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Ig-Nobelpreise

Als Eisbär verkleidet zur Jux-Auszeichnung

Unterhaltung | Dienstag, 23. September 2014, Matthias Gräub

Einmal im Jahr, wenn die Ig-Nobelpreise verliehen werden, kann die Wissenschaft über sich selber lachen. Dann werden nämlich die skurrilsten Forschungsprojekte des Jahres ausgezeichnet. Am Wochenende war es wieder soweit.

Der Mann im Bild da oben ist nicht etwa kurz davor, eine Bank zu überfallen, auch wenn er mit seiner Maske ein wenig so aussieht. Dort, wo er sich befindet, würde er wohl auch nur schwerlich etwas finden, was sich auszurauben lohnt. Denn der in weiss gehüllte Mann ist Eigil Reimers, der sich bereit macht, über das weite Land von Svalbard zu spazieren, einer Inselgruppe weit über dem Polarkreis, nicht weit vom Nordpol entfernt.

Reimers hat – unter anderem für seine Verkleidung – am vergangenen Wochenende an der amerikanischen Elite-Universität Harvard eine Auszeichnung entgegennehmen dürfen: Den Ig-Nobelpreis. Diese Persiflage der Nobelpreis-Verleihungen würdigt jedes Jahr auf satirische Weise die skurrilsten Forschungsprojekte. Oder, wie der Veranstalter selbst schreibt, wissenschaftliche Leistungen, die «Menschen zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen».

Der diesjährige Preis in der Kategorie «Arktisforschung» geht an den in weiss gehüllten Eigil Reimers, seines Zeichens Biologieprofessor an der Universität Oslo, für seine Untersuchungen, wie Rentiere auf Menschen reagieren, die als Eisbären verkleidet sind. Jawohl, ganz genau!

Der Ernst hinter der Sache
Nun, erst lachen und dann nachdenken ist das Ziel. Gelacht haben wir, aber was gibt es bei diesem Forschungsprojekt nachzudenken? Nun, wie die Universität von Oslo in einer Pressemitteilung schreibt, ist das Verkleidungs-Projekt nur ein Teil von einem grösseren Projekt. Die Forscher haben das Fluchtverhalten von Rentieren unter verschiedenen Bedingungen untersucht. Und weil sich die Bedingungen – auch durch die Klimaerwärmung – für Eisbären ändern und sie immer mehr Zeit an Land verbringen müssen, werden sie künftig wohl immer häufiger auf Rentiere treffen. Und genau diese Situation mussten Reimers und seine Kollegen simulieren, was mit einer Verkleidung deutlich einfacher und ungefährlicher funktioniert als mit einem echten Eisbären. Durch die durchaus lachhaft anmutende Studie können die Forscher also vorhersagen, wie sich die Fauna auf Svalbard in der nahen Zukunft verändern könnte und allfällige Massnahmen einleiten.

Hinter dem Jux steckt also durchaus eine sinnvolle Forschungsüberlegung. So wie auch hinter den neun weiteren Preisträgern des diesjährigen Ig-Nobelpreises. Darunter zu finden sind unter anderem auch ein Forscherteam, das untersucht hat, ob der Besitz einer Katze schädlich fürs Gemüt ist und die Wissenschaftler, die gründlich bewiesen haben, dass sich Hunde beim Urinieren und Stuhlentleeren bevorzugt entlang des Magnetfelds der Erde ausrichten («Tierwelt Online» hat berichtet).

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Die meisten Preisträger freuen sich übrigens über ihre Auszeichnung. Die fragwürdige Ehre, die ihnen mit dem Ig-Nobelpreis erwiesen wird, führt laut Professor Reimers dazu, dass deutlich mehr Leute sich für seine Forschung interessieren. Als er erfahren habe, dass er den Preis erhalten würde, habe er mit Überraschung, Freude und einem kleinen Schmunzeln reagiert.

Das Eisbären-Experiment hat übrigens sogar ein Resultat hervorgebracht: Die Rentiere, denen sich Reimers näherte, seien deutlich eher vor ihm geflohen, wenn er als Eisbär verkleidet war als wenn er ganz in schwarz gekleidet war. Das Rentier-Projekt ist noch lange nicht abgeschlossen, wie Reimers versichert. Als nächstes sollen Kontrollversuche auf dem Norwegischen Festland stattfinden, wo es keine Eisbären gebe. Ausserdem wolle sich Reimers demnächst mal nach einem überzeugenderen Eisbärenkostüm umschauen.

Die Originalpublikation zur Rentier-Studie finden Sie hier.

Und im Video unten können Sie sich die ganze Zeremonie der IG-Nobelpreis-Verleihung anschauen. Die norwegischen Forscher haben ihren Auftritt nach etwa einer Stunde 19.

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