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Landwirtschaft

Im Kuhstall serviert der Roboter das Essen

Nutztiere | Dienstag, 29. Oktober 2019, Ann Schärer

Melk- und Fütterungs-Roboter bringen Ruhe in den Stall, bergen aber auch das Risiko einer Entfremdung von Tier und Mensch. Dass dies nicht der Fall sein muss, zeigt ein Besuch auf einem grossen mittelländischen Betrieb.

Die herbstlichen Regenwolken hängen tief über dem bernischen Moosseedorf. Auf dem Betrieb von Ruedi Bigler und seiner Familie ist es ruhig. Einige Holstein- und Red-Holstein-Kühe durchsuchen ihr Futter nach den besten Hälmchen, andere dösen friedlich. Obwohl 120 Kühe auf dem Milchproduktionsbetrieb leben, gibt es weder Hektik noch Stress. «Das liegt zu einem grossen Teil an unseren Robotern», sagt Manuela Bigler, die Tochter von Ruedi Bigler. Sie ist Landwirtin und auf dem Familienbetrieb als Herdenmanagerin im Einsatz. Biglers Kühen stehen zwei Melkroboter zur Verfügung. «Die Tiere müssen nicht mehr zwei Mal pro Tag in den Melkstand getrieben werden», sagt sie. Das sei für die Kühe immer ein gros­ser Unruhe- und Stressfaktor gewesen.

Zu den beiden Melkrobotern kommen ein Fütterungs- und ein Entmistungsroboter. Insbesondere der Fütterungsroboter bringe zusätzlich Ruhe auf den Betrieb, sagt Manuela Bigler. «Er füttert rund um die Uhr, zehn Rationen täglich», erklärt die junge Landwirtin, «Verzetteln die Kühe die servierten Haufen mit ihrem selektiven Fressverhalten, bringt der Roboter die Haufen wieder näher zu den Kuhmäulern. Das animiert die Kühe dazu, etwas mehr zu fressen, und so geben sie auch mehr Milch.»

Dem Fütterungsroboter bei der Arbeit zuzusehen, ist eindrücklich. Selbstständig mischt er in einem riesigen Behälter die Futterration. Ein Greifarm holt die benötigten Zutaten wie Heu, Gras oder Mais aus nahe gelegenen Containern. Ist der Behälter ausreichend beladen, fährt er auf am Boden festgemachten Magnetbändern los. Er misst die Futterhöhe mittels eines Infrarotsensors und gibt Futter nach, wenn zu wenig vor den Kuhmäulern liegt. 

Ein einziger solcher Roboter reicht aus, um alle Tiere regelmässig mit Futter zu versorgen. Per mobiler App hat Bigler den Betrieb auch dann im Blick, wenn sie gerade unterwegs ist. Sowohl beim Fütterungs- als auch bei den beiden Melkrobotern fallen zudem täglich viele Daten an. Diese werden als Entscheidungshilfen genutzt und ermöglichen im Bedarfsfall ein schnelles Eingreifen. «Jedes Tier wird 24 Stunden überwacht und so können wir sehr schnell reagieren, wenn etwas nicht ist, wie es sein sollte», sagt Manuela Bigler. Fütterungs- und Melkroboter ergänzen sich dabei ideal.

Entfremdung muss nicht sein
Dieser Meinung ist auch Felix Adrion, der bei Agroscope zu Melktechnik und Smart Farming forscht. «Die Tiere haben nach dem Melken zu jeder Zeit die Gelegenheit, frisches Futter aufzunehmen. Gleichzeitig bewegt die Fütterung die Tiere dazu, nach einer Ruhephase wieder aufzustehen, zu fressen und auch den Roboter regelmässiger zu besuchen», sagt er. Bei einem Melkroboter entscheiden die Kühe in einem bestimmten zeitlichen Rahmen selbst, wie oft sie zum Melken gehen. «Kühe, die viel Milch geben, gehen drei bis vier Mal am Tag zum Roboter, während Tiere mit weniger Milch vielleicht nur zwei Mal zum Melken gehen. Das Tier kann seinen Tag so einteilen, wie es möchte», sagt Adrion.

