Sie sind hier: TierweltAktuellDossiersWappentiere

Share

Wappentiere

Des Kaisers Adler in Genf

Wappentiere | Freitag, 22. Februar 2013, Niklaus Salzmann

Der halbe Adler auf dem Wappen der zweitgrössten Schweizer Stadt und des zugehörigen Kantons hat symbolische Bedeutung – doch was er darstellt, hat denkbar wenig mit der Gegenwart zu tun.

Die Genfer scheinen sich nicht ganz sicher zu sein, ob sie zur Schweiz gehören. Vielmehr betrachten sie sich als unabhängige Republik: «République et Canton de Genève» lautet die amtliche Bezeichnung, die auf offiziellen Dokumenten neben dem Wappen mit Schlüssel und halbem Adler steht.

Ein vollkommener Widerspruch. Republik bezeichnet bekanntlich den Gegenentwurf zur Monarchie, bei welchem das Volk das Sagen hat. Doch der gekrönte Adler steht ausgerechnet für ein Kaiserreich: Für das Heilige Römische Reich deutscher Nation.

Katholisches in der Calvinstadt
Nun hat Genf natürlich nichts mit Deutschland zu tun, vielmehr stammt das Wappen aus der Zeit, als das römische Kaiserreich weite Teile Europas umfasste, darunter das heutige Deutschland sowie Genf. Historisch erklärt sich auch der Schlüssel, der im Wappen neben dem Adler prangt. Er steht für das Bistums Genf, obwohl die Stadt unter Johannes Calvin vor immerhin bald 500 Jahren zu einer Hochburg der Reformation wurde.

Erstaunlich eigentlich, dass das Wappen in den Wogen der bewegten Geschichte nicht unterging. Zwar musste der Adler im Zuge der französischen Revolution seine Krone abgeben. Und kurz darauf wurden dem armen Wappentier unter Napoleon gar die Krallen gestutzt. Kein Wunder hoben die Genfer bei der Kantonsgründung im Jahr 1815 wieder den alten, wehrhaften und imperialen Adler auf den Schild.

Erdöl und Alpen
So schmücken sich nun also Stadt und Kanton Genf mit einem Wappen, das nichts mit der Aktualität zu tun hat. Es steht für Imperialismus und Kirche, wohingegen die Stadt und der Kanton heute vielmehr von den Finanzen dominiert werden – Genf ist einer der weltweit bedeutendsten Handelsplätze für Erdöl, und ein grosser Teil dieses Handels wird von Genfer Banken finanziert.

In einer modernen Deutung des Wappens könnte der goldene Schlüssel also für Geld stehen und die Krone vielleicht für die Superreichen aus der arabischen Halbinsel und der ehemaligen Sowjetunion, denen die millionenschweren Villen mit Seeanstoss gehören. Doch obwohl diese Privatgrundstücke uns Normalsterblichen den Zugang zum See erschweren, hat die Region auch Naturfreunden viel zu bieten. Um Genfs Wappentier, den Adler, zu beobachten, reicht es, ein paar Dutzend Kilometer nach Süden in die Savoyer Alpen zu fahren. Das liegt zwar ausserhalb der Landesgrenze, doch ob Schweiz, Frankreich oder heiliges römisches Reich – das kümmert im kosmopolitischen Genf niemanden.

Share

Kommentar schreiben


Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen, als Leserzuschriften im Heft abzudrucken oder auf die Publikation zu verzichten.

Galerien Alle Galerien