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Ausgestorbene Tiere

Schrecklich gut getarnt

Ausgestorbene Tiere | Donnerstag, 1. Mai 2014 06:00, Frank Wieland

Gespenstschrecken heissen die Insekten, die man deshalb kaum sieht, weil sie als Stängel oder Blatt getarnt sind. Nun haben Forscher ein 125 Millionen Jahre altes Fossil entdeckt.

Die Phasmatodea (Gespenstschrecken) werden in Schulen und Museen gerne dazu verwendet, Kindern das interessante biologische Phänomen der Tarnung als Pflanzenstängel (Stabschrecken) oder Blatt (Wandelnde Blätter) nahezubringen. Charakteristisch für diese Insekten ist die bizarre Körperform und die überdurchschnittliche Körpergrösse. So ist Phobaeticus chani aus Malaysia mit seinen 57 Zentimetern das längste Insekt der Welt.

Während die heute vorwiegend in subtropischen und tropischen Gebieten lebenden Gespenstschrecken recht gut erforscht sind, weiss man über ihre Vorgänger und die evolutiven Vorgänge, durch welche die heutigen Formen entstanden sind, relativ wenig. Zwar wurden bereits mehrere Fossilien entdeckt. Beispielsweise sind Jungtiere aus dem Baltischen Bernstein bekannt. Aus der für Fossilienfunde bekannten Grube Messel (südlich von Frankfurt) wurde ein männliches Wandelndes Blatt beschrieben, das von den heutigen Arten kaum zu unterscheiden ist. Diese Fossilien sind etwa 50 Millionen Jahre alt und zeigen, dass in Mitteleuropa zu jener Zeit ein warmes, feuchtes Klima geherrscht haben muss. 

So faszinierend diese Funde auch sind, so  sind sie doch zu jung, um Antworten auf Fragen zur evolutiven Frühgeschichte der Phasmatodea zu liefern. Ein neuer Fund, der kürzlich in der Fachzeitschrift «PLOS One» veröffentlicht wurde, ändert dies grundlegend.

 Diese fossile Stabheuschrecke ist 125 Millionen Jahre alt.
 Bild: Capital Normal University, Peking
 

Unsichtbar im Ginkgo-Baum
Ein internationales Forscherteam hat das Fossil einer Stabschrecke beschrieben, bei der die meisten Merkmale ihrer neuzeitlichen Verwandten bereits vorhanden sind. Entdeckt wurde das 5,5 Zentimeter lange Insekt in der Jehol-Formation – einer Gesteinsschicht im Nordosten Chinas, die für ihre ausgesprochen detailreich erhaltenen Fossilien bekannt ist. Die Gesteine der Jehol-Formation sind beeindruckende 125 Millionen Jahre alt. Somit ist Cretophasmomima melanogramma, wie die Ur-Stabschrecke getauft wurde, zweieinhalbmal so alt wie alle bisher entdeckten Fossilien – und überdies der älteste jemals entdeckte Nachweis der Phasmatodea

Bereits damals zeigte der Vorfahr der heutigen Stabschrecke typische Merkmale wie die lang gestreckte Körperform, die ihn auf Pflanzen nahezu unsichtbar macht. Doch das ist nicht der einzige Tarnmechanismus, den das Urzeit-Insekt auf Lager hatte. Auf den Flügeln entdeckten die Forscher dunkle Längsstreifen, welche frappierende Ähnlichkeiten mit Streifen aufweisen, die sie auf Blättern im fossilen Pflanzenmaterial der Jehol-Gruppe fanden.Es handelt sich dabei um einen Vorfahr des Ginkgo-Baums, einer nacktsamigen Pflanze, die damals auf der Erde zu finden war – lange vor dem Aufstieg der Blütenpflanzen.

So wie die heute lebenden Stab- und Gespenstschrecken sich auf erstaunliche Weise an ihre Umwelt anpassen können, imitierte offenbar Cretophasmomima melanogramma bereits vor 125 Millionen Jahren die dunklen Längsstreifen der Ginkgo-verwandten Pflanze – zum Schutz vor den gierigen Augen der Vögel und Säugetiere, die eine saftige Stabschrecke zum Fressen gernhaben.

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