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Insektensterben

Schwinden die Sechsbeiner?

Wildtiere | Dienstag, 10. Juli 2018, Simon Koechlin

Es ist noch nicht lange her, da galten Insekten als blosse Lästlinge. Heute macht das Schlagwort «Insektensterben» die Runde und Vorstösse im Parlament verlangen, dass der Bund Massnahmen für die Tiere ergreift. Doch wie schlecht steht es um die Sechsbeiner? 

Insekten sterben leise. Die Mücke, die von der Rauchschwalbe geschnappt wird. Die Käferlarve, die vom Insektenmittel vergiftet wird. Wir hören sie nicht. Wir freuen uns höchstens über das klatschende Geräusch, mit dem unsere Hand eine lästige Fliege plattmacht. Doch seit letztem Herbst sterben die Insekten unter Getöse, medialem und gesellschaftlichem. Am 18. Oktober 2017 veröffentlichte ein internationales Forscherteam eine Studie, die bis heute Wellen wirft. 

Es war eine Auswertung von Daten, welche die entomologische Gesellschaft Krefeld von 1989 bis 2016 in 63 Naturschutzgebieten in Deutschland gesammelt hatte. Die Entomologen fingen mit sogenannten Malaisefallen Insekten aller Art. Nicht jedes Jahr an denselben Orten, aber immer mit derselben Methode. Als die Wissenschaftler nun die Menge der Fänge verglichen, die sogenannte Biomasse, stockte ihnen wohl selber der Atem: 2016 waren rund drei Viertel weniger Insekten in die Fallen geflogen als noch vor einem Vierteljahrhundert. Seither ist das Wort Insektensterben selbst ökologisch weniger interessierten Menschen ein Begriff geworden.

Daten aus Deutschland schrecken auf
Denn so winzig die meisten Insekten sind. Ihre Rolle für die Welt, wie wir sie kennen, ist enorm. Das liegt allein schon an ihrer Vielfalt. In der Schweiz sind rund 22'000 Insektenarten nachgewiesen, Spezialisten schätzen, dass noch einmal 8000 Arten auf ihre Entdeckung warten. Da gibt es Tausende Bienen und Käfer, die an Pflanzen Pollen und Nektar sammeln oder Blattgrün fressen. Da sind die Eintages-, Stein- und Köcherfliegen, die als Larven in Bächen, als ausgewachsene Insekten in der Luft leben. Da sind Mücklein, so klein wie Stecknadelköpfe – und ihre Parasiten, die man von Auge kaum noch sieht. Sie bestäuben die Blumen, sie sind Futter für Fische und Vögel – und sie regulieren sich selbst. Auf dass kein Insekt zur Plage werde.

Die Zahlen aus Deutschland schrecken deshalb längst nicht nur Insektenkundler auf. Die Zürcher Sektion des Vogelschutzverbands BirdLife Schweiz widmete den «unentbehrlichen Biestern» kürzlich ein Faltblatt. Und die Gratiszeitung «20 Minuten» fragte gar: «Müssen wir bald ohne Obst auskommen?» Die Basler Zeitung hingegen witterte eine links-grüne Verschwörung. Unter dem Titel «Die Propaganda mit dem Insektentod» zweifelte sie die Resultate der Krefelder Studie an.

Tatsächlich stellt sich die Frage, ob eine einzige Studie, durchgeführt vornehmlich im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen, sich einfach so auf die Schweiz übertragen lässt. Simon Birrer, Leiter der Abteilung «Förderung der Vogelwelt» bei der Schweizerischen Vogelwarte Sempach, hat deshalb nach Studien und Untersuchungen zur Insektenbiomasse in der Schweiz gesucht. Er befragte diverse Insektenkundler und Forschungsinstitutionen. Der noch nicht ganz fertiggestellte Bericht, sagt Birrer, komme zum Ergebnis, dass die vorhandenen Daten «mager» seien.

