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Offshore

Ein Riff am Fuss des Windparks

Wildtiere | Dienstag, 27. August 2019, Mario Ludwig

Wie Pilze schiessen Windräder aus der Nordsee. In den Offshore-Windparks vor der norddeutschen Küste produzieren rund 1300 gigantische Windräder Strom. Für Meerestiere ist das eine Belastung – aber auch eine Chance.

Der Boom der sogenannten Offshore-Windparks bringt Umweltschützer in eine Zwickmühle: Zum einen sind diese Windräder, deren Fundamente im Meer stehen, ein wichtiges Element zur Erzeugung klimaschonender Energien. Zum anderen haben Untersuchungen gezeigt,  dass die Tierwelt beim Bau von Windkraftanlagen zum Teil enorm leidet.Vor allem der immense Lärm beim Bau der Anlagen macht einigen Tierarten schwer zu schaffen. Allerdings könnten die Windkraftanlagen auch zwei Tierarten wieder auf die Sprünge helfen, deren Bestände in den letzten Jahren in der Nordsee drastisch zurückgegangen sind – dem Hummer und der Europäischen Auster. 

Exemplarisch ist das Verschwinden der Hummerbestände im Felsenwatt von Helgoland, dem einzigen Vorkommen Deutschlands. Dort wurden noch in den Dreissigerjahren des vergangenen Jahrhunderts rund 80 000 Hummer pro Jahr gefangen. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs brach die Population ein. Verantwortlich waren wohl der Ausbau der Insel zum Kriegshafen und die anschlies­senden britischen Bombardierungen und Sprengungen, durch die Unmengen an Giftstoffen ins Meer gelangten. 

Mit den Offshore-Windparks keimt nun plötzlich neue Hoffnung für den Hummer auf. Hummer brauchen nämlich zum Überleben harten, felsigen Untergrund mit Höhlen, in denen sie sich verstecken können. Solche Lebensräume sind in der Deutschen Bucht, wo vor allem Schlickboden vorherrscht, äus­serst selten. Respektive: Waren selten. Denn die Fundamente der Offshore-Windräder müssen durch enorme Steinschüttungen vor einer Unterspülung geschützt werden. Und genau solche Schüttungen sind ideale Besiedlungs- und Lebensräume für Hummer. 

Schnelleres Wachstum als in Zucht
Um die Steinschüttungen mit den Krebstieren zu besiedeln, haben Forscher zunächst in der Biologischen Anstalt Helgoland ganze Hummerscharen im Labor gezüchtet. Sie markierten 2400 Junghummer und setzten sie vor fünf Jahren im Windpark «Riffgat» vor der Insel Borkum aus. Finanziert wurde das Ganze vom Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz – mit Geldern der Windparkbetreiber. Diese sind nämlich von Gesetzes wegen verpflichtet, für ihren Eingriff in die Natur Ausgleichszahlungen leisten.

Nun liegen erste Ergebnisse zur Wiederansiedelung vor. Die Helgoländer Forscher überprüften vor drei Jahren die Stellen, an denen sie die jungen Hummer ausgesetzt hatten. Das Resultat: Sie zählten noch etwas über drei Prozent der damals ausgesetzten Hummer. Auf den ersten Blick scheint diese Zahl enttäuschend. Trotzdem zeigten sich die Forscher zufrieden: Denn die Hummerdichte entspricht der, die man in natürlichen Habitaten vorfindet. Das rührt daher, dass Hummer relativ territoriale Tiere sind, die ein grosses Revier beanspruchen. 

Europäischer Hummer
Europäische Hummer finden in Windparks wieder ideale Bedingungen vor.
  Bild: Solvin Zankl/mauritius-images.com

 

Für den Erfolg dieses ersten Experimentes spricht aber auch, dass die Hummer in den Windparks schneller gewachsen sind als in der Zucht. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie sich in ihrer neuen Heimat wohlfühlen. Natürlich sind weitere Bestandsaufnahmen notwendig. Verlaufen sie positiv, wollen die Wissenschaftler auch in anderen Windparks Hummer ansiedeln. So würde langfristig eine Population aufgebaut, die nachhaltig befischt werden könnte.

Aus ähnlichen Gründen wie der Hummer soll dereinst die Europäische Auster in Windparks ausgesetzt werden. Auch die Europäische Auster war einst in der Nordsee häufig, die Zahl der Tiere ging in die Millionen. Heute gilt die Muschelart in der Nordsee allerdings als weitgehend ausgestorben – bedingt durch Überfischung und diverse eingeschleppte Krankheiten. Die Europäische Auster ist aber eine Schlüsselart, die für einen sehr komplexen und artenreichen Lebensraum namens «Austernbank» verantwortlich ist. 

Sicher vor Schleppnetzen
Dieser Lebensraum bietet vielen Tieren Nahrungs-, Schutz- und Rückzugsmöglichkeiten und dient zahlreichen Fischarten als Kinderstube. Dazu kommt, dass Austern durch ihre gewaltige Filtrierleistung (eine einzige Auster filtriert pro Tag rund 240 Liter Meereswasser) erheblich zur Verbesserung der Wasserqualität beitragen. 

Deshalb riefen Wissenschaftler im Jahr 2016, ebenfalls unter Federführung des Alfred-Wegener-Instituts, das Projekt «Re­store» ins Leben. Ziel ist die Wiederansiedlung der Europäischen Auster in der Nordsee. Ähnlich wie beim Hummer züchtet man deshalb zurzeit auf Helgoland Austern, die später in den Steinschüttungen der Offshore-Windparks ausgesetzt werden sollen. 

Nur dort sind die Austern vor Grundschleppnetzen geschützt und können – so die Hoffnung – nach und nach neue Bänke bilden. Langfristig erhoffen sich die Umweltschützer den Aufbau eines gesunden Austernbestands in der deutschen Nordsee – und damit eine Wiederherstellung artenreicher, längst verlorener Riffstrukturen.

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