Sie sind hier: TierweltAktuellUnterhaltung

Share

Ausflugstipp

In Locarno sind majestätische Vögel zum Greifen nah

2 Kommentare Unterhaltung | Dienstag, 16. Juni 2015, Ruedi Weiss

Einst waren Falkner, Greifvogel und Pferd das Trio, vor dem sich Füchse, ­Hasen und Wölfe zu fürchten hatten. Heute entführt die Falconeria Locarno ihre Besucher in diese Welt der antiken Jagdkunst.

Die meisten Besucher sind vorgewarnt. Trotzdem werden sie überrascht: Unhörbar streift der Uhu mit seinen messerscharfen Krallen wenige Zentimeter über den Köpfen der Zuschauer vorbei. Ihr Ducken kommt zu spät, dafür ist auf den Tribünenplätzen ein «Ah» und «Oh» zu hören. 

Während der nachfolgenden 45-minütigen Show werden in der Falconeria Locarno nicht nur der Uhu, sondern auch Falken, Karakaras, Raben, Bussarde, Adler, Kondore oder Geier buchstäblich haarscharf über die Köpfe der Besucher fliegen. Nach dem «Überraschungsangriff» vom Anfang nun aber mit Vorwarnung. Der Falkner Pio Nesa stellt jedes Tier vor: «Der nächste ist der Gerfalke. Ein nordischer Vogel, der vor allem in Kanada, Alaska, Grönland und Sibirien lebt und zu den schnellsten Vögeln der Welt gehört», kommentiert Nesa beispielsweise den Auftritt des kleinen Greifvogels in perfektem Deutsch und Italienisch. 

Und er führt das Publikum in das Handwerk der Falknerei ein. «Es ist sehr schwierig, Falken zu trainieren. Sie mögen es nicht, von Faust zu Faust zu fliegen, denn in der Natur jagen sie Federwild nur im Flug.» Und schon steigt ein Wanderfalke steil in die Luft und schiesst plötzlich im Sturzflug mit rund hundert Stundenkilometern wieder hinunter aufs Gelände der Falconeria. Imposant, faszinierend, atemberaubend. 

Die Vögel spielen die Hauptrolle
Pio Nesa hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Mit 12 Jahren begegnete der gebürtige Tessiner einem Falkner in der Toskana und war von dieser engen Verbindung zwischen Mensch und Tier sofort begeistert: «Der Vogel ist frei, und trotzdem hat er einen Bezug zum Menschen. Wenn er mal hoch oben auf 150 Metern fliegt, könnte er auch einfach auf und davon.» 

Die Begegnung mit dem italienischen Falkner war für Nesa prägend und zeichnete seinen weiteren Weg: Als 17-Jähriger reiste er nach Deutschland und schloss dort die Ausbildung zum Falkner ab. Es folgten weitere Jahre in Deutschland und dann ein längerer Aufenthalt bei Joseph Hiebeler auf Schloss Rosenburg in der Nähe von Wien. Der Österreicher Hiebeler gilt als einer der herausragenden Experten der Falknerei. Er verbrachte Jahre in den weiten Steppen Kirgisistans und Kasachstans und lernte von Nomadenstämmen die hohe Kunst der Falknerei. 

Dieses Wissen gab Hiebeler an den jungen Tessiner Falkner weiter. Und nicht nur das: «Von ihm habe ich auch gelernt, wie man die Falknerei durch dramaturgische Mittel einem breiten Publikum näherbringen kann», erinnert sich Nesa. «Denn natürlich ist es wichtig, dass wir Falkner uns bei den Flugvorführungen in den richtigen Kostümen und mit Charme und Eleganz dem Publikum präsentieren, aber wir müssen immer darauf achten, dass die Tiere die Hauptdarsteller sind, und nicht wir», sagt der 33-Jährige, der – wie es sich für einen echten Falkner gehört – auch perfekt mit Pferden umzugehen weiss. Bayern, Wien, Salzburg, Venedig und Saudi-Arabien waren seine weiteren Stationen, bis sich Nesa entschloss, seine eigene Falconeria aufzubauen, zuerst für kurze Zeit in der Nähe von Lugano und vor acht Jahren in Locarno.

