Sie sind hier: TierweltAktuellDossiersWappentiere

Share

Graubünden

TV-Star und Schmuggelgut

Wappentiere | Samstag, 2. März 2013, Niklaus Salzmann

Das Wappentier des Kantons Graubünden blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Einst waren die Steinböcke ausgestorben, heute sind sie populäre Werbetiere. 

«Hey, Bleichländer!» Die Steinböcke Gian und Giachen sind frech, sympathisch und erfolgreich. In TV-Spots witzeln sie über Skifahrer, Biker und Kletterer oder nehmen sich gegenseitig hoch und bewerben so die Tourismusregion Graubünden. Sie sind computeranimiert und somit äusserst modern – doch wenn wir annehmen, dass sie dem Wappen des Kantons entsprungen sind, geht ihre Ahnenlinie mehr als 750 Jahre zurück. Im Jahr 1252 wurde ein schwarzer Steinbock auf weissem Grund als Wappentier der Bischöfe von Chur in der dortigen Kathedrale dargestellt.

Im heutigen Kantonswappen hat der Steinbock allerdings weniger Platz – zurecht, denn genau genommen steht er nur für einen Teil des Kantons: Für den Gotteshausbund, der einst Engadin, Bergell, Albulatal und Chur umfasste und das Wappentier vom Bischof übernahm. Der Kanton war 1803 aus dem Zusammenschluss des Gotteshausbundes mit zwei weiteren Bünden entstanden.

Beliebte Medizin
Zur Zeit der Kantonsgründung gab es in Graubünden allerdings keine Steinböcke mehr. Der Mensch hatte ein Tier ausgerottet, das er verehrte – besonders das Pulver aus Steinbockhorn war als Medizin beliebt. In den gesamten Alpen überlebten gerade mal geschätzte hundert Tiere im Aostatal in Italien.

Dort wurden sie unter königlichen Schutz gestellt, nachdem sich zwei englische Bergsteiger bei Einheimischen nach den seltsamen gehörnten Ziegen erkundigt hatten. So lautet zumindest die Überlieferung (wobei die Steinböcke tatsächlich in die Gattung der Ziegen gehören).

Der Bund deckte den Schmuggel
Der Bundesrat ersuchte dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts den italienischen König um einige Tiere, um sie in der Schweiz auszusetzen. Die Antwort lautete nein – die Jagd auf das rare Wildtier sollte exklusiv dem König vorbehalten bleiben.

Doch Wilderer durchkreuzten die königlichen Pläne. Der berüchtigte Joseph Berard aus dem Aostatal traf sich mit einem Vertreter des St. Galler Wildparks Peter und Paul, und in der Folge schmuggelten Wilderer 59 Steinböcke in die Schweiz. Von den hiesigen Zöllnern hatten sie nichts zu befürchten – dafür sorgte der Bund, der die Aktion auch finanziell unterstützte.

1911 kam es dann zu den ersten Aussetzungen. Fünf Männer trugen Körbe mit Steinböcken ins Weisstannental bei Sargans. Weitere Auswilderungen folgten, und die Aktionen hatten Erfolg: Heute leben in der Schweiz wieder geschätzte 17'000 Tiere, so viele wie in keinem anderen Alpenland.

Wer die richtigen Standorte aufsucht, hat denn auch gute Chancen, wildlebende Steinböcke zu beobachten, etwa im Naturpark Beverin. Zwar sprechen die Tiere nicht wie Gian und Giachen in beliebtem Bündnerisch – aber die Begegnung mit einem Tier aus Fleisch und Blut übertrifft noch immer das Fernseherlebnis.

Gian und Giachen wecken Sympathien für das Graubünden.

Share

Kommentar schreiben


Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen, als Leserzuschriften im Heft abzudrucken oder auf die Publikation zu verzichten.

Galerien Alle Galerien