Sie sind hier: TierweltMagazinAktuelle Ausgabe

Wegen Jungvögeln

Hausarrest fürs Büsi

Haustiere | Dienstag, 21. Mai 2019, Andrea Trueb

Freigang macht Katzen glücklich – bedeutet aber für viele Jungvögel den sicheren Tod. Naturliebende Katzenhalter können ihr Dilemma vermindern, indem sie ihre Lieblinge jeweils im Frühjahr eine Weile drinbehalten.

Jedes Jahr im Frühling verpasst Esther Geisser ihren Katzen Kurzzeit-Hausarrest. Damit will die Präsidentin und Gründerin der Tierschutzorganisation NetAP ihre Lieblinge nicht etwa bestrafen, sondern vielmehr eine andere, nicht minder liebenswerte Tiergruppe schützen: Jungvögel. Wenn sie sehe, dass es in der Gegend flügge Vögelchen habe, sperre sie ihre Katzen zu Hause ein, sagt Geisser. «Natürlich protestieren sie.» 

Wenn man seinen Katzen aber drinnen genügend Abwechslung biete, gehe das problemlos. Überhaupt seien es eher die Menschen als die Katzen, die ein Theater machten und sich stressen liessen: «Die Massnahme umzusetzen ist überhaupt nicht schwierig.» Die Dauer des «Hausarrests» hänge davon ab, wie lange die betreffenden Vögelchen hätten, bis sie gut fliegen könnten: «Solange sie am Boden sind, lasse ich die Katzen nicht raus. Das kann von zwei Tagen bis zu einer Woche dauern und kann sich auch wiederholen.»

Amsel-Eltern warnen laut
Das Vorgehen von Tierschützerin Esther Geis-ser entspricht den Empfehlungen der Vogelwarte Sempach. Laut Auskunft von Mediensprecher Michael Schaad lohnt es sich in den Monaten April, Mai und Juni Ausschau nach frisch ausgeflogenen Jungvögeln oder stark warnenden Altvögeln zu halten – und dann sein Büsi nach Möglichkeit für ein paar Tage nicht nach draussen zu lassen. Gerade besorgte Amsel-Eltern seien sehr gut hörbar, erklärt Schaad. Ihre Jungen seien nach dem Verlassen des Nests während bis zu einer Woche lang flugunfähig und würden in dieser Zeit im Garten herumhopsen. Zwar gehe man aktuell davon aus, dass die rund eine Million frei laufender Katzen die Vogelbestände in der Schweiz nicht gefährden würden. Für den einzelnen Vogel stellt das Zusammentreffen mit einer Katze aber dennoch ein meist tödliches Drama dar. 

Die Vogelwarte bekomme immer wieder Anrufe von bestürzten Haltern, deren Katze einen jungen Vogel gepackt und nach Hause gebracht habe, erzählt Schaad. «Das möchte niemand erleben.» Auf eine Katze zu verzichten, falle den meisten Menschen dann aber doch zu schwer. Auch wenn ein solcher Verzicht letztlich eben die einzig wirklich effektive Schutzmassnahme für Vögel und andere Kleintiere darstelle.  

Ein Bimmeln warnt vor Gefahr
Sie kenne das Dilemma aus eigener Erfahrung, sagt auch Helen Sandmeier vom Schweizer Tierschutz STS. Das Vorgehen von Esther Geisser, ihre Katzen jeweils für ein paar Tage im Haus zu behalten, hält Sandmeier für machbar. Dieses bedinge allerdings, dass das betreffende Tier vom Typ her eher häuslich sei. Bei sehr freiheitsliebenden Katzen bestehe hingegen die Gefahr, dass sie rebellieren und die Wohnung verwüsten oder unsauber würden. 

Kastrierte Katzen seien in der Regel häuslicher und gingen weniger oft auf die Jagd, sagt Sandmeier weiter: «Aber letztlich bleibt auch der gutmütigste Stubentiger ein Raubtier.» Den Freunden von Vögeln und anderen Kleintieren unter den Katzanhaltern rät Sandmeier unter anderem zu einem möglichst naturnahen Garten mit vielen Versteckmöglichkeiten.

Sowohl der Tierschutz als auch die Vogelwarte empfehlen zudem den Schutz der Nistplätze. So verhindert eine auf geeigneter Höhe am Stammfuss einzeln stehender Bäume angebrachte Manschette aus Blech oder Plastik, dass eine Katze den Baum hochklettern kann. Nisthilfen sollten an Seitenästen oder an Fassaden in mehr als 1,5 Meter Höhe und ausserhalb der Reichweite etwaiger Räuber aufgehängt werden. Ein Nistkasten mit einem steilen glatten Dach verhindert zudem, dass die Katze Halt findet. Nicht zuletzt kann der Katze ein elastisches Halsbändchen mit einem Glöggli umgehängt werden – Vögel werden so immerhin schneller auf die Gefahr aufmerksam. 

Tatsächlich kommen Untersuchungen aus Grossbritannien und Neuseeland zum Schluss, dass Glöckchen tragende Katzen weniger erfolgreiche Jägerinnen von Säugetieren und Vögeln sind. Ihre Jagdraten sanken markant. Allerdings kam eine weitere Studie aus England zum Schluss, dass Katzenbesitzer Halsbändern gegenüber skeptisch eingestellt sind. Sie fürchten, dass sich ihr Tier verletzen oder gestresst sein könnte. 

Ob Katzenhalter ein Halsbändchen nun befürworten oder nicht: Den flugunfähigen Jungvögeln nützt das Katzen-Glöggli sowieso nichts. Sie werden gejagt und getötet – in vielen Fällen ohne gefressen zu werden. Das Jagen dient der Katze heutzutage meist gar nicht mehr zum Nahrungswerb, sondern entspricht einfach ihrem angeborenen Instinkt. 

Kommentar schreiben


Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen, als Leserzuschriften im Heft abzudrucken oder auf die Publikation zu verzichten.

Galerien Alle Galerien