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Tierische Redensarten

Wieso wir Fehler ausmerzen

Tierische Redewendungen | Sonntag, 8. Februar 2015 07:00, Matthias Gräub

Der Begriff «ausmerzen» mag auf den ersten Blick keinen direkten Zusammenhang mit Tieren aufweisen. Doch was wir heute mit Fehlern tun, haben wir früher mit Tieren gemacht.

Zugegeben, wenn wir das Wort «ausmerzen» hören, denken wir nicht unbedingt an etwas gutes. Wir benützen es heute meist in Zusammenhang mit einem Fehler. Die «Tierwelt» hat beispielsweise 2012 geschrieben: «Viele Neophyten lassen sich heute nicht mehr ganz ausmerzen.» Die Neophyten – eingeschleppte Pflanzen – stellen dort den Fehler dar, der behoben werden sollte. Erreicht werden müsste das mit grossem Aufwand und radikalen Methoden: Gift streuen, jäten, ausreissen. 

Die fast schon brutalen Massnahmen zur Pflanzenbeseitigung kommen der ursprünglichen Bedeutung des Wortes «ausmerzen» näher als von der Autorin vermutlich beabsichtigt. Das Wort hat nämlich tatsächlich eine gewalttätige Komponente in sich, wie sich auch in den Synonym-Vorschlägen auf duden.de zeigt: «aus der Welt schaffen, ausräuman, ausrotten, beseitigen, ermorden, hinmetzeln, massakrieren, morden, niedermetzeln, töten, vernichten, zugrunde richten».

Ursprünglich stammt das Wort «ausmerzen» aus der Viehzucht und hatte nichts mit Fehlern zu tun, die behoben werden sollte. Eher mit «fehlerhaftem Material». Mit Vieh – in erster Linie Schafe – , die nicht zur Zucht taugen, weil sie zu wenig Fleisch, Milch oder Wolle gaben. Deshalb wollte man ihre Gene nicht weiter in der Herde verbreiten und merzte sie aus. Und Sie können sich vorstellen, was das bedeutete: Sie wurden von ihrer Herde getrennt und entweder sofort geschlachtet oder erst noch gemästet und anschliessend geschlachtet.

Murzen oder März?
Doch wieso heisst das Wort so, wie es heisst? Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen. Beide stammen von der Schafweide. Die Historiker sind sich also sicher, dass es mit der Selektion der Schafe zu tun hat, die weiter zur Zucht verwendet werden sollten und eben denen, die auf der Strecke bleiben mussten. 

Die erste Erklärung vermutet die Begriffsherkunft im alten Wort «Murzen», was so viel bedeutet wie «schneiden». Ein «Murz» ist dabei beispielsweise der Anschnitt eines Brotes, auf Berndeutsch gerne auch «Mürggel» genannt. Schneiden also. Und klar, die Schafe, die nicht brauchbar waren, wurden, genau, aufgeschlitzt, aufgeschnitten. Ob auch «abmurksen» von dort kommt, ist nicht klar.

Die zweite mögliche Erklärung für das Wort «ausmerzen» kommt vom Zeitpunkt, an dem die Schaf-Auswahl geschah. Das war nämlich meist im Frühling. Genauer: im März. Der Monat, der nach dem römischen Kriegsgott Mars benannt ist, durfte bis tief ins 18. Jahrhundert geschrieben werden, wie es gerade beliebte, «Merz» oder «März». Erst um etwa 1770 setzte sich die Schreibweise mit «ä» durch. 

Möglich also, dass wir heute unsere Fehler aufgrund eines Monatsnamens ausmerzen. Jedenfalls haben wir noch Glück gehabt, dass die Bauern ihre Schafe nicht «ausgeaugustet» oder «ausgefebruart» haben. Und dass das beliebte Kinderlied «Im Märzen der Bauer...» diese Praxis nicht besingt, sondern lediglich ein paar Rösslein, die eingespannt werden.

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