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Tourismus

Hässliches Geschäft mit wilden Tieren

Wildtiere | Dienstag, 27. März 2018, Monika Zech

Der Wildtiertourismus bringt viel Geld ein. Aber wie Tierschutzorganisationen berichten, bezahlen Tausende Tiere mit ihrem Leben dafür. 

Eine Gruppe von etwa 40 Personen stapft durch die bolivianische Pampa. Die Dschungelregion gilt als eines der artenreichsten Gebiete der Welt und zieht jedes Jahr über 10 000 Touristen an. Diese hier suchen offenbar nach Schlangen, während des Laufens stochern sie ständig mit Holzstöcken im sumpfigen Boden herum. Plötzlich lautstarke Aufregung: Einer hat eine Anakonda entdeckt. Sie bewegt sich nicht. «Sie hat Angst – die vielen Menschen, der Lärm», erklärt der einheimische Reiseführer. Eine Touristin zieht mit ihrem Stock die Schlange an die Oberfläche. Grosses Gaudi. «Nicht anfassen, eure Hände sind voller Mückenspray. Das ist extrem giftig für die Schlange», ruft der Reiseführer. Zu spät. Bevor das Tier fliehen kann, haben ein Mann und eine Frau mit ihren Händen bereits über die Schlangenhaut gestrichen. 

Diese Szene aus dem Dokumentarfilm «Gringo Trails» zeigt, was selbst gutmeinende Rucksacktouristen auf ihrer Suche nach fremden Kulturen und unberührten Landschaften anrichten. Täglich setzen sich Menschen irgendwo in ein Flugzeug, um in einem fremden Land Ferien zu machen. Laut Statistik wurden im Jahr 2017 weltweit 1,3 Milliarden Reiseankünfte gezählt, 1950 waren es 25 Millionen. Der Tourismus zählt heute rund 100 Millionen Beschäftigte. Doch wie immer bei solchen Entwicklungen gibt es nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer. Die Natur beispielsweise – und viele Tiere. 

550 000 Wildtiere in Gefangenschaft 
Begegnungen mit Wildtieren sind ein Renner in der Tourismusbranche. Das muss nicht unbedingt schlecht sein. «Der Wildtier-Tourismus kann, wenn er richtig bewirtschaftet wird, zum Naturschutz beitragen, den Tierschutz verbessern und die Armut lindern», schreibt die international tätige Tierschutzorganisation «World Animal Protection» in einem Bericht. Es spreche nichts gegen Beobachtungen der Tiere, solange sie in deren natürlichen Lebensräumen geschähen und die Tiere dabei nicht gestört würden. «Unglücklicherweise hat der Wildtiertourismus jedoch eine hässliche Seite.» Und diese Seite zeigt enormes Tierleid. 

Gemäss World Animal Protection werden derzeit rund 550 000 Wildtiere als Urlaubsattraktion in Gefangenschaft gehalten. Oft unter erbärmlichen Bedingungen. Viele dieser Tiere wurden als Babys ihren Müttern geraubt, um sie früh an Menschen zu gewöhnen und dann den Touristen als Wildtiere zum Anfassen verkaufen zu können. So etwa in Südafrika, wo mehrere «Streichelfarmen» Löwenjunge zum Kuscheln und Spazierengehen anbieten. Häufig geben die Farmen vor, die Tiere nach dem Heranwachsen in die freie Wildbahn auszuwildern, was laut Experten jedoch unmöglich ist – weil solche Tiere in Freiheit gar nicht überlebensfähig sind.

Ganz schlimm geworden ist die Situation für die Tiere, seit jedermann ein Handy mit sich rumträgt und meint, er müsse mit Selfies der ganzen Welt zeigen, wo er sich gerade befindet und was er dort macht. Zum Beispiel ein Faultier auf dem Arm halten, oder sich eine Boa constrictor um den Hals legen, oder ein Delfin-Baby streicheln. Zwischen 2014 und 2017 ist die Anzahl der geposteten Wildtier-Selfies bei Instagram, der Foto-Plattform mit 800 Millionen Mitgliedern, um 292 Prozent gestiegen. Dieser Selfie-Wahn ist nicht nur ein Riesenstress für die Tiere, er kostet auch unzähligen das Leben. 

