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Meerschweinchen

Pfiffig, aber oft missverstanden

1 Kommentare Haustiere | Donnerstag, 8. November 2018, Lars Lepperhoff

Meerschweinchen sind kleine Pelzknäuel, die man streicheln möchte. Vielen Haltern ist nicht bewusst, dass es sich um ängstliche Fluchttiere handelt. Mit ihrer Auffangstation im Waadtland bekämpft Tatiana Cherpillod solch falsche Vorstellungen. 

Ein einzelnes Tier in einem kleinen Käfig. So sah die Meerschweinchen-Haltung vor 40 Jahren oft aus. Zwischenzeitlich weiss man mehr über die Bedürfnisse dieses Kleinnagers, und die Einzelhaltung ist gesetzlich verboten. «Wenn wir schauen, wie die wilden Meerschweinchen in Südamerika leben, gibt uns das viele Indizien, wie sie gehalten werden sollten», sagt Tatiana Cherpillod aus dem waadtländischen Froideville. Die Vizepräsidentin von Craci (Club Romand des Amis des Cochons d’Inde), einem Westschweizer Verein für Meerschweinchen-Liebhaber, ist auch heute noch mit Unwissen von Haltern konfrontiert. Die 56-jährige, zierliche Frau mit blonden Haaren führt die Auffangstation des Vereins. Bei ihr leben immer über 30 Meerschweinchen.

Die am häufigsten gestellte Frage sei, warum sich zwei neu erworbene Meerschweinchen nicht miteinander verstünden, sagt Cherpillod. «Meist kaufen die Leute zwei Männchen, weil sie keine Jungen möchten.» Wenn Männchen nicht ganz jung kastriert würden, könnten sie aber kaum langfristig zusammenleben. Ausnahmen seien alte Männchen, die mit einem ganz jungen zusammen gehalten würden. Da bilde sich automatisch eine Hierarchie. Cherpillod empfiehlt darum, ein kastriertes Männchen mit einem Weibchen zu halten. 

Fruchtbarkeit wird zum Problem
Die Meerschweinchen-Liebhaberin hilft den oft verzweifelten Leuten in solchen Fällen, indem sie beide Männchen bei sich aufnimmt und in zwei verschiedenen Gehegen mit je einem Weibchen zusammensetzt. Wenn sich eines dieser Pärchen versteht, können die Besitzer ihr Männchen mit dem Weibchen zurücknehmen. Eine normale Meerschweinchen-Gruppe bestehe aus einem Männchen und fünf oder sechs Weibchen, so lebten die Tiere in der Natur, sagt Cherpillod. Doch man könne die Nager auch in Kleingruppen oder eben zu zweit halten. Auch unter Weibchen gebe es aber eine Hierarchie, betont die Fachfrau.

Ein anderes, grosses Problem ist laut ihr, dass immer wieder Leute, ohne es zu wissen, trächtige Weibchen erwerben oder von Kollegen übernehmen. «Wir erhalten regelmäs­sig junge Meerschweinchen», sagt Cherpillod. Sie erklärt, dass Weibchen bereits trächtig werden können, wenn sie vier Wochen alt sind. Die Tragzeit dauert ungefähr 60 bis 70 Tage. Die Jungen werden danach gut drei Wochen gesäugt. Gerade hier liegt aber das Problem. «Junge Männchen sind mit etwa drei Wochen, mit einem Gewicht von ungefähr 300 Gramm geschlechtsreif», sagt Cherpillod. Dessen sind sich viele Meerschweinchen-Halter nicht bewusst. Die jungen Männchen sind also bereits in der Lage, die Mutter und Schwestern zu decken. Wer dann junge Weibchen abgibt, merkt nicht, dass sie bereits trächtig sind.

Deshalb ist es gut, wenn jeder Halter weiss, wie er weibliche von männlichen Tieren unterscheidet: Während die Geschlechts­öffnung beim Weibchen wie ein Ypsilon aussieht, gleicht sie beim Männchen dem Buchstaben «i». Man dürfe nicht lediglich auf die Hoden achten, erklärt Tatiana Cherpillod. «Sie sind bei jungen Männchen noch nicht zu sehen.» 

