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Wandern

Das langsamste Lauberhornrennen

Unterhaltung | Montag, 22. Juni 2015, Reto Wissmann

Die Rennstrecke der Lauberhornabfahrt lässt sich im Sommer zu Fuss erkunden. Glücklicherweise muss man dabei nicht immer auf die Ideallinie achten, sondern kann den Blick über das spektakuläre Bergpanorama schweifen lassen.

Der Österreicher Hannes Reichelt ist im Januar in 2 Minuten und 36,14 Sekunden das Lauberhorn hinuntergerast. Ich brauchte dafür Anfang Juni rund 3¾ Stunden. Es ist ein Erlebnis der besonderen Art, eine der spektakulärsten und längsten Skiweltcupabfahrten im Sommer zu erwandern. Die Landschaft stimmt so gar nicht mit der Erinnerung an die Fernsehbilder überein, der Weg führt über einsame Matten statt durch Werbebanner und Publikumsmassen und der Blick sucht nicht nach der besten Linie, sondern schweift immer wieder über das spektakuläre Bergpanorama. Nur eines bleibt sich gleich: Die Strecke ist auch im Sommer teilweise gehörig steil.

Das Erlebnis beginnt bereits in der Zahnradbahn von Lauterbrunnen hinauf auf die Kleine Scheidegg. Fröhliche Inder, Chinesen und Koreaner drängen sich an die Fenster um die Landschaft, die einst J. R. R. Tolkien für «Herr der Ringe» inspiriert hat, zu bestaunen. Wir passieren rustikal getrimmte Chalets aus den 1960er-Jahren und vom lebhaften Geplauder der asiatischen Touristen verstehe ich nur gerade ein Wort: Heidi. Als dann noch die ersten Kühe auftauchen, gerät die lustige Gesellschaft endgültig in Aufregung. Die drei Gämsen, die auf der Bergseite des Trassees gemütlich äsen, bleiben hingegen unbemerkt.

Grandiose Sicht auf die Berner Alpen
Auf der Kleinen Scheidegg, jenem alpinen Bahnhof am Fusse der Eigernordwand, der zeitweise so gut frequentiert ist wie jener einer mittelgrossen Stadt, trennen sich die Besucherströme. Die grosse Mehrheit steigt auf den Zug zum Jungfraujoch um. Sie will den Eispalast sehen und auf 3454 Metern über Meer mit Turnschuhen im Schnee spazieren gehen. Einige wenige Ausflügler erkunden die Bergwelt hingegen auf Wanderwegen. Ich folge dem Wegweiser in Richtung Männlichen und biege kurz nach dem Restaurant Grindelwaldblick links zum Lauberhorn ab.

Zwei Dinge vorweg: Das weltberühmte Skirennen startet nicht auf dem Lauberhorn, sondern ein ganzes Stück weiter unten auf der Lauberhornschulter. Und: Das 2472 Meter hohe Lauberhorn ist von seiner Gestalt her ein unspektakulärer, fast langweiliger Berg. Es bietet aber eine grandiose Rundsicht auf die Berner Alpen (vor allem natürlich auf Eiger, Mönch und Jungfrau), auf Grindelwald ober Mürren, auf die Grosse Scheidegg und bis ins Mittelland. Darum lohnt sich der gut einstündige Aufstieg auf jeden Fall – und nur talwärts zu wandern, würde mir irgendwie auch komisch vorkommen.

Vom Skibetrieb im Winter sind noch deutliche Spuren zu sehen. Die Raupen der Pistenfahrzeuge haben sich teilweise bis in die Erde gegraben. Neben den letzten Schneefeldern spriessen dennoch bereits die ersten grossen Enziane und Alpen-Kuhschellen.

Genusswanderer kommen ins Staunen
Auf dem Lauberhorn stehen drei Ruhebänkli und der Krete entlang wurde ein Maschendrahtzaun gezogen. Immerhin bricht der Gipfel gegen Westen fast senkrecht ab. Weit unten sieht man das Zielgebiet der Weltcup-Abfahrt. Gut 1000 Höhenmeter und bis zu 41 Prozent Neigung geben den Rennfahrern jeweils ziemlichen Schuss. Ich nehme es gemütlich und steige zunächst bis zur Lauberhornschulter ab. Hier befindet sich nicht nur die (im Sommer verwaiste) Start-Bar und das Start-Häuschen der Abfahrt, sondern auch der Ausgangspunkt des Lauberhorn-Trails.

