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Ausgestorbene Tiere

Rätselhafte Urzeitgarnele mit Rüssel

Ausgestorbene Tiere | Donnerstag, 12. Juni 2014 06:00, Jürg Sommerhalder

Ein platt gedrückter Körper, fünf Augen und ein Rüssel: Opabinia regalis war ein eigentümliches Meeresgetier. Wie es gelebt hat vor 500 Millionen Jahren, kann heute niemand sagen.

Ungefähr so könnte «Opabinia» sich fortbewegt haben. Quelle: YouTube/Jason Stolk

Der Urzeitrüssler Opabinia ist eines der skurrilsten Tiere, die je gelebt haben. So skurril, dass das Publikum in Gelächter ausbrach, als die erste zeichnerische Rekonstruktion der fossilen Neuentdeckung 1972 an einer Wissenschaftstagung vorgestellt wurde. Die Menge meinte, der Zeichner habe sich einen Scherz erlaubt.

Doch Opabinia ist kein Hirngespinst. Das Tier entstand vermutlich zu Beginn des Mittelkambriums, also vor gut 540 Millionen Jahren. Damals setzte auf der Erde ein Ereignis ein, welches die Wissenschaft als «Kambrische (Arten-)Explosion» bezeichnet: Innerhalb einer erdgeschichtlich sehr kurzen Phase von fünf bis zehn Millionen Jahren entstand fast die gesamte Basis der heute existierenden Tierwelt.

Opabinia war ein Meeresbewohner und wurde kaum zehn Zentimeter lang. Rund einen Viertel der Körperlänge beanspruchte ein beweglicher Rüssel am Kopf des Tiers, der in einem zangenartigen Greifapparat endete. Es wird vermutet, dass diese Konstruktion dazu diente, Beutetiere zu ergreifen und sie in den unter dem Rüssel gelegenen Mund zu befördern. Über den runden Kopf verteilt, sorgten fünf Stielaugen für eine annähernde Rundum-Sicht. Man vermutet, dass es sich dabei um bemerkenswert gut entwickelte Facettenaugen gehandelt hat. Sie sollen sogar eine grössere Sehschärfe erreicht haben als die stärksten Augen heutiger Gliedertiere, zu denen zum Beispiel Insekten und Spinnen zählen. 

 Opabinia regalis lässt sich mit kaum einem anderen Tier vergleichen.
 Bild: © Nobu Tamura

Bisher keine Verwandten aufgetaucht
Der abgeplattete, lang gezogene Körper von Opabinia bestand aus 15 mit Kiemen ausgestatteten Segmenten und wurde umgeben von einem weichhäutigen Aussenskelett. Seitlich am Körper verbreiterten weiche, lappenartige Fortsätze jedes Segment. Sie dienten wahrscheinlich als Schwimmflossen. Die Fortsätze der drei letzten Körpersegmente waren so nach hinten ausgerichtet, dass sie am Körper­ende einen fischschwanzartigen Abschluss bildeten.

Es wird angenommen, dass Opabinia ein Räuber war und sich in Ufernähe in nicht zu tiefem Wasser aufhielt. Ob die Tiere mit dem Rüssel frei schwimmende Organismen erbeuteten oder ob dieser dazu diente, den Meeresgrund nach Lebendigem zu durchwühlen, ist unklar. Und auch sonst kann kaum etwas Handfestes gesagt werden über die Lebensweise dieses fremdartigen Urtiers.

Die Art Opabinia regalis ist die einzige bekannte Vertreterin ihrer Gattung. Alle bekannten Fossilien wurden im Burgess-Schiefer in den kanadischen Rocky Mountains gefunden. Die Zuordnung dieses Tiers zu einer bekannten Verwandtschaft erweist sich als schwierig. Zwar weist es Merkmale eines Krebses auf, andererseits fehlen ihm wichtige charakteristische Merkmale dieser Gruppe. Tatsächlich lässt sich das Tier mit kaum einem Organismus wirklich vergleichen, der bisher für die Erde nachgewiesen wurde. 

Einzig eine Gruppe ebenfalls kambrischer, garnelenartiger Tiere (Anomalocarida) scheint ausreichend ähnliche Merkmale mit Opabinia aufgewiesen zu haben, um ernsthaft über eine Verwandtschaft zwischen den beiden Lebensformen nachzudenken. Opabinia bleibt also ein wahres Rätseltier.

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