Sie sind hier: TierweltAktuellDossiersAusgestorbene Tiere

Ausgestorbene Tiere

Der Kaiser hämmert nicht mehr

Ausgestorbene Tiere | Donnerstag, 16. Oktober 2014, Jürg Sommerhalder

Einst herrschte der Kaiserspecht in den unberührten Wäldern der Sierra Madre in Mexiko. Seit 50 Jahren gibt es keinen sicheren Nachweis des Tieres mehr – trotzdem hoffen einige Ornithologen, dass es doch noch lebt.

Der Kaiserspecht war der grösste aller Spechte der Erde. An Körperlänge überragte er unseren Schwarzspecht um mehr als die Hälfte: Er wurde 60 Zentimeter lang. Wurde. Denn der letzte dokumentierte und gesicherte Nachweis des Königs der Spechte stammt aus dem Jahr 1956. Erst vor drei Jahren sind aus privater Hand über 50 Jahre alte 16-mm-Freiland-Filmaufnahmen bekannt geworden. Sie stammen aus dem mexikanischen Bundesstaat Durango und gewährten den Ornithologen einen unerwarteten späten Blick zurück in die Vergangenheit.

Das Gefieder des Kaiserspechts war schwarz-weiss gefleckt, er hatte einen mächtigen weissen Schnabel und am Kopf eine Federhaube. Sie war beim Weibchen nach vorne eingekräuselt und von tiefschwarzer Farbe, während diejenige des Männchens gebogen war und auffällig schwarz-rot leuchtete. Der wissenschaftliche Name des Kaiserspechts lautet Campephilus imperialis. Der Gattungsname Campephilus repräsentiert eine Gruppe nordamerikanischer Spechte – zu denen auch der ebenfalls verschwundene Elfenbeinspecht Campephilus principalis zählt – und bedeutet frei übersetzt «Raupenliebhaber». Natürlich weist dieser Name auf die Vorliebe seiner Träger für Insektenlarven hin: Wie die meisten Spechte verwendete der Kaiserspecht seinen mächtigen Schnabel, um durch Klopfen auf Baumstämme Hohlräume in deren Innerem zu entdecken. Die darin lebenden Insektenlarven legte er durch Aufhacken des Holzes frei. 

Die Hoffnung stirbt zuletzt
Der Kaiserspecht bevorzugte die offenen Eichen- und Kiefernwälder der Sierra Madre im mexikanischen Hochland. Zur Deckung seines Futterbedarfs benötigte er grosse Reviere mit ausreichend Totholz, in dem Insektenlarven vorwiegend leben. Ein brütendes Kaiserspecht-Paar beanspruchte ein Revier von etwa 26 Quadratkilometern. Aufgrund seines stark beschränkten Verbreitungsgebiets geht man deshalb davon aus, dass die maximale Population dieser Art sogar zu ihrer Blütezeit nicht mehr als 8000 Exemplare umfasst haben kann.

In den Jahren 1993, 1995 und 1996 gab es zwar glaubhaft klingende private Sichtungs-Meldungen von insgesamt vier Exemplaren aus Durango und Sonora, und im November 2005 eine letzte aus der Region Chihuahua. Aber die jeweils ausgelösten Expeditionen erbrachten nie irgendwelche Hinweise, die diese Meldungen bestätigt hätten. Im Gegenteil ergab die 2005 vorgenommene Kartierung der noch existierenden Wald-Bestände im früheren Verbreitungsgebiet des Kaiserspechts wenig Grund zur Hoffnung: Es existiert kein einziges zusammenhängendes Waldstück mehr, dessen Grösse dem Vogel als Brutgebiet ausreichen würde.

Nebst der Bejagung des Riesenspechts gilt vor allem die rücksichtslose Vernichtung seines Lebensraums als Ursache für sein Verschwinden. Aber weil seine Anpassungsfähigkeit an abweichende Lebensräume völlig unbekannt ist, haben einige Optimisten ihn noch nicht ganz abgeschrieben. Und tatsächlich rechtfertigt die heimliche Lebensweise der meisten Spechte möglicherweise einen höchst vorsichtigen Optimismus: Obschon der stattliche Schwarzspecht – mit bis zu 40 Zentimetern Länge das grösste europäische Mitglied dieser Familie – bei uns weit verbreitet und dazu recht vorlaut ist, bekommt ihn kaum jemand zu Gesicht. Doch selbst wenn ein paar versprengte Exemplare des Kaierspechts überlebt haben sollten, muss davon ausgegangen werden, dass ihre Zahl selbst unter optimalen Bedingungen nicht ausreichen würde, um eine neue, überlebensfähige Population aufzubauen.

Kommentar schreiben


Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen, als Leserzuschriften im Heft abzudrucken oder auf die Publikation zu verzichten.

Galerien Alle Galerien