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«Welcome to Zwitscherland»

Klischees, Kitsch und Kuckucke

Unterhaltung | Donnerstag, 8. November 2018, Matthias Gräub

Wir sind wie unsere Vögel. Das ist die Kernaussage des Films «Welcome to Zwitscherland». Und der Vergleich passt verblüffend gut, wie die tollen Vogel- und Landschaftsaufnahmen beweisen. 

Der Trailer zu «Welcome to Zwitscherland» (Video: Schweizerische Vogelwarte)

Majestätisch kreist der Bartgeier über den Alpen. Keck lässt sich der Spatz auf der Heiligenstatue vor dem Berner Münster nieder. Mutig stürzen sich die Gänsesäger-Küken vom Schlossturm. Der Basler Filmemacher und Biologe Marc Tschudin hat für seinen neuen Dokumentarfilm «Welcome to Zwitscherland» tolle Aufnahmen aus der Schweizer Vogelwelt gemacht. 

Das haben andere aber auch schon; ein fesselndes Kinoerlebnis erschafft nur, wer diese kurzen Schnipsel zu einer runden Geschichte zusammenpuzzelt. Und das gelingt Tschudin mit drei Kniffen: Erstens ordnet er die Szenen chronologisch. Im tiefen Winter fängt er an, um nach knapp anderthalb Jahresumdrehungen im übernächsten Frühling zum Schluss zu kommen. Auch das ist nicht neu und in Naturdokumentationen geradezu Standard. Neu hingegen ist – zweitens – die Rahmengeschichte, die Tschudin erzählt. 

Alles beginnt mit dem Tod. Der Vater der Erzählstimme – oder der Opa, hier bleibt der Filmemacher vage – stirbt. Er war ein grosser Vogelfreund und führte ein Feldbuch, in das er seine ornithologischen Erlebnisse eintrug. Bei der Lektüre und beim Räumen seines Arbeitszimmers kommen der Erzählerin die Erinnerungen hoch – von Sonntagsausflügen, von Sommerferien, von Familienbesuchen. Und von den Vögeln, die sie dabei stets begleiteten.

«Wie das Land, so die Vögel.» Der Untertitel verrät das dritte Element, das den Film ausmacht: Tschudin vergleicht die Schweizer mit ihrer Vogelwelt. Und er findet verblüffend viele passende Vergleiche. Das typisch schweizerische Gärtchendenken ist doch nichts anderes als das Reviergehabe des Amselmännchens. Das Schwingfest wird bei den Birkhähnen statt im Sägemehl halt im Schnee ausgetragen. Und das verdichtete Bauen in den Städten haben die Uferschwalben in ihren durchlöcherten Sandsteinmauern längst gemeistert.

Witzige Vogel-Ebene
Jedes Schweizer Klischee wird aufgegriffen: Vom Alpabzug über den Stau am Gotthard bis hin zur obligatorischen Matterhorn-das-sich-im-Bergsee-spiegelt-Aufnahme. Doch irgendwie schafft es der Film, damit nicht zu nerven, sondern stets frische Impulse zu setzen, indem er den Kitsch auf eine – oft witzige und nicht immer ganz ernst gemeinte – Vogel-Ebene dreht. 

So ist der Kinobesuch oft weniger ein Neu-Entdecken – jede und jeder hat schon Krähen, Störche und Enten gesehen –, sondern vielmehr ein Neu-Erleben. Und für die Erzählerin ein Nochmals-Erleben. Sie schwelgt in ihren Erinnerungen, die sie mit dem Verstorbenen teilt.  

«Welcome to Zwitscherland» sprüht vor Freude am Filmen. Natürlich lebt der Film ebenfalls von seinen Naturaufnahmen, aber er schafft es, auch durch seine Geschichte zu fesseln und zieht sich erst ganz zum Schluss etwas in die Länge, als das Jahresrad eine Viertelumdrehung zu spät anhält. Wer kann, sollte sich für den Kinobesuch eine Nachmittagsvorstellung aussuchen. Dann scheint nämlich auf dem Nachhauseweg noch genügend Spätherbstsonne, um den neu geschärften Blick auf die Vogelwelt auszutesten.

Marc Tschudin: «Welcome to Zwitscherland», Dokumentarfilm, 84 Minuten, Verleih: MovieBiz Films, ab sofort im Kino. 

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