Die Kastration eines Männchens sollte durch einen auf Kleinnager spezialisierten Tierarzt vorgenommen werden. Eine Sterilisation des Weibchens hingegen sei nach dem heutigen Stand der Technik ein zu grosser Eingriff. Die Zucht der Meerschweinchen verlangt also besondere Kenntnisse und Aufmerksamkeit. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sie aus dem Ruder läuft. 

Gesellschaft für Einzeltiere
Meerschweinchen haben heute in einer guten Haltung eine Lebenserwartung von vier bis sechs Jahren. Wer nun zwei Meerschweinchen hält und eines aus Altersgründen stirbt, ist vor Probleme gestellt. «Uns ist wichtig, dass alte Meerschweinchen nicht alleine weiterleben müssen», sagt Cherpillod. Sie hilft darum mit ihrem ehrenamtlich betriebenen Auffangzentrum auch, für alte Meerschweinchen wieder einen älteren Kumpan zu finden. «Das gelingt meist gut.» 

Die herzigen Fellknäuel verleiten oft auch dazu, dass Menschen sie kaufen, die gerne Tiere streicheln. «Ich frage immer zuerst, was die Motivation zur Anschaffung von Meerschweinchen sei», sagt Tatiana Cherpillod. Natürlich werden Meerschweinchen auch zutraulich, und sicher dürfe man sie ab und zu auch streicheln. «Wer aber ein Tier immer herumtragen und liebkosen möchte, dem empfehle ich einen Hund», sagt sie. Meerschweinchen seien Beobachtungstiere, das werde zwischenzeitlich von den meisten Leuten respektiert. Wichtig ist ihr auch, vorgängig abzuklären, ob nicht Allergien vorhanden sind, die eine Haltung verunmöglichen. 

Viele Verstecke im Freilauf 
Cherpillod hält ihre Meerschweinchen im Sommer im Garten in rundum mit Gitter verschlossenen Gehegen. Füchse, Katzen und Raubvögel sind eine Gefahr. Darum ist es wichtig, auch oben geschlossene Meerschweinchen-Gehege zu haben. Praktisch sind flache Gehege, deren Deckel geöffnet werden können. «Meerschweinchen sind Bodentiere, sie klettern nicht», sagt Cherpillod. Darum richtet sie am Boden eine für Meerschweinchen interessante Landschaft ein mit Korkrinden, Röhren und Häuschen. Bei Unsicherheit ziehen sich die kleinen Nager in diese Unterschlüpfe zurück; in einem solchen Gehege ist es ihnen wohl. 

Im Winter hält Cherpillod ihre Meerschweinchen in einem separaten Zimmer in einem Schrankgehege, das sie extra vom Schreiner fertigen liess. Plexiglasscheiben gewähren Licht und freie Sicht auf die Tiere. Hinten haben sie auf der ganzen Länge ein Häuschen. Die einzelnen Gehege sind 120 × 60 Zentimeter gross. «Das ist das Mindestmass für zwei Meerschweinchen», sagt Cherpillod. Sie kann die verschiedenen Abteile auch miteinander verbinden, sodass ganze Gruppen darin leben können.

Als die Meerschweinchen von Tatiana Cherpillod ein Rascheln hören, quietschen sie. Sie erhalten extra Pellets, zusätzlich auch Früchte und Gemüse. «Manchmal reiche ich ihnen auch Löwenzahnblätter», sagt die Meerschweinchenliebhaberin. Sie hat sich grosse Kenntnisse angeeignet. Sie kommen privaten Liebhabern und ihren kleinen, südamerikanischen Pfeifern zugute.

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Kommentare (1)

Doris Baumann am 15.11.2018 um 08:24 Uhr
Kein ansprechendes Titelbild, das verschreckte und zerdrückt wirkende Meerschweinchen ist kaum zu sehen, ehe glaubt man bei dem Bild an eine Werbung für ein Tattoo-Studio. Auch die Berichte sind nicht eben speziell. Die Erwähnung von Gehegen mit nur gesetzlichen Mindestmassen sind keine Werbung für artgerechte Tierhaltung und boykottieren Bemühungen um ebendiese. Gleiches gilt für die Empfehlung zur Paarhaltung, denn Meerschweinchen sind Rudeltiere. Auch die Haltung in alten Kaninchenställen sollte eigentlich der Vergangenheit angehören, sind sie doch eng und dunkel und bieten nur wenig Bewegungsfreiheit.
Schade!
Nichts für Ungut und freundliche Grüsse

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