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Ausgestorbene Tiere

Ein doppelt gehörntes Murmeltier

Ausgestorbene Tiere | Mittwoch, 28. Mai 2014 08:00, Jürg Sommerhalder

Ein seltsames Wesen, das aussieht wie eine Kreuzung zwischen Rhinozeros und Murmeltier,  lebte vor fünf Millionen Jahren in Nordamerika. Die Paläontologen rätseln, wofür der Ceratogaulus sein Doppelhorn verwendete.

Aufgrund der archäologischen Funde wurden für die prähistorische Nagetier-Gattung Ceratogaulus bisher vier verschiedene Arten beschriebenen. Sie waren alle gehörnt, erreichten etwa 30 Zentimeter Körperlänge und ähnelten den heutigen Murmeltieren. Wie diese pflegten sie wohl eine grabende Lebensweise. Dies legen typische Merkmale nahe, so etwa der gedrungene Körperbau, ein kurzer, stumpfer Schädel auf einem ebenfalls kurzen, kräftigen Hals, stark ausgebildete Nackenmuskeln sowie kräftige Vorderpfoten mit starken Krallen an den nach aussen gerichteten Füssen.

Einzig seine aussergewöhnliche Hornbildung hebt den Ceratogaulus deutlich von Tieren mit ähnlicher Lebensweise ab und wirft Fragen auf. Das aus dem Nasenbein entspringende Doppelhorn ist im Verhältnis zur Körpergrösse recht lang und erscheint aufgrund seiner Ausrichtung nach oben bei der Fortbewegung in Erdgängen eher hinderlich. Dass sich Hörner für Tiere mit grabender Lebensweise nicht unbedingt aufdrängen, zeigt sich auch im Umstand, dass die gehörnten Murmeltiere – nebst einem Vorfahr der Gürteltiere – die einzigen grabenden Säuger mit Hörnern waren, welche die Evolution bislang hervorgebracht hatte.

Die Funktion des Doppelhorns lässt die Paläontologen rätseln, denn die meisten bisher aufgestellten Theorien gelten unterdessen als unwahrscheinlich. Zwar zeigen die prähistorischen Skelett-Überreste klare Anzeichen eines Tieres, das zum Graben seinen Kopf einsetzte. Indem es den Kopf ruckartig nach hinten wirft, setzt es die Nase mit dem knöchernen Fortsatz wie einen Spaten ein. Da das Horn des Ceratogaulus jedoch nach oben und hinten (anstatt nach vorne) ausgerichtet ist, erscheint es als Grabwerkzeug ungeeignet.

Gründe für das Aussterben sind unklar
Was könnte also die Funktion dieses Doppelhorns sein? Zur Arterkennung wird es kaum gedient haben, denn aufgrund der kleinen Augenhöhlen muss man von einem schlechten Sehvermögen ausgehen. Ebenso auszuschliessen ist der Einsatz des Horns im Paarungskampf der Männchen – aus dem einfachen Grund, dass auch die Weibchen gehörnt waren.

Ceratogaulus
Das Tier scheint der Fantasie zu entstammen, doch es
existieren Skelettfunde.

Bild: Ryan Somma / flickr.com

So bleibt am Ende nur eine wahrscheinliche Theorie zum Verwendungszweck des Doppelhorns übrig: Selbstverteidigung. Es ist durchaus vorstellbar, dass ein Räuber, der ein solches Nagetier auszugraben versuchte, durch einen schmerzhaften Stoss des Doppelhorns in Gesicht oder Rachen sich von seinem Vorhaben abhalten liess. Jedoch darf vermutet werden, dass sich die klein gewachsenen «horned gopher» (gehörnte Erdhörnchen) mit ihrer eher dürftigen Bewaffnung nicht nachhaltig gegen die erfolgreichen Räuber ihrer Zeit behaupten konnten.

Die Gründe für das Verschwinden der Nager sind aber unklar. Vor 4,8 Millionen Jahren fand keines der bekannten grossen Massen-sterben statt. Und nicht immer waren Umweltkatastrophen, Räuber und Nahrungsknappheit die Gründe für das Verschwinden von Arten. Evolution funktioniert durch die Anpassung der Organismen an sich ändernde Umweltbedingungen. Dass dabei Arten verloren gehen, ist ein genauso natürlicher Prozess wie die Entstehung neuer.

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