Zwar gibt es in unserem Land jede Menge Untersuchungen dazu, ob eine bestimmte Insektenart in einem Gebiet existiert oder nicht. Für die sogenannten Roten Listen seien bisher 2787 einheimische Insektenarten untersucht worden, sagt Glenn Litsios, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesamt für Umwelt (Bafu). Davon seien 40 Prozent gefährdet oder vom Aussterben bedroht, hätten also in den letzten Jahren einen mehr oder weniger grossen Bestandesrückgang erlitten. Litsios hält diese Zahlen für so robust, dass man sagen könne, «dass in der Schweiz ein ähnlicher Trend zu beobachten ist, wie diese deutsche Studie zeigt».

Nützt die Schmetterlingsförderung?
Allerdings muss weniger Artenvielfalt noch nicht weniger Biomasse bedeuten: In einem reinen Tannenwald gibt es nur eine Baumart, aber trotzdem ähnlich viel Holz wie in einem Mischwald. Und explizit auf ihre Menge untersucht hat noch kaum jemand die Schweizer Insektenwelt. Eine Ausnahme sind Erhebungen im Rahmen des Biodiversitätsmonitorings, bei denen seit 2003 im Auftrag des Bafu die Individuenzahlen von bestimmten Tiergruppen in der normalen Kulturlandschaft erhoben werden. Bei den terrestrischen Insekten beschränkt sich das Monitoring allerdings auf die Tagfalter, also gerade einmal 226 Arten. Und: Zumindest in den letzten 15 Jahren können die Spezialisten dabei nicht von einem Sterben reden. Die Tagfalterzahlen zeigten eine leichte Aufwärtstendenz, sagt Litsios. Er glaubt, dass diese Zunahme auf Förderprogramme oder auf den Klimawandel zurückzuführen sein könnte. «Aber das heutige Niveau ist wahrscheinlich sehr niedrig, verglichen mit der Vielfalt, die vor 50 Jahren existierte.»

Nicht alle Insektenkundler sehen das gleich. Ladislaus Reser etwa, ehemaliger und heute noch ehrenamtlicher Kustos der Schmetterlingssammlung im Natur-Museum Luzern und einer der profundesten Kenner der Nachtfalter in der Schweiz, hat andere Erfahrungen gemacht. Er fängt seit fast fünf Jahrzehnten in der ganzen Schweiz Nachtfalter mit Lichtfallen und hat auch Resultate bezüglich Biomasse publiziert. Reser sagt: «Obwohl ich bisher nur an sehr wenigen Orten mehr als vier Jahre lang gesammelt habe, kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass die Nachtfalter in der Schweiz im Allgemeinen weder seltener geworden, noch Arten mit Sicherheit verschwunden sind.»

Reser will nicht wegdiskutieren, dass Insekten in den letzten Jahrzehnten durch diverse menschliche Einflüsse in manchen Gebieten unter Druck geraten sind. Von einem schweizweiten Insektensterben zu sprechen, findet er aber übertrieben. Dass man früher nach einer Autofahrt der vielen Insekten wegen die Windschutzscheibe habe putzen müssen und heute nicht mehr, sei ein Spruch, der ungeprüft einfach weitergegeben werde, sagt er. «Windschutzscheiben sind auch früher meist nur in Feuchtgebieten mit Insekten voll geworden, und das kann auch heute noch der Fall sein.» Der Unterschied sei, dass es weniger intakte Feuchtgebiete gebe und die Stras­sen darum herumführten.

Alte Messungen, neu aufbereitet
Peter Duelli dagegen, emeritierter Professor an der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), erzählt von anderen Beobachtungen bei seinen Fangversuchen mit Lichtfallen als Reser: «Ich stelle einen deutlichen Rückgang der Fangmengen fest – allerdings erst in den letzten paar Jahren.» Eben erst habe er an einem Entomologen-Kongress in Deutschland teilgenommen. «Viele Kollegen machen ähnliche Beobachtungen wie ich – und in einigen Ländern sind Bestrebungen im Gang, die Veränderungen der Insektenzahl zu untersuchen.»

Auch in der Schweiz. Einige Forscher der WSL, der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope und der Vogelwarte sind kürzlich zusammengekommen, um dazu einen Plan auszuarbeiten. Die Initiative kam von der WSL-Forschungsgruppe Naturschutzbiologie unter der Leitung von Kurt Bollmann. Er möchte alte Datensätze nutzen, die vor 10 bis 30 Jahren unter Peter Duelli erhoben wurden, um die Frage der Veränderung der Insektenmenge für die Schweiz zu klären.