Die Öffentlichkeit erfährt hin und wieder von besonders spektakulären Fällen wie Anfang dieses Jahres von dem gestrandeten Delfin-Baby in einem argentinischen Badeort, das sterben musste, weil die Menschen sich unbedingt mit ihm ablichten wollten, statt ihm zurück ins Wasser zu helfen. Schlagzeilen machte auch der Fall eines Schwans in Mazedonien, der starb, nachdem er von einer Touristin für ein Selfie am Flügel aus dem See gezerrt worden war. 

Die Opfer des Selfie-Wahns
Aber dass Tausende der extra zu diesem Zweck gefangenen Faultiere – sie zählen zu den beliebtesten Opfern des Selfie-Wahns – wegen dem Stress und dem Schlafmangel ihr Dasein als Fotosujet nur kurze Zeit überleben, dringt erst jetzt langsam ins Bewusstsein. Zu verdanken ist das Tierschutz- und Umweltorganisationen, die immer wieder auf die Missstände hinweisen. Auf Besserung hoffen lässt auch der Umstand, dass Instagram aufgrund der Aufklärungskampagne von World Animal Protection inzwischen mit einer Warnmeldung auf Wildtier-Selfies reagiert («Tierwelt Online» berichtete). Zudem haben die Reiseplattformen TripAdvisor und Expedia erklärt, keine Angebote mehr mit direktem Wildtierkontakt aufzuführen. 

Und wie halten es die hiesigen Reiseveranstalter mit diesem Thema? Gibt es einen Verhaltenskodex für den Umgang mit Wildtieren? «Nein», lautet die Antwort beim Schweizer Reise-Verband (SRV), der Branchenorganisation der Schweizer Reiseveranstalter. «Wir können die Kunden nicht bevormunden, haben als Verband auch keine Weisungsbefugnis», sagt SRV-Geschäftsführer Walter Kunz. Er verweist jedoch auf das verbandsinterne  Fachgremium «Umwelt und Soziales», das entsprechende Empfehlungen an die Reiseveranstalter abgebe. Diese nähmen ihre Verantwortung durchaus wahr, indem sie von Angeboten wie Elefantenreiten in Thailand oder Schwimmen mit Delfinen abrieten.  

Zutrauliche Wald- und Bergbewohner 
Apropos Schweiz: Man muss nicht immer in die Ferne schweifen … Auch hierzulande kommt es vor, dass Tiere für touristische Zwecke vermarktet werden. In einem Fall ziemlich übel: Zwei Hundehalter aus Zermatt verdienten sich eine goldene Nase mit ihren Bernhardinern, die stundenlang in der Kälte für Touristenfotos vor dem Matterhorn posieren mussten. Wie der Schweizer Tierschutz STS herausfand, wurden die Foto-Hunde ausserhalb ihrer «Arbeitszeiten» miserabel, in einem ungeheizten Abbruchhaus, gehalten. Der Protest der Tierschützer führte 2015 schliesslich zu einem Verbot dieser Fotoshootings durch die lokalen Behörden. 

Angebote hingegen wie der «Eichhörnliweg» in Arosa oder das «Murmeli-Beobachten» zwischen Spielboden und Saas-Fee sind eher der Kategorie «Naturerlebnisse» zuzuordnen. Obwohl damit geworben wird, dass die Tiere viel zutraulicher seien als üblich und sich mit etwas Glück sogar füttern liessen. «Wichtig ist: Die Tiere kommen freiwillig zum Menschen und haben jederzeit die Möglichkeit, sich wieder zurückzuziehen», sagt Samuel Furrer, Biologe und Leiter der Fachstelle Wildtiere beim STS. Keinesfalls dürfe man die Tiere packen oder festhalten, ebenso wenig sie verfolgen oder ihre Rückzugsorte betreten. Pflicht sei auch artgerechtes Futter. Damit all das gewährleistet ist, findet Furrer «eine gewisse Aufsicht solcher Bereiche durch Fachpersonen notwendig». 

Ein Mann im Film «Gringo Trails», der im Amazonasgebiet Touristen durch den Dschungel führt, sagt es so: «Es braucht geschulte Reiseleiter, die Regeln vorgeben. Lässt man den Touristen freie Hand, zerstören sie alles.»

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