Manuela Bigler beobachtet aber auch immer wieder Tiere, die täglich bis zu 20 Mal in den Melkroboter stehen, weil sie mit leckerem Kraftfutter rechnen. Kaum hat sie diese Beobachtung geschildert, steht schon eine solche Spezialistin bereitwillig in den Roboter und wartet auf leckeres Kraftfutter. Doch der Roboter lässt sich nicht erweichen. Unverrichteter Dinge geht das Gatter vorne auf und die Kuh wird aufgefordert den Melkstand zu verlassen. Tja, Pech gehabt. 

Man merkt dabei rasch: Manuela Bigler kennt ihre Kühe. Und zwar auch mit Namen. Sie sind keineswegs zu Nummern geworden. «Die Beziehung zu unseren Tieren ist sehr stark. Es ist uns wichtig, unsere Tiere zu kennen», sagt sie. Zudem sei es ein grosser Vorteil, die Kühe beim Namen zu kennen, wenn man ein bestimmtes Tier von der Herde separieren oder schnell finden muss.

Auch Adrion ist erstaunt, dass oft der Eindruck entsteht, Kühe würden durch die Robotisierung zu Nummern degradiert. «Die Tiere haben wie in jedem anderen Stall sowohl einen Namen als auch eine Nummer, das ändert sich mit einem Melkroboter nicht. Durch die vielen Informationen und die intensivere Tierbeobachtung lernt der Landwirt sogar oft mehr Eigenschaften eines Tieres kennen als zuvor», sagt der Forscher.

Das kann Bigler nur bestätigen: «Meiner Erfahrung nach hat man durch den Melkroboter zu den Tieren eine engere Beziehung, als wenn man mit ihnen ausschliesslich im Melkstand zu tun hat.» Sie glaube aber, dass man mit der Technisierung beides erreichen könne: eine Entfremdung zwischen Mensch und Tier oder eine noch engere Beziehung. «Das ist eine Frage der persönlichen Einstellung und Handhabung. Doch bleibt der Mensch in jedem Fall wichtig», betont sie.

Leben mit «mobilen Gefährten»
Durch die Umstellung auf einen robotisierten Betrieb verändern sich die Aufgaben des Landwirtes stark. «Man hat weniger körperliche Arbeit zu verrichten, dafür wird die Kontrollaufgabe wichtiger», sagt sie. «Bei unseren Kontrollgängen am Morgen, Mittag und Abend machen wir auch Brunstbeobachtung.» Zusammen mit den Hinweisen, die der Melkroboter liefert, können Biglers auf diesem Weg ziemlich genau feststellen, ob eine Kuh stierig ist – und so den perfekten Besamungszeitraum erwischen. 

«Man ist durch die Roboter nicht weniger oft im Stall, aber man ist mit anderen Aufgaben beschäftigt», sagt Manuela Bigler, auf deren Betrieb der Melkroboter bereits vor 17 Jahren Einzug gehalten hat. Die entstandene Flexibilität schätzt die Familie sehr und möchte nichts daran ändern. Vermutlich auch die Kühe nicht, könnte man sie fragen. Höchstens dann, wenn der Melkroboter kein Kraftfutter ausspucken will oder das Tor zur Weide nicht aufgeht, weil der Chip am Halsband dem elektronischen Torwächter meldet, dass die Kuh nicht frisch gemolken ist.

Ansonsten haben sich die Tiere mittlerweile an die grosse Selbstbestimmung gewöhnt. Einige schneller, andere langsamer. «Das ist sehr unterschiedlich. Doch die kuhtypische Neugier hilft den Tieren dabei, mit den neuen Technologien schnell umgehen zu können», sagt Manuela Bigler. Es erfordere anfänglich halt etwas Zeit und Geduld, bis sich der Betrieb neu eingespielt habe.

Das gilt auch für die Entmistungsroboter, die für einen relativ trockenen Boden und damit für eine bessere Klauengesundheit sorgen. «Die Kühe gewöhnen sich im Allgemeinen auch erstaunlich gut an den ‹mobilen Gefährten›, der zwischen ihnen hindurchfährt», sagt Felix Adrion. In Biglers Stall lässt sich das gut beobachten. Artig werden die Klauen gehoben, damit der Roboter den Stallgang säubern kann. Fast als wüssten die Kühe, dass dies ihrer Gesundheit zugutekommt.

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