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Ausgestorbene Tiere

Keine Gnade für Meister Petz

Ausgestorbene Tiere | Donnerstag, 7. August 2014 07:00, Jürg Sommerhalder

Zugegeben: Den Braunbären würden die meisten Menschen nicht zu den ausgestorbenen Tierarten zählen. Schaut man sich nur die Schweiz an, gehört er aber dazu – zumindest bis das nächste Tier die Grenze überquert. 

Eine Tier- oder Pflanzen­art kann auf verschiedene Weise «ausgestorben» sein: auf der ganzen Welt oder in einem bestimmten Gebiet. So gelten in der Schweiz aktuell 3 Prozent aller einst hier bekannten Arten als ausgestorben, weitere 5 Prozent als unmittelbar vom Aussterben bedoht, sowie 38 Prozent als gefährdet. Oder anders ausgedrückt: Mit einem Anteil von 54 Prozent machen die nicht bedrohten Arten nur gut die Hälfte der gesamten Schweizer Fauna und Flora aus.

Viele in der Schweiz ausgestorbene Arten sind nicht auf der ganzen Welt verschwunden, sie kommen anderswo noch vor. Einer der prominentesten Verteter dieser Gruppe ist der europäische König der Tiere: der Braunbär. In seinem Falle ist die Einwirkung des Menschen als Ursache des Aussterbens in der Schweiz unbestritten. Zwar wurden hierzulande ab dem Jahr 2005 zum ersten Mal seit 82 Jahren wieder einzelne Exemplare gesichtet, bekanntlich handelt es sich bei ihnen aber nur um einige versprengte Einwanderer aus dem italienischen Trentino. Auch der 1904 in Scuol erschossene «letzte Schweizer Bär» war wohl ein Migrant aus dem Südtirol, denn tatsächlich verschwanden die letzten heimischen Bären schon vor der Jahrhundertwende. Das letzte Exemplar des Mittellandes etwa hat im Kanton Zürich bereits im Jahr 1565 sein Jagdbeute-Schicksal ereilt.

Kein reiner Räuber, ein Opportunist
Bären zählen zur den Hundeartigen (Canoidea). Der Braunbär hat von Nordamerika über Asien bis nach Europa ein riesiges Verbreitungsgebiet. Er trägt zahlreiche Trivialnamen, so etwa ist mit Grizzly, Küstenbraunbär, Kodiakbär, Europäischem Braunbär immer dieselbe Art Ursus arctos gemeint. Abhängig von qualititativen Unterschieden ihrer Lebensräume weichen Grösse, Gewicht und Aussehen von Populationen stark voneinander ab. Die fruchtbare Südküste Alaskas und die nahrungsreiche russische Halbinsel Kamtschatka bringen Riesen mit mehr als einer halben Tonne Gewicht hervor. Europäische Braunbären hingegen bleiben weitaus kleiner und erreichen nur die Hälfte dieses Gewichts.

Obwohl oft behauptet, ist der Braunbär kein reiner Räuber. Ganz im Gegenteil ernährt er sich zur Hauptsache von vegetarischer Kost. Seine tierischen Nahrungsanteile bestehen vorwiegend aus gefundenen Kadavern und Nagern. Auch Insekten sind eine willkommene Abwechslung: Das Ausheben eines Ameisennests zum Beispiel beschert Meister Petz kostbare eiweissreiche Larven.

Der Braunbär ist aber auch ein Meister der Effizienz und als Allesfresser ein Opportunist. Es entspricht seiner Natur, sich in seinem Lebensraum die Nahrung zu beschaffen, die vorhanden ist und an die er mit wenig Energieverschleiss zu gelangen vermag. Findet er in der Nähe menschlicher Siedlungen ungesicherte Abfallcontainer sowie ungeschützte domestizierte Herdentiere, ist sein Interesse für derlei Nahrungsquellen die logische Folge.

Das heutige Gebiet der Schweiz besiedelte der Braunbär während Jahrtausenden. Er beansprucht keine starren Reviere. Vielmehr bewegt er sich innerhalb grosser Streifgebiete und begegnet Artgenossen und anderen Arten mit der toleranten Gelassenheit eines wahren Herrschers. Der Braunbär war der unumstrittene König des Tierreichs – bis der Mensch begann, denselben Lebensraum weit weniger tolerant zu beanspruchen. Der Braunbär diente den Menschen schon immer als Symbol der Stärke. Noch heute ist er im Wappen von Städten und Kantonen sowie im Logo mancher Firma präsent. Würden wir uns auch seine Toleranz zu eigen machen, wäre der Braunbär vielleicht bald ein gutes Beispiel dafür, dass wir Teile des angerichteten Schadens an der Natur durchaus wieder gutmachen können.

 

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