlage. Anhand von Pollenanalysen ist bekannt, dass es im 7. und 8. Jahrhundert eine starke Verminderung der Kastanienbestände in der Region gab. Zu dieser Zeit wurde nämlich das Getreide aus Vorderasien in der Region eingeführt und die Kastanie verlor an Bedeutung. Bis sie nach den Pest-Wellen, die die Schweiz im 14. und 15. Jahrhundert heimsuchten, wieder an Bedeutung gewann.

Vier Bäume pro Familienmitglied
In einer Familie wurde jedem Mitglied vier Bäume zugeteilt. Zur Absicherung der Ernten waren diese vier Bäume von vier unterschiedlichen Sorten. Dies sollte einen kompletten Ernteausfall unmöglich machen. Von September bis März bot die Kastanie frische Früchte, die als Tierfutter oder in verschiedenen Formen als menschliche Nahrung auf den Teller kamen.

Der Aktionsplan zur Erhaltung der pflanzengenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (NAP-PGREL) erarbeitete eine Liste mit 102 Kastaniensorten, die heute in den Primärsammlungen in Biasca und Cademario unterhalten werden. Betreut werden diese Sammlungen von den Tessiner Kastanienbauern. Die Kastanie wird heute vor allem im Tessin angebaut. Im Wallis sowie rund um Seen ist sie aber auch nördlich der Alpen vertreten.

Eine wichtige Frucht
Moretti betont die Wichtigkeit der Kastanie, auch wenn sie heute niemandem mehr eine Lebensgrundlage bieten würde. Abgeleitet vom lateinischen Wort «silva» (Wald) bezeichnet man die Landschaften, in denen Kastanien kultiviert werden, als Selven. Diese sind laut Moretti eine Heimat für seltene Vögel, Hasen, Rehe oder Fledermäuse.

Dass sich aber auch Schädlinge in den Selven wohlfühlen, bestätigt Francesco Bonavia, Leiter der Baumschule Vivaio forestale. Die Gallwespe sei aber der einzige schlimme Schädling. Weil die Kastanienselve als Waldzone registriert ist, dürfen keine chemischen Mittel eingesetzt werden. Da es aber mit der Schlupfwespe eine natürliche Bekämpfungsmethode gegen die Gallwespe gebe, sei dieser Schädling nicht ganz so schlimm wie der Kastanienrindenkrebs. Dieser Krebs sorgte Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA dafür, dass die Kastanienwälder zu Grunde gingen. Noch immer gibt es laut Bonavia keine praxistauglichen Massnahmen dagegen, obwohl die Bekämpfung mit hypovirulenten Pilzstämmen Erfolge zeige.

Leider sei die Kastanie ein Sorgenkind: «Wenn Sie sich über einen unkomplizierten Baum im Garten freuen wollen, pflanzen Sie einen Apfelbaum. Wenn Sie ein Sorgenkind im Garten stehen haben möchten, dann pflanzen Sie eine Kastanie», meint der Baumschulist schmunzelnd. Die intensive Pflege lohne sich allerdings. Auch, um ein Stück Tessin in den heimischen Garten zu bringen. Aber insbesondere, wenn es sich um die alte Sorte «Lüina» handelt. Obwohl ihre Früchte eher klein sind, sind sie aromatisch, süss und lassen sich nach dem Trocknen gut von der Schale trennen. Sie eignen sich gut zum Braten oder Trocknen und lassen sich zu jedem beliebigen Zweck weiterverwenden. Nicht nur Fructus ist davon überzeugt, dass sich das Erhalten einer Obstsorte als Investition in die Zukunft lohnt.

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