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Ausgestorbene Tiere

Rüsselhüpfer mit schlechten Augen

Ausgestorbene Tiere | Donnerstag, 18. September 2014 06:00, Jürg Sommerhalder

Das Macrocranion war ein seltsames Tier. Es sah etwa aus wie eine grosse Spitzmaus und hüpfte wie ein Känguru. Vor dem Aussterben bewahrt hat diese Fähigkeit das Tier nicht.

Das Eozän war eine Glanzzeit für die Säugetiere dieser Erde. In diesem Erdzeitalter, das vor 56 Millionen Jahren begann und 22 Millionen Jahre lang dauerte, entstand eine ganze Reihe von Säugetierordnungen. Dazu zählen die Unpaarhufer (Pferde, Nilpferde und Tapire), die Fledertiere (Fledermäuse und Flughunde) und der Zweig der Nagetiere. Auch wir haben unseren Ursprung im Eozän, denn es brachte auch die Primaten hervor, welche die Menschenaffen und damit auch uns Menschen einschliessen.

Nebst den Vorfahren heute auf der Erde verbreiteter Tiere brachte das  Eozän – wie jedes Erdzeitalter – auch Entwicklungen hervor, die sich auf lange Sicht nicht durchsetzen konnten. Eine davon war das Macrocranion. Vor allem die berühmte Fossilienstätte Grube Messel in der Nähe von Darmstadt (Deutschland) gab zahlreiche Fossilien dieses Ursäugers frei. Nebst vollständigen Skeletten fand man sogar sogenannte Bakteriographien dieser Tiere. Dabei handelt es sich um Versteinerungen von Bakterien während des Zersetzungsprozesses der Weichteile einer fossilen Lebensform. Dadurch wurden nicht die Weichteile selbst, aber detailreiche bakterielle Abbilder davon konserviert.

Dank dieser Fossilien ist die Zeichnung eines ziemlich exakten Bildes des Macrocranions möglich. Tatsächlich konnten in Messel sogar zwischen zwei verschiedenen Arten unterschieden werden. Beide waren sie von grazilem Körperbau, hatten spitz zulaufende Schnauzen mit Tasthaaren und einer beweglichen Nase, grosse Ohren und einen langen, dünnen Schwanz, der mit wenigen Knochenplättchen bedeckt war.


Ein erhaltenes Skelett von Macrocranion tupaiodon. Bild: Ghedoghedo/wikimedia.org

Die grössere der beiden Arten (Macrocranion tupaiodon) erreichte eine Körperlänge von knapp 20 Zentimetern und einen ähnlich langen Schwanz. Sie trug ein dichtes, wolliges Fell. Die andere Art (Macrocranion tenerum) blieb um etwa einen Drittel kleiner und war nur bauchseits behaart, rückenseitig aber mit einem Stachelkleid bewehrt.

Rüsselspringer oder Insektenfresser?
Verschiedene Ausprägungen am Kopfskelett lassen vermuten, dass Geruchs- und Tastsinn der Macrocranionen eine wichtige Rolle spielten, die visuelle Wahrnehmung hingegen eher schwach ausgeprägt war. Die Hinterbeine waren stark, die Vorderbeine vergleichsweise schwach ausgebildet. Zudem hatten die Tiere hufartige Klauen. Aufgrund dieser Merkmale wird den Macrocranionen eine Lebensweise am Boden nachgesagt, wo sie sich gehend und hüpfend fortbewegten, den Boden mit der Nase sondierend. Magen-Darm-Inhaltsanalysen sowie die Ausprägung der Gebisse der Messel-Fossilien zeigten auf, dass Macrocranionen Allesfresser waren, die nebst pflanzlicher Nahrung auch Insekten und Fische verspeisten.

In der belgischen Brabant-Region wurden fossile Reste zweier weiterer Arten entdeckt, ebenso gab es Funde an der belgisch-französischen Grenze und weitere in Nordamerikas Westen. Im Gegensatz zu den grossartigen Messel-Fossilien mussten sich die Paläontologen anderenorts jedoch stets mit  Skelett- und Gebissfragment-Funden begnügen.

Die Macrocranionen systematisch einzuteilen ist schwierig. Ihr evolutionärer Seitenzweig ist längst ausgestorben, Ähnlichkeiten mit Tieren  der Neuzeit findet man am ehesten unter den Insektenfressern, zu denen etwa der Igel gehört. Andere Systematiker stellen die Macrocranionen aufgrund von Charakteristika des Gebisses aber eher in die Nähe der afrikanischen Rüsselspringer, die nicht verwandt sind mit den Insektenfressern. Also lassen die Tiere heute eine einzige gesicherte Aussage bezüglich ihrer Systematik zu: Sie waren Höhere Säugetiere. Alles andere bleibt vorderhand im Nebel – was den Macrocranionen allerdings seit vielen Millionen Jahren egal sein dürfte.

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