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Stephenschlüpfer

Ausgerottet durch eine einzige Katze

Ausgestorbene Tiere | Donnerstag, 25. September 2014, Matthias Gräub

Vögel, die nicht fliegen können, haben es rund um den Globus schwer. Der Stephenschlüpfer in Neuseeland war der letzte flugunfähige Singvogel – bis sein Entdecker und seine Katze «Tibbles» kamen.

Leuchtturmwärter haben viel Zeit. Ihr Job besteht darin, in die Ferne zu starren und auf Schiffe zu warten. So überrascht es nicht sonderlich, dass sich David Lyall seine Zeit gerne mit dem Beobachten von Vögeln vertrieb. Ende des 19. Jahrhunderts war Lyall verantwortlich für den Leuchtturm auf Stephens Island, einem winzigen, kaum bewohnten Eiland zwischen den beiden Inselhälften Neuseelands. 

Lyall und seine Katze «Tibbles» führten also ein gemütliches Leben im Leuchtturm – er beobachtete Vögel, sie fing sie ein. Einer der Vögel, den «Tibbles» seinem Halter voller Stolz vor die Füsse warf, war wohl nicht sonderlich schwer zu fangen. Es war ein kleiner Sperlingsvogel, der zwar schnell auf den Beinen war, aber nicht fliegen konnte. Der fluglose Spatz fiel dem Vogelkundigen Lyall so sehr auf, dass er einige der von der Katze zerrupften, aber ansonsten intakten, Vögel einsammelte und sie an Experten zur Untersuchung weiterreichte.

Entdeckt und ausgerottet
Während nun die Ornithologen Neuseelands über dem Vogel brüteten, setzte «Tibbles» seine Jagd auf die leichte Beute fort und erwischte immer mehr der bemitleidenswerten kleinen Vögel. Und als das Expertenkomitee dann endlich herausfand, dass es den letzten überlebenden flugunfähigen Singvogel in Händen hielt, war kein lebendiger davon mehr übrig. 

Die Katze «Tibbles» war also gleichzeitig verantwortlich für die Entdeckung und für die Ausrottung einer bislang unbekannten Spezies. Benannt wurde der Vogel schliesslich nicht nach der Katze, sondern nach dem Leuchtturmwärter: Xenicus lyalli. Auf Deutsch heisst er – nach der Insel – Stephenschlüpfer.

Kleine Berichtigungen – der Wahrheit zuliebe
Um «Tibbles» doch noch ein wenig vom Vorwurf als alleinigem Bösewicht zu entlasten, sei ein wenig entschärft: Die Katze ist nicht ganz die einzige, die dem Stephenschlüpfer den Garaus machte. Die Vorarbeit leistete die Pazifikratte, die sich im Laufe der Jahrhunderte nach und nach in ganz Ozeanien breit machte. Irgendwann im 13. Jahrhundert erreichte sie – an Bord von Vorfahren der Maori – Neuseeland. 

Dort hatten die kleinen Vögel bis anhin sorglos gelebt, weil sie keine Feinde hatten. Kein Grund also, fliegen zu lernen. Mit der Ankunft der Ratten allerdings ging es Bergab mit den drei einzigen flugunfähigen Singvogel-Arten der Welt. Der Langschnabel-, der Breitschenkel- und eben der Stephen-Schlüpfer wurden auf dem Neuseeländischen Festland allesamt ausgerottet.

Übrig blieb also nur noch die kleine Schlüpferpopulation auf Stephen Island. Deren Ende zog sich noch ein paar Jahrhunderte hinaus, weil die Ratten keinen Weg auf die kleine Insel fanden. Letztlich war es aber doch um die Vögel geschehen. «Tibbles» – mit der Hilfe von ein paar verwilderten Katzen auf Stephen Island – machten ihrer Existenz ein Ende.

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