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Tierische Redewendungen

Geflügelte Worte aus der Vogelwelt

Tierische Redewendungen | Donnerstag, 6. März 2014 07:00, Matthias Gräub

Die armen Vögel müssen redensartlich immer wieder für negative Vergleiche herhalten. Wer einen Vogel hat, dem vertraut man ebenso wenig wie einem Galgenvogel. Und wer vogelfrei ist, ist sowieso ein Pechvogel. 

«Sein Leib soll frei, und erlaubt sein allen Leuten und Thieren, den Vögeln in den Lüften, den Fischen im Wasser, so dass niemand gegen ihn einen Frevel begehen kann, dessen er büssen dürfe.» 

Klingt eigentlich ganz schön, «frei wie ein Vogel» zu sein, das war es jedoch ganz und gar nicht. Was der oben zitierte Text aus dem «Femgericht Westfalens» (1825) meint, ist die heute geläufige Bedeutung des Begriffs «vogelfrei». Ein Straftäter, der als vogelfrei bezeichnet wurde, dem wurde jeglicher Schutz entzogen. Seine Behausung wurde ihm weggenommen, eine Bestattung blieb ihm im Todesfall verwehrt – dadurch wurde er nach seinem Tod den Tieren zum Frass überlassen – und jeder konnte ihm straflos Schaden zufügen, ja ihn sogar straffrei umbringen. 

Kopfgeld für Vogelfreie
Meist sogar mehr als nur straffrei: Oftmals wurde auf vogelfreie Menschen sogar ein Kopfgeld ausgesetzt. Das musste auch Joseph Rakoczy in Österreich am eigenen Leib erfahren. 1738 wurde er aufgrund einer Majestäts-Beleidigung für vogelfrei erklärt

«Dass der, oder diejenigen, welche ihn (...) lebendig liefern, zehen tausend Gulden, der oder diejenigen aber, welche ihn todt, oder seinen Kopf bringen, (...) sechs tausend Gulden (...) baar und richtig gleich zu empfangen haben sollen.»

Wer zu jener Zeit von der Obrigkeit für vogelfrei erklärt wurde, war also von Gesetzes Wegen verurteilt, geächtet und nicht mehr erwünscht – ob tot oder lebendig.

Dasselbe gilt auch für den ursprünglichen Galgenvogel. Heute wird ein solcher eher verniedlicht dargestellt. Als «Strolch» oder «Taugenichts» stempelt ihn der Duden ab. Als einer, der vom Unglück anderer profitiert. Und gewissermassen ist das haargenau die korrekte Ableitung des eigentlichen Galgenvogels. 

 Bild: Adam Clarke/Flickr/CC-BY-SA

Vom Raben zum Menschen
Aber zunächst zurück zu den Verurteilten: Der Galgenvogel war – wie unschwer abzuleiten – ein zum Tod durch Erhängen Verurteilter. Doch der Begriff geht weiter zurück. Er wurde abgeleitet vom wahren Galgenvogel – dem Raben, der als Aasfresser auf den Tod des Erhängten wartete. Am liebsten sass er dabei auf dem Galgen und schaute dem armen Verurteilten beim Sterben zu, um ihm nach seinem Tod sofort die Augen auspicken zu können. Der Rabe ist also eigentlich der, der vom Unglück anderer profitiert – nicht zufällig scheint hier der Begriff «Unglücksrabe».

Sowohl der Rabe als auch der Gehängte (aber auch der Geteerte und Gefederte – eine andere Theorie) können zuweilen Pechvögel sein. Der Aufgeknüpfte sowieso, der lebt nicht mehr lange, der Rabe aber unter Umständen auch. Nicht etwa, wie man denken könnte, weil er schwarz wie Pech ist, sondern weil er im Mittelalter gerne gejagt wurde. Und weil die Obrigkeit nur ungern mehr als einen Finger für die Vogeljagd krümmte, bereiteten ihm die Untertanen eine nette Erleichterung vor. Sie bestrichen die Äste von Bäumen mit Pech oder Leim und warteten einfach, bis sich ein Vogel darauf niederliess. So wurde der Abschuss zum Kinderspiel. Der Vogel allerdings hat «Pech gehabt» und ist dem Jäger «auf den Leim gegangen».

