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Tierische Redewendungen

Das geht auf keine Kuhhaut!

Tierische Redewendungen | Donnerstag, 15. Januar 2015 06:00, Matthias Gräub

Wenn uns jemand so richtig aufregt und wir unserem Ärger Luft machen wollen, verwenden wir gerne die Redensart «Das geht auf keine Kuhhaut!» Doch woher stammt das geflügelte Wort? Wir gehen ihm am Bodensee auf den Grund.

«Eine solche Beschimpfung geht auf keine Kuhhaut», liess sich SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli jüngst zitieren. Damit tat der Politiker seine Meinung über SRF-Talkmaster Roger Schawinski kund, nachdem dieser seinen (nicht nur frisurentechnisch) widerborstigen Interviewpartner Andreas Thiel abseits der Kameras mit dem bösen A-Wort beschimpft haben soll.

Wir von «Tierwelt Online» überlassen die Stimmungsmache über das ausgeartete Streitgespräch im Schweizer Fernsehen gerne anderen und kümmern uns lieber um den tieferen Sinn von Mörgelis Zitat. Denn so eine Kuhhaut ist doch recht gross und das A-Wort hätte darauf auch in gross gepinselter Schnörkelschrift locker Platz. Aber eben nicht im übertragenen Sinne.

«Das geht auf keine Kuhhaut», ein Ausspruch, den wir ab und zu hören, meist im Zusammenhang mit zornigen Reaktionen auf ein streitbares Thema. Gerne auch in Leserbriefen oder Online-Kommentaren (nicht, dass Sie unter diesem Text ebenfalls damit beginnen!). Wir stellen die Frage, was es mit dieser Kuhhaut auf sich hat, die zwar grosszügig Platz für Positives bietet, bei schlechten Worten oder Taten aber auf Briefmarkengrösse zusammenzuschrumpfen scheint.

Wunder und Spott an der Kirchenwand
Wir befinden uns auf dem Bodensee. Genau gesagt auf der Insel Reichenau, auf deutschem Grund, aber keine zehn Kilometer von Kreuzlingen entfernt. Auf dieser malerischen Insel befindet sich die Kirche St. Georg, ein UNESCO-Weltkulturerbe aus dem 9. Jahrhundert. Die Kirche ist eine Schatzkammer für Kunsthistoriker, zeigt sie doch über tausendjährige Wandmalereien, die das Leben Christi und seine Wundertätigkeit darstellen.

Etwas jünger ist die Malerei, die uns auf die Spur der Kuhhaut führt. Sie prangt an der Nordwand des Langhauses und wird auf das 14. Jahrhundert datiert. Geschrieben steht da:

«Ich wil hie schribvn

von diesen tvmben wibvn

was hie wirt plapla gvsprochvn

vppigs in der wochvn

was wirt allvs wol gvdaht

so es wirt für den richtvr braht»


Ein Spottgesang ist das. Ein Spottgesang auf die «tumben wibun», die «dummen Weiber», die die ganze Woche lang schwätzen. Dessen werde dann gedacht, wenn es vor den Richter gebracht wird, heisst es weiter. Der Richter, das ist im 14. Jahrhundert der Allmächtige höchstselbst, der über den Einlass ins Jenseits entscheidet. 

Geschrieben ist der Text auf der Darstellung einer Kuhhaut, die von vier Teufeln gehalten wird. Und der fünfte Teufel, der die Sätze auf das Pergament schreibt, findet kaum mehr Platz, seinen Text auf der Kuhhaut unterzubringen. Sinnbildlich passt das «weibische Geschwätz» also auf keine Kuhhaut.

Ist die Kuhhaut voll, winkt die Hölle
Tatsächlich kommt die Redensart «auf keine Kuhhaut passen» vom mittelalterlichen Sündenregister. Das Spottbild in der Kirche auf Reichenau wird kaum die erste Erwähnung für die Redewendung sein, aber sie dient uns als Erklärung. Alle Missetaten im Leben eines Menschen, so dachte man, werden vom Teufel persönlich notiert. Und worauf schrieb man im Mittelalter? Auf Pergament, dem Vorläufer des heutigen Papiers, der aus abgeschabten Tierhäuten bestand. Von Ziegen, Schafen oder Kälbern. 

Und wenn der Teufel keinen Platz mehr für die Sünden findet, steht es wohl schlecht um die betreffende Person, wenn es darum geht, Einlass ins Himmelsreich zu finden; zumal eine Kuhhaut ohnehin schon die XXL-Version der Pergament-Sorten darstellt. Ob sich nun Talkmaster Schawinski aufgrund seiner Aussagen tatsächlich fürchten muss, bleibt offen, hat ihn doch sein Kontrahent bezüglich Religionszugehörigkeit eher mit Papier denn mit Pergament in Verbindung gebracht.

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