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Spieletipp

Harter Bauern-Alltag – auch im Spiel

Unterhaltung | Donnerstag, 17. Juli 2014 06:00, Matthias Gräub

Das Brettspiel «Agricola» lässt Sie in die Rolle einer Bauernfamilie schlüpfen, die Felder bestellen, Schafe hüten und Brot backen muss, um sich ernähren zu können. Eine erst einfache Aufgabe, die immer verzwickter wird.

Aller Anfang ist einfach. Jawohl, einfach. Relativ unkompliziert fühlen sich die ersten paar Jahre als Bauer an. Zumindest im Brettspiel «Agricola». Ein paar Äcker umpflügen, eine Weide einzäunen und ein, zwei Schafe darauf grasen lassen. So lässt sich doch gemütlich leben.

Doch anders als im richtigen Leben ist bei «Agricola» nicht der Anfang einer Bauernkarriere die wahre Herausforderung. Erst mit der Zeit, wenn der Hof wächst und die Ähren auf den Feldern gedeihen, kriegt der Bauer alle Hände voll zu tun. Und wenn dann auch noch Kinder zur Welt kommen, deren hungrige Mäuler gestopft werden müssen, ... 

Das Spiel «Agricola» vom Verlag «Lookout» versetzt die Spieler in die Situation einer Bauernfamilie im 17. Jahrhundert. Die Arbeitsgeräte heissen also nicht Traktor, Mähdrescher und Melkmaschine, sondern Dreschflegel, Furchenpflug und Joch, Pferdestärken haben noch Hafer- und nicht Dieselantrieb.

 Zu Beginn ist das Spiel noch ziemlich übersichtlich.
 Bild: © Matthias Gräub

Kinder- und Rinderzucht
In dieser Lage werden also alle Hände gebraucht. Zunächst sind es Bauer und Bäuerin, die pro Runde je eine Aktion zur Verfügung haben. Durch runde Spielmarken repräsentiert, werden sie reihum auf eins der zunächst nur 10 möglichen Felder gelegt. Bauer A (blau) fällt also im Bild 3 Bäume, seine Frau fängt einen Fisch. Bauer B (rot) pflügt einen Acker, um damit später sich und seine Frau zu ernähren, die gerade Lehmziegel herstellt.

So weit, so gut. Doch in jeder der 14 Spielrunden kommt eine weitere Option hinzu. Bald können Schafe, Wildschweine und irgendwann auch Rinder gezüchtet werden, die ihren Platz auf den Weiden benötigen. Damit sie nicht davonlaufen, müssen sie eingezäunt werden. Dazu können Ställe gebaut werden, um mehr Vieh Platz zu bieten, die einfache Holzhütte wird bald zum Steinhaus umgebaut, ein Holzofen lässt die Bauersleut’ Brote backen und – vor allem – ist die Bäuerin daran interessiert, schnellstmöglich Kinder zur Welt zu bringen.

Ist erst einmal Nachwuchs da, sind auch gleich zwei (oder vier, oder sechs) Hände mehr da, die anpacken können. Jedes Familienmitglied hat eine Aktion pro Runde zur Verfügung. Kinderarbeit ist völlig legitim, Sie erinnern sich doch: Wir schreiben das 17. Jahrhundert. 

Mehr Kinder ergeben also mehr Holz, Rinder und Fische. Aber sie brauchen halt auch mehr Nahrung. Spätestens, wenn sich der Filius mittels einer Ausbildungskarte auch noch zum Lehmkleber, Steinhauer oder gar zum Jongleur weiterbilden lassen will, wird die Sache kompliziert.

 Mitten im Spielgeschehen ist ziemlich was los.
 Bild: © Matthias Gräub

Viel Abwechslung, auch ohne Würfel
Es gibt also eine ganze Menge zu tun auf dem Bauernhof. Eine teils unübersichtlich grosse Menge. Doch die immer anders verteilten Aktions-, Anschaffungs- und Ausbildungskarten sorgen dafür, dass jedes Spiel einen anderen Verlauf nimmt. So sind keine Würfel nötig, um für Abwechslung in «Agricola» zu sorgen.

