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Pferde

Bei Grossanlässen reitet das Risiko mit

1 Kommentare Nutztiere | Donnerstag, 21. Mai 2015, Angelika Nido Wälty

Ein totes und mindestens ein verletztes Pferd sorgten beim diesjährigen Sechseläuten in Zürich für Schlagzeilen. Die Geschehnisse werfen die Frage auf, wie tiergerecht der Einsatz von Pferden bei Grossanlässen ist.

Es sieht prachtvoll aus, wenn herausgeputzte Pferdegespanne und Reitergruppen in schmucken Uniformen in einem festlichen Umzug durch die Innenstädte ziehen. Der Anblick von Pferden begeistert junge und alte Zuschauer. Das Pferd ist ein Teil unseres Kulturguts – und es ist als solches im ganzen Land immer wieder an Brauchtums- und Nostalgie-Veranstaltungen im Einsatz. In praktisch jedem Kanton gibt es traditionelle Anlässe, an denen Reiter und Pferdekutschen teilnehmen: Bettags- und Wallfahrtsritte, Bann­umgänge, Winzer-, Räbeliechtli-, Fasnachts- und andere Festumzüge. 

Im Ausland sind die jährlichen Aufmärsche von berittenen Kavallerietruppen wie der Garde Républicaine in Paris oder der Royal Household Cavalery Touristenattraktionen, die Zehntausende von Besuchern anziehen. Doch viele Zuschauer am Strassenrand haben ein mulmiges Gefühl, wenn die grossen, starken, oftmals sichtbar aufgeregten Pferde gefährlich nahe an ihnen vorbeiziehen. 

Und das zu Recht: Wo grosse Menschenmengen und die bis zu 800 Kilogramm schweren Fluchttiere aufeinandertreffen, reitet und fährt das Risiko immer mit. Sind die Reiter und Fahrer erfahrene Pferdeleute und die Tiere an den Lärm und Trubel gewöhnt, kann die Gefahr deutlich vermindert, aufgrund der unberechenbaren Natur des Pferdes aber niemals ganz ausgeschlossen werden. Wenn Pferde sich erschrecken und scheuen, rempeln sie Menschen an oder stehen Besuchern auf die Füsse. Auch sich aufbäumende oder durchbrennende Pferde verletzten immer wieder Zuschauer.

Zürcher Tradition kritisiert
Für Schlagzeilen sorgte kürzlich das «Sechseläuten». Mit dieser jahrhundertealten Tradition verabschieden sich die Zürcher vom Winter, der in Gestalt eines Schneemanns symbolisch verbrannt wird. Der sogenannte «Böögg» thront auf einem Scheiterhaufen und ist mit Knallkörpern gefüllt, die explodieren, während die Reitergruppen der Zünfte um ihn herumgaloppieren. Ein erster Unfall ereignete sich schon vor dem Umzug, als im Zürcher Stadtteil Wollishofen zwei Kutsch­pferde durchbrannten. Sowohl der Kutscher als auch eines der beiden Pferde verletzten sich. Glimpflich verliefen mehrere Stürze von Zünftern beim Galopp um den «Böögg» – doch für ein Pferd endete das Spektakel tödlich: Es sackte vor den Augen der vielen Zuschauer zusammen und starb. 

Durch Teile der Bevölkerung und der Presse ging ein Aufschrei der Empörung. Schweizerische und Zürcher Tierschutzvereinigungen kritisierten den Einsatz von Pferden am Sechseläuten harsch: Es sei weder vernünftig noch tiergerecht, das schreckhafte Fluchttier Pferd dem Stress einer solchen Veranstaltung auszusetzen. Stress könne beim verstorbenen Sechseläuten-Pferd aber als Todesursache «mit grosser Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden», sagte der zuständige Notfalltierarzt. Das erfahrene Reitschulpferd war bereits 24 Jahre alt und sei an einer Herzrhythmusstörung gestorben. Dieser plötzliche Herztod kann ein Pferd durchaus auch auf der Weide oder bei einem Ausritt heimsuchen.

Für Pferde ist die Teilnahme an einer Grossveranstaltung mit ihrer Fülle an optischen und akustischen Reizen alles andere als ein gemütlicher Sonntagsausritt. Als Beute- und Fluchttier hat das Pferd eine viel schärfere Wahrnehmung als wir Menschen. In seinem weiten Blickfeld (über 300 Grad im Vergleich zu rund 180 Grad beim Menschen) nimmt es blitzschnell jede noch so kleine Bewegung wahr. Ein aus dem Gebüsch auffliegender Vogel oder ein Stück Papier auf dem Waldboden können reichen, um es in Angst und Schrecken zu versetzen und den Fluchtreflex auszulösen. In den Millionen Jahren seiner Entwicklung haben diese Fähigkeiten dem Pferd das Überleben gesichert. Während der rund 6000 Jahre seiner Domestikation hat es diese Instinkte nicht verloren, auch wenn sich das Pferd vom Menschen trainieren lässt und somit zu einem Nutztier wird. 