«Wir sind kein Zirkus»
Inzwischen gehört die Falconeria, die er mit seiner Frau und acht Angestellten betreibt, zu den beliebtesten Ausflugszielen im Tessin. Nicht nur die vielen Touristen, Schulklassen und Seniorengruppen finden regelmässig den Weg in die Greifvogel-Schau, sondern auch viele Tessiner Familien. Das erstaunt nicht, denn einerseits gleicht keine Vorstellung der anderen, da die Vögel ihrem Wesen entsprechend in jeder Show unterschiedlich reagieren, andererseits variiert und erweitert Nesa die 45-minütige Show immer wieder. 

«Wir sind kein Zirkus», sagt der Falkner. «Wir verzichten auf jede Form von Dressur, die nicht dem Wesen der Tiere entspricht.» Nesa und seine drei Mitfalkner trainieren die über 20 verschiedenen Greifvogelarten der Falconeria täglich, auch jene, die nicht in der Show auftreten. Und bis ein Falke mal hoch über der Tribüne seine Runden dreht, dann blitzschnell in die Tiefe schiesst und nur wenige Zentimeter am Falkner vorbeipeilt, oder bis sich Andenkondore oder Seeadler majestätisch 100 Meter von Fanghand zu Fanghand schwingen, braucht es wochen- oder monatelanges Training. «Da üben wir zuerst mit ganz kurzen Distanzen und belohnen die Vögel sofort mit kleinen Fleischstückchen, wenn sie es geschafft haben.» 

Die Flugdistanzen werden von Trainingstag zu Trainingstag verlängert, bis es die jungen Greifvögel am Schluss auch über die weite Strecke schaffen und in die Flugshow integriert werden können. Disziplin ist aber auch vom Publikum gefragt: Die Besucher dürfen sich während der Flugvorführung weder von den Sitzen erheben, noch die Hände in die Höhe strecken, «denn sollte sich ein Vogel bei seinem Flug über die Köpfe der Zuschauer an einer Hand stossen, bedeutet das Gefahr für ihn und er würde das nächste Mal nicht mehr fliegen.»

Vom Jäger zum «Kulturgut»
Was in der Flugshow leicht und buchstäblich beschwingt daherkommt, hat eine jahrtausendealte Tradition: Die Falknerei ist eine antike Jagdkunst, die vor rund 4000 Jahren auf den Hochebenen der asiatischen Steppen entstanden ist. Die Falkner gingen dabei hoch zu Ross mit ihren Adlern auf Fuchs-, Hasen- und sogar Wolfsjagd. Da Schusswaffen noch nicht zur Verfügung standen, war der Adler als «Fleischbesorger» der beste Jagdhelfer dieser Nomaden.

Die Kunst der Falknerei breitete sich mit den Karawanen von Persien bis in die arabischen Länder aus, wo die Technik der Jagd mit Falken verfeinert wurde – und dort heute noch gepflegt wird. In der Folge brachte Friedrich II. von Hohenstaufen, Kaiser von Deutschland, Italien und Jerusalem, Anfang des 13. Jahrhunderts die Kenntnisse über die Falknerei, die er während seiner langen Reisen in den arabischen Ländern erlernt hatte, nach Europa. Er schrieb seine Beobachtungen und Forschungsergebnisse im Traktat «De arte venandi cum avibus» (von der Kunst, mit Vögeln zu jagen) auf, das bis heute als die Bibel der Falknerei gilt. Auch noch zur Renaissancezeit veranstalteten Falkner in den Schlössern solche Flugshows für Könige und Fürsten, aber als Beutejäger hatte der Falke längst ausgedient. Heute zählt die Falknerei als Unesco-Weltkulturerbe und dient dazu, die Greifvogelwelt der Öffentlichkeit näherzubringen. Genauso, wie es der Tessiner Falkner Pio Nesa seit acht Jahren in seiner Falconeria in Locarno zeigt und dafür Uhus, Kolk­raben oder Andenkondore haarscharf über die Köpfe der Zuschauer fliegen lässt. 

Share

Kommentare (2)

T. Faden am 19.06.2015 um 14:10 Uhr
Überzeugende Reportage, noch überzeugender... den ganzen Stolz in Anjas Augen zu erkennen. Zweifelsfrei werde ich mir diese Show ansehen. Dank an Ruedi und ....Anja
Aus dem Blenio
Thierry

N.koletzko am 18.06.2015 um 13:53 Uhr
Sehr schöne Reportagen mit sehr beeindruckende, tolle Fotos....

Kommentar schreiben


Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen, als Leserzuschriften im Heft abzudrucken oder auf die Publikation zu verzichten.

Galerien Alle Galerien