Mit einem Wanderweg entlang der Abfahrtsstrecke haben die Touristiker einen Teil der Strahlkraft des Weltcup-Klassikers in den Sommer hinübergerettet. Auf Informationstafeln werden die Schlüsselstellen erklärt und durch 3-D-Viewer sieht man, wie der Künstler Daniel Zimmermann vor ein paar Jahren die Ideallinie des Rennens mit 10 000 Holzleisten ausgelegt hat. «Lauberhornrennen im Sommer» nannte er sein «Mixed-Media-Projekt» (siehe obiges Video).

Vom Start geht es über Russisprung und Traversenschuss die Bergflanke hinunter. Mit 130 Kilometern pro Stunde brettern die Fahrer hier jeweils über die Alpwiese. Beim Hundsschopf, dem eigentlichen Markenzeichen der Abfahrt, wartet – wie für ein Foto bestellt – eine junge Malinois-Hündin. Sie gehört einem Pistenretter der Jungfraubahnen, der gerade die Viewer installiert. Es sei verrückt, was alles liegen bleibe, sagt der Mann und steigt mit abgebrochenen Pistenpfosten und Kunststoffschläuchen das schmale Felsencouloir hinunter. «Die enge, felsige Passage erscheint als unpassierbar», heisst es in der Beschreibung der Rennstrecke, «zu eng, zu steil und der Sturzraum zu kurz und zu hart.» Als Genusswanderer kann man nur staunen.

Die nächsten verrückten Passagen folgen Schlag auf Schlag: Minschkante, Alpweg, Kernen-S, Wasserstation. Wo einst die Dampflokomotiven der Jungfraubahn Wasser aufnahmen, müssen Skifahrer und Wanderer heute durch ein dunkles, schmales Loch unter dem Trassee hindurch. Sogar im Sommer zieht man hier instinktiv den Kopf ein. Danach wird die Landschaft lieblicher und der Blick öffnet sich in Richtung Wengen. Über Langentrejen laufe ich bis zum Beginn des Hanneggschusses, wo der Wanderweg die Renn­strecke verlässt und über einen breiten Waldweg bis in den Ferienort führt.

Oberhalb des Dorfs kann man den Weg direkt zum Bahnhof nehmen oder einen Schlenker einbauen und der Abzweigung in Richtung «Wengen Rundweg» folgen. Über saftige Weiden und einen verwunschenen Tannenwald gelangt man auch rasch ins (fast) autofreie Dorf. Fazit des Tages: Es gibt schönere Bergwanderungen als den Lauberhorn-Trail. Für Skifans ist es aber spannend, die spektakuläre Abfahrtsstrecke einmal im Sommer zu erkunden – und die Kulisse rundherum ist nicht nur für asiatische Touristen atemberaubend.

Praktische Hinweise

Im oberen Teil folgt die Route schmalen Bergwanderwegen, im unteren meist breiten Alp- oder Waldwegen (T2). Je nach Schneesituation kann die Wanderung von Juni bis Oktober gemacht werden. Anreise: Von Lauterbrunnen und Grindelwald fährt tagsüber jede halbe Stunde ein Zug auf die Kleine Scheidegg. Distanz: 10,8 Kilometer. Wanderzeit: ca. 3¾ Stunden. Aufstieg: 440 Höhenmeter. Abstieg: 1240 Meter. Einkehren: Restaurant Grindelwaldblick, oberhalb Bahnstation Kleine Scheid­egg (Tel. 033 855 13 74), Bergrestaurant Allmend, ob Wengen (Tel. 033 855 45 45), weitere Gaststätten befinden sich in Wengen und auf der Kleinen Scheidegg. Weitere Informationen: www.jungfrau.ch > Ausflugsziele > Kleine Scheidegg > Wanderwege > Nr. 40.

 

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