Ziel des Spiels ist es, am Ende der 14 Runden einen möglichst stattlichen Hof aufgebaut zu haben. Denn jedes Tier, jeder Rohstoff und jeder Haus-Ausbau gibt Punkte. Sieger ist am Schluss, wer mit seinem Gehöft die meisten Punkte eingeheimst hat.

Konkurrenz würde das Bauerngeschäft beleben
Wobei die Interaktion zwischen den einzelnen Spielern bei «Agricola» minimal ist. Es wird nicht gegeneinander gespielt, jeder schaut auf seinen eigenen Hof. Dadurch will das Konkurrenzdenken unter den Spielern nicht recht aufkommen. Zwar kann insofern gegeneinander gearbeitet werden, dass ein Spieler dem anderen in seiner Aktion zuvorkommt und ihm Baumstämme oder Wildschweine vor der Nase wegschnappt, einen richtigen Schaden anrichten kann man sich gegenseitig allerdings nicht.

Schade eigentlich, denn etwas mehr Möglichkeiten zum «dazwischenfunken» würden die Spiel-Atmosphäre ganz schön aufheizen. Wir hätten da auch ein paar Ideen:

  • Der Wolf: Frisst dem Gegner Schafe weg.
  • Der Pyromane: Fackelt dem Gegner einen Acker ab, seine Ernte geht flöten.
  • Der Verführer: Heiratet die Tochter des Gegners und lässt sie auf dem eigenen Hof arbeiten.

Da wäre noch viel mehr möglich. Aber vielleicht ist das ja etwas für eine allfällige Erweiterung des Spiels.

Vielleicht ist aber auch mit den gegenwärtigen Möglichkeiten bereits mehr als genug los auf dem Bauernhof. Ganze Plastiksäcke voller Holztiere, Zäune und Rohstoff-Marken, Stapelweise unterschiedliche Karten: «Agricola» bietet eine unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten, seinen Hof auszubauen. Auch ganz ohne Gegner ist es eine Herausforderung, die beste Strategie für die jeweilige Ausgangslage zu finden. So ist das Spiel auch für einen einzelnen Spieler geeignet, der Jagd auf seine eigene Rekord-Punktzahl macht.

Den Schalk im Nacken
Neben einem grossen Erfindungsreichtum zeichnen sich die Entwickler von «Agricola» durch liebevoll gezeichnete Karten und eine überraschende Prise Humor aus. Beispiel gefällig? Neben den Berufen Schafbauer, Kleinbauer und Biobauer ist auch eine Ausbildungskarte zu einem weiteren Bauer vorhanden. Zum «Beckenbauer». Inklusive Porträt des ehemaligen Fussballspielers, der übrigens  in «Agricola» Wildschweine zähmt.

«Agricola» ist ein Spiel, das Anfänger trotz verhältnismässig leichtem Einstieg schnell überfordern kann. Gerade, wenn ein Neuling gegen einen erfahrenen Spieler antritt, wird er chancenlos bleiben. Wer allerdings die Motivation findet, sich immer bessere Strategien zurechtzulegen, wird schnell den Ehrgeiz entwickeln, immer bessere und ertragsreichere Bauernhöfe zu erbauen.

Die Varianten
Und für alle, die sich lieber auf ein etwas simpleres Spiel beschränken, gibt es die Zwei-Spieler-Version «Agricola: Die Bauern und das liebe Vieh». Sie kommt ganz ohne Karten aus, der Zufallsfaktor entfällt dadurch, ein rein strategischer Zweikampf über nur acht Spielrunden entsteht und die Bäuerinnen können sich endlich auf ihre Arbeit konzentrieren, ohne sich um Nachwuchs kümmern zu müssen.

Auch wer lieber ein digitaler Bauer wäre, kommt nicht zu kurz: «Agricola» gibt es jetzt auch als Smartphone-Version für ungefähr 7 Franken zu kaufen. Zum Download für iOS.

Uwe Rosenberg/Klemens Franz: «Agricola», Strategiespiel für 1-5 Spieler. Verlag: Lookout, ISBN: 4250231700217, Ca. Fr. 50.- Uwe Rosenberg/Klemens Franz: «Agricola – Die Bauern und das liebe Vieh», Strategiespiel für 2 Spieler. Verlag: Lookout, ISBN: 4015566030978, Ca. Fr. 30.-

 

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