Sie sind hier: TierweltAktuellDossiersTierische Redewendungen

Tierische Redewendungen

Eulen nach Athen tragen

Tierische Redewendungen | Montag, 11. März 2013, Matthias Gräub

Sie gilt als wachsam und weise, die Eule. Doch wer sie in die Griechische Hauptstadt transportiert, tut etwas sinnloses. «Tierwelt Online» weiss, wieso es heute gar nicht mehr so unnötig ist, Eulen nach Athen zu tragen.

Ich gebe zu, ein wenig sinnlos erscheint mir der Gedanke schon, aber doch auch reizvoll: Ich besuche den Zoo in Basel, Zürich, oder anderswo, schnappe mir eine Eule und steige damit in den Zug, fahre nach Österreich – Grenzkontrollen sollten eigentlich kein Problem darstellen – und mache mich auf, über den Balkan bis nach Griechenland, nur, um die Eule in Athen freizulassen. Und dann?  

In Gedanken habe ich soeben eine Eule nach Athen getragen, sprichwörtlich das wohl unsinnigste Unterfangen, das mir einfallen konnte. Doch wie kommt es, dass sich der Eulentransportdienst an die Ägäis in solchen Verruf gebracht hat, während niemand davon spricht, wie sinnlos es wäre, etwa einen Hamster nach Hannover zu tragen?

Der Wachvogel der Schutzgöttin
Wir drehen die Zeitmaschine weit zurück und landen im alten Griechenland, etwa 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Der Dichter Aristophanes wirft in seiner Komödie «Die Vögel» folgende Frage auf: «Wer hat die Eule nach Athen gebracht?» Um die Sinnlosigkeit dieser Tat zu unterstreichen, erklärt er: «An Eulen wird es nie mangeln».  

Zumindest damals hatte er recht.  

Die Stadt Athen war tatsächlich reich an Eulen. Die Nachtvögel bevölkerten Bäume, Bauwerke und Geldbeutel in dreierlei Formen: Erstens wimmelte es in der Gegend um Athen von Eulen, genauer, von Steinkäuzen. Nicht von ungefähr lautet deren wissenschaftlicher Name Athene noctua (nächtliche Athene). 

Zweitens waren die Athener Gebäude oftmals mit steinernen Eulen geschmückt. Sie sind die tierischen Begleiter der Schutzgöttin Athene, die gleichzeitig auf die nach ihr benannte Stadt aufpasst und auf dem Götterberg Olymp als Göttin der Weisheit, der Strategie und der Kunst und Handarbeit fungiert. Viele Aufgaben für eine einzige Göttin. Aber die Eulen der Stadt, die auch nachts Wache halten, helfen ihr ja symbolhaft, die Bürger zu beschützen.  

Immer geht’s ums Geld
Drittens, und hier kommen wir der Redewendung näher, gab es im alten Athen Silbermünzen, deren einen Seite mit dem Abbild der Göttin geprägt war und die andere mit einer Eule mit riesigen, wachsamen Augen. Geld. Davon hatte Athen mehr als genug. Die Stadt war zeitweise so reich, dass ihre Bürger keine Steuern zu zahlen hatten und trotzdem noch reichlich «Eulen» in den Schatzkammern verblieben.


Die Athener Silbermünze mit Athene und der Eule. Die griechische 1-Euro-Münze greift dasselbe Motiv wieder auf. CNG Coins/CC-BY-SA

Genau diese silbernen Eulen waren vermutlich gemeint, als Aristophanes an seiner Komödie feilte. Es brachte nichts, Eulen nach Athen zu tragen. Geld war ohnehin im Überfluss vorhanden. Und so versinnbildlichte der Ausdruck des grossen Dichters für alle Ewigkeit ein unnützes Unterfangen. Obwohl in Athen jede finanzielle Eule mittlerweile mehr als willkommen ist und böse Zungen das EU-Rettungspaket in seiner Ineffizienz gerne als «Euros nach Athen tragen» attackieren.  

Übrigens sind die Eulen und Athen nur eines (das wohl berühmteste) von vielen Unzertrennlichen Wortpaaren, die es in den Volksmund geschafft haben, um etwas Sinnloses zu umschreiben. So kann man «Krokodile nach Ägypten bringen», «Schnee nach Lappland tragen», «Wasser ins Meer tragen» oder – traurige Realität für heimische Milchproduzenten – «Käse in die Schweiz rollen».

Kommentar schreiben


Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen, als Leserzuschriften im Heft abzudrucken oder auf die Publikation zu verzichten.

Galerien Alle Galerien