Unter anderem wurden laut Bollmann an 45 Standorten von 2000 bis 2007mit einer standardisierten Methode Insekten gefangen. Zwar ging es damals um die Artenvielfalt, «aber die Tiere sind noch da, man müsste einfach die Menge bestimmen». Bollmann hat dafür ein Finanzierungsgesuch bei der WSL eingereicht. Doch das wäre nur der erste Schritt, denn jünger als zehn Jahre ist keine der Messungen. «Mit dieser ersten Untersuchung könnten wir ein Trendsignal finden», sagt Bollmann, «aber um zu klären, wie es heute aussieht, müsste man dieselben Erhebungen noch einmal machen.» Bollmann hofft, in zwei Jahren mit diesen neuen Untersuchungen starten zu können.

Finanzieren müsste ein solches Unterfangen wohl der Bund, denn für die Förderinstrumente des Schweizerischen Nationalfonds wäre der Ansatz zu wenig innovativ. Ob Bundesrat und Bundesverwaltung Geld locker machen, um dem Insektensterben in der Schweiz auf den Grund zu gehen, ist aber alles andere als sicher. CVP-Nationalrat Karl Vogler hat im März im Parlament eine Motion eingereicht, mit der er verlangt, ein umfassendes Monitoring zur Entwicklung der Insektenbestände aufzubauen.

Der Bundesrat hat dieses Ansinnen Mitte Mai abgelehnt. Zwar geht er davon aus, dass die Insekten in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen haben und bezeichnet den Insektenschwund nicht nur für die Biodiversität, sondern auch für die Wirtschaft und Gesellschaft als «besorgniserregend». Gewissheit haben möchte die Landesregierung aber offenbar nicht. Sie hält ein Monitoring für zu teuer und verweist darauf, dass auch das bestehende Biodiversitätsmonitoring «gewisse Rückschlüsse auf den Bestand von Insekten zulässt».

Kunstlicht, Bauwut, Pestizide
Bleibt es bei dieser Haltung, geht es also darum, ein Problem anzupacken, dessen Ausmass relativ unklar ist. Das ist durchaus möglich, denn einige Faktoren, die Insekten zusetzen sind wohlbekannt. Vielfach fehlen beispielsweise schlicht geeignete Lebensräume. In unserer stark bewirtschafteten Landschaft gibt es wenige Hecken, Blumenwiesen oder Feuchtgebiete. Die, die noch existieren, liegen oft so weit auseinander, dass der genetische Austausch zwischen den jeweiligen Populationen erschwert ist. Ein Mittel dagegen sind untereinander vernetzte Biotope (siehe Seite 16). Auch der Bund will mit seinem Aktionsplan Biodiversität die Vernetzung von Insektenlebensräumen fördern.

Andere mögliche Ursachen für einen Insektenrückgang sind dagegen umstritten. Viele Umweltschützer haben zum Beispiel Pestizide in Verdacht, vor allem die seit Mitte der 1990er-Jahre eingesetzten Neonicotinoide, die sich länger im Ökosystem anreichern sollen als ältere Mittel. Wie gross ihre Auswirkungen auf die Insektenpopulationen sind, ist allerdings zu wenig gut erforscht.

Im Fokus steht auch die künstliche Beleuchtung, die grosse Teile Europas auch nachts zu einem hellen Ort macht. Rund die Hälfte aller Insekten sind nachtaktiv, und bräuchten eigentlich Dunkelheit und Mond- und Sternenlicht, um sich fortzupflanzen oder zu verstecken. Peter Duelli etwa glaubt, dass diesem Umstand zu wenig Gewicht beigemessen wird. Er sei vor allem an Florfliegen interessiert, deren Larven sich von Blattläusen ernähren, erzählt er. Diese Netzflügler würden wie magisch von Kunstlicht angezogen – und davon so lange im Bann gehalten, bis sie sterben. «In Städten», sagt Duelli, «hat es so viele Lichtquellen, die den Tag künstlich verlängern, dass viele Insekten im Herbst nicht in den Winterschlaf gehen und dann bei Frost erfrieren.»

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