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Ausgestorbene Tiere

Der Zwerg unter den Kängurus

Ausgestorbene Tiere | Donnerstag, 2. Oktober 2014 06:00, Jürg Sommerhalder

Das kleine Nacktbrust-Känguru teilt das Schicksal vieler Beuteltiere in Australien: Einst häufig, wurde es von Menschen, Katzen und Füchsen innert kürzester Zeit ausgerottet.

Kein Kontinent hatte in der Neuzeit das Aussterben so vieler Säugetiere zu verkraften wie Australien. Das liegt daran, dass es nirgendwo eine so einzigartige Säuger-Fauna gibt wie in Down Under. Im Zuge des Auseinanderbrechens des Urkontinents Gondwana wurde das heutige Australien vor 50 Millionen Jahren isoliert. Die Umweltbedingungen auf dem neuen Kontinent begünstigten die Entwicklung einer vielfältigen Beutler-Fauna, was auf den anderen Kontinenten fast gänzlich durch die Plazenta-Tiere verhindert wurde.

Mit der Besiedlung Australiens durch den Menschen vor etwa 50 000 Jahren, sowie in einer zweiten Welle mit dem Beginn der Kolonialisierung im 18. Jahrhundert durch europäische Siedler, setzte ein steter Rückgang unter den Beuteltieren ein. Den prominentesten Verlust stellt wohl der Beutelwolf dar (siehe auch «Gebeutelt und verteufelt»)

Die Ursachen für das Artensterben in Australien sind vielfältig: Die Bejagung und die Vernichtung von Lebensraum durch den Aufbau der Landwirtschaft taten das Ihre, und die Einfuhr nicht heimischer Arten ein Übriges: 50 Millionen Jahre nach der Abspaltung des australischen Kontinents begannen sich, begünstigt durch den Menschen, auch in Australien die Plazentatiere auf Kosten der Beutler durchzusetzen.

Hart getroffenen wurden die Rattenkängurus. Diese kleinwüchsigen Hüpfer sind eng verwandt mit den Echten Kängurus. Einst in ganz Australien verbreitet, gerieten sie durch die Umwandlung ihrer Lebensräume in Weideland, sowie über die Einschleppung von Räubern wie Füchsen und Katzen in arge Bedrängnis: Zehn Arten in vier Gattungen gab es neuzeitlich. Zwei davon sind unwiederbringlich verloren, und sechs der acht überlebenden Arten unterliegen einer starken Gefährdung. Sie existieren nur noch in kleinen, isolierten Populationen, deren Tage wohl gezählt sind.

Multitasking in der Kinderbetreuung
Eine der beiden neuzeitlich ausgestorbenen Arten ist das Nacktbrust-Känguru (Caloprymnus campestris), die andere das Breitkopfkänguru (Potorous platyops). Wie die Echten Kängurus hatte auch das Nacktbrust-Känguru kräftige Hinterbeine, nur schwach entwickelte Vorderbeine und eine lang gezogene Schnauze. Und wie diejenigen seiner grösseren Verwandten vollendeten auch seine Jungen die Embryonalentwicklung im Bauchbeutel des Muttertiers. Nur gut drei Wochen betrug die Tragezeit der Mütter, bevor die winzigen, unfertigen Jungtiere in den mütterlichen Beutel krochen, um dort ihre Entwicklung innert vier Monaten abzuschliessen.

Neben den Echten Kängurus beherrschte auch das Nacktbrust-Känguru die Technik der verzögerten Geburt: Direkt nach der Geburt eines Jungen paarte sich die Mutter erneut. Dieser neue Embryo aber «schlief», sein Wachstum wurde erst ausgelöst, wenn das ältere Geschwister den mütterlichen Beutel geräumt hatte. So konnten die Kängurus in rascher Folge Junge gebären und zeitgleich drei Nachwuchsgenerationen managen: ein Ungeborenes, eines im Beutel sowie ein Drittes, das den Beutel bereits verlassen hatte.

Diese kleinen, nur wenige Hundert Gramm schweren Beutler bewohnten solitär lebend karges Trockenland, wo sie sich tagsüber in Nestern versteckten, die sie in schattigen Gruben anlegten. Nachts gingen sie auf Futtersuche. Im Gegensatz zu den vegetarischen Echten Kängurus waren deren Mini-Ausgaben Allesfresser. Neben Grünkost nahmen sie auch Pilze, Knollen, Samen, Insekten und Würmer zu sich. Trinkwasser benötigten sie kaum, da sie ihren Flüssigkeitsbedarf gänzlich über die Nahrung zu decken vermochten.

Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts noch häufig, verschwanden die letzten Nacktbrust-Kängurus 1935 nach einer Dürre-Periode. 

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