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Lärmbelastung

Viel Geld für etwas weniger Strassenlärm

Natur & Umwelt | Donnerstag, 2. Mai 2019, Andrea Söldi

1,8 Milliarden Franken kostete das Programm, mit dem die Bevölkerung vor Strassenlärm geschützt werden sollte. Doch vielerorts wurden die Ziele verfehlt. 

Die Schweiz ist laut. Über acht Millionen Menschen leben hierzulande teilweise auf engem Raum. Sie fahren Auto, Lastwagen und Motorrad, mähen ihren Rasen und feiern Partys. Züge quietschen und rumpeln, Flugzeuge dröhnen und auf Baustellen rattern Presslufthämmer. Doch jahrelanger Lärm in hohen Dosen schädigt die Gesundheit. Betroffene reagieren mit Nervosität, Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Aggressivität und Bluthochdruck und leiden häufiger unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei Schulkindern wirkt sich Lärm negativ auf das Leseverständnis, das Langzeitgedächtnis sowie die Motivation aus. Wer nachts keinen ruhigen Ort zur Verfügung hat, wacht häufiger auf, was die Leistungsfähigkeit tagsüber beeinträchtigt.

Laut Bundesamt für Gesundheit sind in der Schweiz über eine Million Menschen, vor allem in den Städten und Agglomerationen, von Lärm betroffen, der über den gesetzlichen Grenzwerten liegt. Hauptursache ist der Strassenverkehr. Mit einem gross angelegten Programm haben Bund, Kantone und Gemeinden darum in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen, um die Belastung zu senken. Bei sämtlichen Strassen wurde überprüft, ob die Grenzwerte überschritten werden, und bei Bedarf wurden Massnahmen eingeleitet. 

Fenster schützen nur im Haus
Eigentlich hätten die Sanierungen bereits vor einem Jahr umgesetzt sein sollen. Doch weil diverse Projekte in Verzug sind, auch aufgrund von Einsprachen, wurde das Programm bis Ende 2022 verlängert. Bis dahin erhalten Gemeinden für Lärmschutzmassnahmen Beiträge vom Bund. Insgesamt gibt die Schweiz 1,8 Milliarden Franken für die Senkung der akustischen Verkehrsemissionen aus.

Auch Tiere leiden

Viele Singvögel meiden stark befahrene Strassen. Dies hat eine grosse Studie aus den Niederlanden ergeben. Als Hauptgrund vermuten die Forscher die Übertönung der Reviergesänge. Weniger lärmempfindliche Vogelarten hingegen nutzen die kleinere Konkurrenz in diesen Gebieten und breiten sich stärker aus. Interessanterweise scheint Fluglärm die Vögel jedoch weniger zu stören, weil ihr Gesang zwischen den einzelnen Starts und Landungen gehört wird. Rund um Flughäfen beobachtet man sogar eine Häufung von Nachtigallen und Feldlerchen. Die Wirkung von Lärm auf Tiere ist aber noch wenig erforscht

Was aber erhält die lärmgeplagte Bevölkerung für diese beträchtliche Summe? Nicht viel, findet Peter Ettler, Präsident der Lärmliga Schweiz, die sich für eine Reduktion des Verkehrslärms einsetzt. Die Organisation hat im März beim Bund Zahlen verlangt und ausgewertet. Sie ist zum Schluss gekommen: Lediglich für 235 000 von 1 250 000 Betroffenen wurde eine deutliche Verbesserung erzielt – also nicht einmal für jede fünfte Person. Zwischen den Kantonen gibt es aber grosse Unterschiede. Schlechte Noten erteilt die Lärmliga dem Kanton Zürich, wo 95 Prozent der Anwohner von stark befahrenen Strassen ungeschützt bleiben. Am besten schneidet mit 51 Prozent der Kanton Genf ab.

«Vielerorts sind die Sanierungen nur zum Schein erfolgt», stellt Ettler fest. Zwar wurden da und dort Lärmschutzwände errichtet. An diversen Standorten begnügte man sich aber damit, den Anwohnern Zuschüsse an Schallschutzfenster anzubieten, weil eine Sanierung an der Lärmquelle laut den Verantwortlichen «unverhältnismässige Betriebseinschränkungen oder Kosten verursachen oder Ortsbild und Sicherheit stören würde».

Diese Praxis widerspricht diametral den ursprünglich gesetzten Zielen: Der Lärm soll an der Quelle bekämpft werden, mit einer günstigen Lenkung des Verkehrs, mit Temporeduktionen oder mit Strassenbelägen, auf denen die Fahrzeuge ruhiger rollen. «Schallschutzfenster halten den Lärm nur ab, wenn man sich bei geschlossenen Fenstern im Haus aufhält», stellt Ettler klar. Zudem müssen Hauseigentümer beim Ersatz ihrer Fenster meist mehr als die Hälfte der Kosten selber übernehmen, weshalb ein Grossteil der Betroffenen darauf verzichtet.

Langsamer fahren bringt viel
Eine wirksame, schnell umsetzbare und billige Massnahme wären Tempo-30-Zonen. Gemäss Bundesamt für Umwelt ist Verkehr, der mit Tempo 30 statt 50 rollt, nur noch halb so laut. Im April 2018 hat das Bundesgericht entschieden, dass Tempo-30-Zonen aus Lärmschutzgründen grundsätzlich geprüft werden müssen, auch auf Kantonsstrassen. Ob dies so bleibt, wird bald auf Bundesebene entschieden. Der Nationalrat hat einem Vorstoss des SVP-Vertreters Gregor Rutz zugestimmt, der Tempo 30 aus akustischen Gründen auf Hauptverkehrsachsen nicht zulassen will. Der Beschluss des Ständerats ist noch ausstehend.

In der Stadt Zürich dagegen ist der VCS ans Baurekursgericht gelangt, weil die Behörden vielerorts Schallschutzfenster statt Tempo-30-Zonen vorgesehen hatten. Nachdem der Rekurs gutgeheissen wurde, muss die Stadt das Programm überarbeiten. Für Einwohner anderer Gemeinden mit wenig aktiven Behörden hat die Lärmliga einen Klagepool eingerichtet. Personen, die ihr Recht vor Gericht einklagen wollen, können sich für einen Beitrag von 1000 Franken anmelden, worauf eine spezialisierte Anwaltskanzlei Musterprozesse durchführt. Später fallen weitere Kosten an. 

«Die Chancen stehen gut, dass die Gerichte die Klagen gutheissen», glaubt Ettler. Die Kläger könnten dann mit jährlichen Schadenersatzsummen von rund 2500 Franken pro Million Gebäudewert rechnen – rückwirkend auf den 1.April 2018, als die Frist für die Lärmsanierungen abgelaufen war. Seither sind aber nur rund 50 Anmeldungen eingegangen. Damit die Organisation aktiv wird, wären rund 300 nötig.

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