Je nach Rasse, individuellem Charakter und Temperament, eignet sich ein Pferd besser oder weniger gut für bestimmte Aufgaben. Die schwereren, kaltblütigeren Rassen, die meist vor Kutschen gespannt werden, lassen sich in der Regel viel weniger schnell aus der Ruhe bringen, als die auf Leistung und Schnelligkeit gezüchteten modernen Sportpferde. 

Schlecht vorbereitet
Aber Pferde sind auch lernfähig, wobei die individuelle Lernbereitschaft wieder von Wesen und Temperament abhängt. So können Pferde nicht nur lernen, Therapiepatienten ruhig und geduldig durch die Reitbahn zu tragen oder über hohe Hindernisse zu springen. Bei entsprechender Eignung können sie auch an Lärm, Feuer, Explosionen und johlende Menschenmassen gewöhnt werden. 

Polizeipferde, aber zum Beispiel auch die Pferde der französischen Garde Républicaine oder der britischen Household Cavalery werden sorgfältig ausgesucht und in einem langwierigen Training, das bereits im Jugendalter der Pferde beginnt, an diese Aufgaben gewöhnt. Die Pferde, die an Umzügen teilnehmen, haben in der Regel keine solche Ausbildung genossen und werden meist gar nicht oder nur rudimentär für solche Einsätze vorbereitet. Das ist ein Risikofaktor, denn während gewisse Traditionen seit vielen Jahren gleich geblieben sind, haben sich die dafür verwendeten Pferde stark verändert: An die Stelle der Kaltblut-geprägten, im Alltag schwer arbeitenden Bauern-, Kutsch- und Forstpferde sind warmblütige Reitschul-, Freizeit- und Sportpferde mit entsprechendem Temperament getreten. Dieses zu kontrollieren, ist für die Reiter schwieriger, zumal die Pferde an den Anlässen oft nicht einmal von ihren vertrauten Besitzern geritten werden, sondern an die Teilnehmer ausgeliehen werden, die Wesen und Verhalten nicht in- und auswendig kennen.

Fähigkeiten der Reiter überprüfen
Um das Risiko eines Zwischenfalls mit Folgen für das Pferd, den Reiter oder die Zuschauer zu mindern, werden den Pferden häufig Beruhigungsmittel verabreicht. Nach dem diesjährigen Sechseläuten bestätigte ein Professor der Veterinärmedizin der Universität Zürich und langjähriger Zünfter gegenüber den Medien, dass rund die Hälfte der über 500 teilnehmenden Pferden mit Medikamenten ruhig gestellt waren. Dabei sind diese Beruhigungsmittel, deren Einsatz bei Pferdesport-Wettbewerben verboten ist, nicht frei von Nebenwirkungen. Sie können die körperliche Reaktionsfähigkeit und den Herzrhythmus beeinträchtigen. 

Das Pferd, das am Sechseläuten gestorben ist, stand gemäss dem Autopsie-Ergebnis nicht unter dem Einfluss von Medikamenten. Tierschützer kritisieren den Einsatz der Beruhigungsmittel dennoch und fordern, die Stressfaktoren vom Pferd fernzuhalten, anstatt sie mit Medikamenten auszublenden. Im konkreten Fall des Sechseläutens etwa verlangt der Tierschutzbund Zürich, dass die Genehmigungspraxis der Veranstaltung an jene von Pferdeportveranstaltungen angepasst wird.

Dass es für die Pferde Doping- und Eintrittskontrollen gibt und die reiterlichen Fähigkeiten der Teilnehmer überprüft werden. Der Tierschutzbund Zürich prüft zurzeit, ob das Tierschutzgesetz eingehalten wurde oder ein strafrechtlicher Tatbestand vorliegt. Sollte der Fall tatsächlich vor den Gerichten landen, dürfte die gefällte Entscheidung wegweisend sein für den künftigen Einsatz von Pferden an Traditions- und Brauchtumsveranstaltungen. 

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Kommentare (1)

Diener Oskar am 21.05.2015 um 21:46 Uhr
Ich organisiere für die Zunft Schwammendingen seit 20 Jahren alle Fuhrwerke! Selber fahre ich die Herzogenmühle 5spännig. Für uns Kutscher und Pferdebegleiter ist das Sechseläuten alle Jahre ein kameradschaftlicher Freudentag Wir hatten auch noch nie das Gefühl, dass es für die Pferde ein Stress war! Im Gegenteil, stolz und zuverlässig zogen Sie die Wagen ohne irgend einen Zwischenfall

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