Apropos «den Vogel abschiessen»: Was heute mehrheitlich für eine besonders peinliche Tat oder einen fürchterlichen Fehler steht, wurde früher durchaus positiv gewertet. Im Wettschiessen mit Armbrust oder Büchse wurde oft ein hölzerner Vogel auf einer Stange anvisiert. Wer ihn traf, der schoss den Vogel ab. Endlich mal eine positive Redensart über den Vogel, aber heute ist auch sie vor allem negativ besetzt. Immerhin tritt sie ab und an auch als Synonym für eine besonders erwähnenswerte positive Leistung auf.

 Der «Autofahrergruss», 1939. Bild: Deutsches Bundesarchiv/CC-BY-SA  

Unklarer Ursprung aus der Medizin
Nun bleiben noch diejenigen übrig, die einen Vogel haben. Bei denen ist umgangssprachlich «eine Schraube locker», sie haben «nicht alle Tassen im Schrank» und «spinnen» ganz einfach. Woher Schraube, Schrank und Spinne kommen, kann jetzt hier nicht abgehandelt werden, doch der Vogel, der kann erklärt werden. 

Hierzu existieren zwei Theorien. Und beide haben mit medizinischen Diagnosen zu tun. Die erste bezieht sich auf die «Mikrocephalie». Bei dieser «Entwicklungsbesonderheit» kommen Menschen mit einer unterdurchschnittlichen Kopfgrösse zur Welt. Dadurch weist auch das Gehirn eine entsprechend kleinere Grösse auf, eine geistige Behinderung ist die Folge. Früher nannte man Menschen mit Mikrocephalie «Vogelköpfe». Der Weg zum Begriff «einen Vogel haben» wäre nicht mehr weit.

Die andere Theorie geht geschichtlich noch weiter zurück: Sie bezieht sich auf einen alten Volksglauben, nach dem sich in den Köpfen von Geisteskranken kleine Tiere – insbesondere Vögel – eingenistet haben. Einen «Vogel zu haben» wäre also ganz wörtlich gemeint. Der Volksglaube hat sich dieser Theorie zufolge bis heute – zumindest im redensartlichen Sinn – bewahrt. Auch «eine Meise haben» wäre davon abzuleiten.

Genau wie der Gehängte ursprünglich einen Galgenvogel neben sich hatte und schliesslich im Volksmund selber zu einem wurde, wandelte sich auch die Redensart vom «Vogel haben» zum «Vogel sein». Ein schräger Vogel oder ein komischer Kauz (weil's so schön tönt) haben vermutlich denselben Hintergrund. 

Und einen Vogel kann man nicht nur haben oder sein, sondern auch zeigen. Wer sich mit seinem Zeigefinger auf die Schläfe tippt, zeigt an: «Du hast da einen Vogel drin!» Und ergänzt unter Umständen: «Bei dir piept's wohl!»

 Bild: Vicki Burton/Flickr/CC-BY-SA

Doch noch ein positiver Vogel?
Nun, die sprichwörtlichen Vögel sind ganz schön arme Tiere. So viele Redensarten schmücken sie, aber kaum eine davon ist positiv. Um dem Artikel und der Vogelwelt ein Happy-End zu bescheren, eine kleine Ausnahme: Der frühe Vogel fängt den Wurm. So! Hier kann nun wirklich nichts gegen das Vögelein eingewandt werden, das sich am frühen Morgen aus dem Nest quält und sich so das beste Frühstück ergattert. Oder? 

Naja, der frühe Vogel kriegt schon was zu fressen, aber eigentlich will er am Morgen nur so früh wie möglich auf Erkundungstour gehen. Das grosse Fressen wartet erst am Abend auf ihn, wie englische Forscher kürzlich herausgefunden haben («Tierwelt Online» hat berichtet).

Und um das schöne Sprichwort endgültig zu zerstören, sei noch eine Passage aus Curt Goetz' hervorragendem Theaterstück «Das Haus in Montevideo» zitiert. Ein Streitgespräch zwischen der Mutter und dem siebenjährigen Söhnchen Decimus:

DECIMUS: Gibt es denn keine späteren Würmer?  
MUTTER: Späte Würmer sind faule Würmer!  
DECIMUS: Na eben. Faule Würmer müssen doch fetter sein als fleissige Würmer.  
MUTTER: Natürlich. Wie? Du machst mich ganz verdreht. Was willst du eigentlich?  
DECIMUS: Ich meine, wenn der frühe Vogel nicht so früh aufstehen würde, wäre er besser dran.

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