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Literatur

Monster Mensch aus Tierperspektive

Unterhaltung | Montag, 21. Juli 2014 14:00, Wolfgang Huber-Lang, APA

Wer den Roman «Anima» des Libanesen Wajdi Mouawad liest, braucht starke Nerven. Doch die Mischung aus Thriller, Tragödie und Albtraum-Fantasie ist nicht nur brutal, sondern auch faszinierend: Über weite Strecken erzählen Tiere.

Ob Musca domestica (die gemeine Stubenfliege), Tegenaria duellica (die grosse Hauswinkelspinne) oder Felis sylvestris catus (die Hauskatze) – sie alle sind im Roman «Anima» Zeugen des menschlichen Tuns, das sich in einer Grausamkeit entfaltet, die tierisch zu nennen sich verbietet. Denn was das Monster Mensch anrichtet, dient weder Selbst- noch Arterhaltung, sondern entspringt kranken Hirnen.

Am Anfang steht ein entsetzlicher Lustmord. Ein Mann findet in Montreal die verstümmelte Leiche seiner vergewaltigten und ermordeten Frau. Schon bald kennt die Polizei die Identität des Täters. Doch dieser ist der wichtigste Informant über ein in einem Indianerreservat tätiges kriminelles Netzwerk. Diese Ermittlungen dürfen nicht gefährdet werden. Darauf macht sich der Witwer auf eigene Faust auf die Suche.

So könnte ein herkömmlicher Thriller starten, doch Wajdi Mouawads, dessen Drama «Verbrennungen» zu einem der meistgespielten zeitgenössischen Stücke auf den Theaterbühnen wurde, will und kann weitaus mehr. Einerseits lotet er wie in «Verbrennungen» vielschichtig menschliche Abgründe aus und baut auch hier das am eigenen Leib erlittene Trauma des Libanon-Kriegs ein. Andererseits behauptet er eine geradezu mythische Mensch-Tier-Verbindung und argumentiert dies auf ebenso originelle wie poetische Weise.

Verblüffendes Einfühlungsvermögen
Wenn Sperling und Spinne, Maus und Mücke erzählen, Krähe und Kojote Zeugen einsamer Wanderungen und wilder Verfolgungsjagden quer durch Nordamerika werden, dann wundert einen nicht nur, wie allgegenwärtig die Tierwelt ist und wie sehr sie dem Menschen nahezu unbemerkt buchstäblich auf die Pelle rücken kann. Vor allem verblüfft, wie fantastisch sich der Autor in ihre Lebenswelten und Wahrnehmungsmechanismen hineinversetzen kann.
Doch Wajdi Mouawad weiss nicht, wann es genug ist. Nicht bei den immer neuen, stets penibel geschilderten Grausamkeiten. Nicht bei der Rückführung der Hauptfigur Wahsch Dibsch zu seinen tierischen Seelen-Verwandten. Nicht bei der in den Details höchst unwahrscheinlichen Konfrontation mit seiner eigenen, zu den 1982 in den Lagern von Sabra und Schatila verübten Massakern reichenden Geschichte.

Und nicht mit dem Wechsel der Erzählperspektiven. Eines Tages taucht ein Wolf auf, der von allen für einen besonders gefährlichen Hund gehalten wird. Er übernimmt als Wahsch Dibschs Totem-Tier nicht nur die Beschützer-, sondern auch die Erzählerrolle. Ganz am Ende hat schliesslich der Mensch das Wort. Doch was der Gerichtsmediziner zu berichten weiss, stellt manches des zuvor Gelesenen wieder infrage.

Trotz dieser Einwände hinterlässt «Anima» einen tiefen Eindruck. Und die Befürchtung, dass Wajdi Mouawad beim Schreiben mehr Poesie als Fantasie bewiesen hat. Weil die menschliche Geschichte zeigt, dass alles Erdenkliche nicht nur geschehen kann. Sondern zumeist auch geschieht.

Anima

Wajdi Mouawad: «Anima»
Aus dem Französischen von Sonja Finck
dtv premium
448 Seiten
ca. Fr. 24.-

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