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Sting-Pain-Index

«Mit einem rostigen Nagel über glühende Kohlen»

Unterhaltung | Montag, 17. März 2014, Matthias Gräub

Wer denkt, Naturwissenschaftler sitzen den ganzen Tag im Labor und schauen Ratten im Labyrinth zu, kennt Justin O. Schmidt nicht, den Bruce Willis unter den Forschern. Er hat sich von 150 Insekten stechen lassen.

Mehr als 150 Insektenarten hat der US-Wissenschaftler Justin Orvel Schmidt erforscht. Auf seine ganz eigene Weise erfoscht, ist dazu zu sagen: Er hat sich von all ihnen stechen lassen und anschliessend auf einer Skala notiert, wie sehr der jeweilige Stich schmerzt. Die Skala ist nach ihm benannt und heisst «Schmidt Sting Pain Index», also «Stichschmerz-Index»

Bei seinen Beschreibungen wirkt Schmidt beinahe poetisch, beschreibt mit einer ansonsten nur von Weinliebhabern bekannten Präzision jede einzelne Note des Schmerzes. Als ob er den Stich einer Blutbiene geniessen würde, beschreibt er ihn als «Leicht, flüchtig, fast fruchtig. Als ob ein winziger Funke ein einziges Haar auf dem Arm ansengt».

Kein Wunder erhält die Blutbiene die Stufe 1.0 im Index, die unterste Stufe der Skala. Bei höher eingestuften Stichen hört der Spass offensichtlich auch bei Schmidt auf. Schon Stufe 2.0 sei «Reichhaltig, herzhaft, und heiss. Als ob jemand eine Zigarre auf deiner Zunge auslöscht».

 Der Beweis: «Pepsis formosa» mit einer erlegten Vogelspinne.
 Bild: Astrobradley/wikimedia.org

Bohrer im Zeh, Fön im Bad
Können Sie sich noch einen viel schlimmeren Schmerz vorstellen? Schmidt kann. Stufe 3.0, der Stich einer Feldwespe, sei, «als ob jemand einen Bohrer benutzt, um einen eingewachsenen Zehennagel freizulegen». Für Schmidt ist nur zu hoffen, dass er das nicht auch noch ausprobiert hat (irgendwoher muss er ja den Vergleich haben).

Glück für alle, die ein zu bildliches Vorstellungsvermögen haben, ist, dass die Skala bei Stufe 4 aufhört. Bis dahin heisst es aber noch zweimal zu leiden. 

Pepsis formosa, auch «Tarantulafalke» genannt, ist eine Wegwespe, die Vogelspinnen jagt. Kein Wunder, tut die ganz schön weh, wenn sie einen sticht. Schmidt hat als Versuchskaninchen hingehalten und beschreibt den Schmerz wie folgt: «Heftig, blendend, furchtbar elektrisch. Als ob jemand einen laufenden Haartrockner in dein Schaumbad fallen lässt». Das ist also Stufe 4.0.

 Die 24-Stunden-Ameise.
 Bild: Didier Descouens/wikimedia.org/CC-BY-SA

24 Stunden Schmerz
Doch es geht noch eine Stufe höher. 4.x wird sie von Schmidt genannt. Und die Königin der Schmerzverursachenden Insekten ist die 24-Stunden-Ameise (Paraponera clavata). Sie hat schon ihren Namen vom Schmerz, den sie verursacht. Erst nach 24 Stunden lasse er nämlich nach. Auch ihr englischer Name ist nicht viel beruhigender: «Bullet Ant» – «Gewehrkugelameise» heisst sie dort. Finden kann man sie an der Atlantikküste in Süd- und Zentralamerika, sofern man denn will.

Justin Orvel Schmidt wollte. Der wohl leidensfähigste Forscher der Welt liess sich auch von der Ameise freiwillig stechen und litt ganz offensichtlich Höllenqualen – alles im Dienste der Wissenschaft. Sein Fazit: «Reiner, intensiver, strahlender Schmerz. Als ob man über glühende Kohlen läuft und dabei einen sieben Zentimeter langen, rostigen Nagel in der Ferse stecken hat». Und das ist doch definitiv niemandem zu wünschen, deshalb ziehen wir unseren Hut vor Schmidt, dem Bruce Willis unter den Forschern.

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