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Tradition

Die Rückkehr der Schafhirten

Nutztiere | Dienstag, 10. Juli 2018, Ann Schärer

Eine angepasste Direktzahlungsverordnung und die Rückkehr der Grossraubtiere haben der Schafhirtentradition in der Schweiz zu neuem Schwung verholfen. Bei der Wahl dieses speziellen Berufes kommen sehr unterschiedliche Motivationsgründe zum Tragen.

Nachdem der Beruf des Schafhirten im letzten Jahrhundert fast verschwunden wäre, erlebt er heute einen Aufschwung. Bereits in den 1990er-Jahren wurden die Rufe nach Hirten wieder lauter. Damals wurde man sich der Probleme bewusst, die aus Überbestossungen, also zu vielen Tieren auf den Sömmerungsalpen, und Erosion entstehen. Es wurde eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich der nachhaltigen Schafsömmerung widmete. In diesem Zusammenhang wurden auch die Direktzahlungen vom Bund neu geregelt, was zu einer Zunahme der behirteten Alpen führte. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Standweide die häufigste und günstigste Weideform. Bei dieser Form verbleiben die Schafe längere Zeit unbehirtet auf einer Weide. Das ergibt jedoch weder aus ökologischen Gründen noch vom Sicherheitsaspekt her Sinn, weshalb diese Weideform mit der neuen Verordnung von 2003 finanziell nur noch minimal unterstützt wird. 

Umtriebsweiden hingegen werden finanziell grosszügiger unterstützt. Bei diesem System werden die Koppeln eingezäunt oder natürlich abgegrenzt. Die Schafe bleiben maximal zwei Wochen auf einer Weide und dürfen frühestens nach vier Wochen wieder dorthin zurückkehren. Ein anderes System, das vom Bund gefördert wird, ist die ständige Behirtung. Bei dieser Form werden die Schafe über Nacht in einen sicheren Pferch getrieben. «Da diese beiden Weideformen vom Bund finanziell stärker unterstützt werden, brauchte es ab 2003 wieder mehr Hirten», sagt Daniel Mettler von der landwirtschaftlichen Beratungszentrale Agridea. Er ist dort für den Herdenschutz und die Landwirtschaft im Berggebiet zuständig. Er zeigt sich erfreut darüber, dass mittlerweile wieder 60 Prozent der etwa 200 000 Schweizer Schafe behirtet werden. Eine starke Triebfeder war dabei die Rückkehr von Luchs, Wolf und Bär. 

Es gibt zwei Arten von Behirtung. Zum einen gibt es die Winterweiden, also die Begleitung von Wanderherden über die kalte Jahreszeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachten die italienischen Bergamasker diese Schäfertradition in die Schweiz. Die Anzahl Winterweiden sei seit damals ziemlich stabil geblieben, sagt Mettler. Darauf geben die durch die Kantone erteilten Bewilligungen Hinweise. «Aufgrund der erteilten Bewilligungen kann man von etwa 25 bis 30 Herden ausgehen», sagt Mettler. Dies sei auch schon vor 20 Jahren so gewesen. In Bezug auf die Winterweiden hat sich also nicht viel verändert – zumindest zahlenmässig. Der Klimawandel macht sich hingegen stark bemerkbar, die Vegetationsperioden sind länger geworden. Doch sind die Flächen für Winterweiden sehr beschränkt, was einen hohen Nutzungsdruck zur Folge hat. 

Vier verschiedene Hirtentypen
Die andere Form der Behirtung ist die Sömmerung auf den Alpen. «Die ökologischen Voraussetzungen sowie die Situation um die Grossraubtiere ist schwieriger geworden – auch politisch gesehen», sagt Mettler. Deshalb sei die Schafhirtenausbildung, die seit 2009 von der Agridea in Zusammenarbeit mit den landwirtschaftlichen Schulen in Graubünden und im Wallis angeboten wird, auch klar auf diese Art von Behirtung ausgerichtet. Die modulare Ausbildung wird in der Schweiz mit einem Zertifikat abgeschlossen und beinhaltet nebst Theorie auch Praktika sowie eine Theorieausbildung im Umgang mit Hütehunden. 

Bei anderen wichtigen Themen wie dem Umgang mit Tieren, die während der Sömmerungsperiode durch Abstürze oder Unwetter zu Tode kommen, gilt laut Mettler «learning by doing». Wer dennoch die Grundlagen des Notschlachtens lernen möchte, um in gewissen Situationen schneller handeln zu können, muss sich dies auf eigene Initiative aneignen. «Es gibt Hirten, die sich davon klar distanzieren. Deshalb ist dieses Spezialwissen nicht Teil der Ausbildung», sagt Mettler und weist damit auf die unterschiedlichen Hirtentypen hin. Gemeinsam mit der Agridea-Praktikantin Franziska Hoffet hat Daniel Mettler 2016 eine Umfrage unter Schafhirten durchgeführt. Daraus konnten sie vier Typen von Schafhirten eruieren: 

  • Berufsschäfer: Diese haben meistens einen landwirtschaftlichen Hintergrund. Sie helfen tatkräftig bei der Hirtenausbildung mit.
  • Naturverbundene: Sie wollen draussen in der Natur arbeiten. Häufig spielen auch ökologische Interessen eine zentrale Rolle. Sie suchen eine Ergänzung zu ihrem Beruf oder wollen aus ihrem Beruf aussteigen. 
  • Tierliebende: Ihnen geht es in erster Linie um das Wohl von Schafen und Hunden. Sie bringen häufig bereits viel Erfahrung mit. 
  • Selbstverwirklicher: Ihre Grundmotivation ist es, etwas Neues zu erleben. Sie wollen alleine sein oder suchen das Abenteuer.

Saisonalität als Hinderungsgrund
Eine grosse Schwierigkeit des Hirtenberufes wie auch allgemein des Alppersonals ist die Saisonalität. Oft ist es mit dem Arbeitgeber nicht zu vereinbaren, dass man den ganzen Sommer auf der Alp verbringt. «Viele gehen deshalb nur zwei, drei Sommer lang ‹z’Alp›. Daneben gibt es eine ältere und langsam aussterbende Generation, die schon seit 30 oder 40 Jahren immer auf dieselbe Alp geht», sagt Mettler. Dazu kommen die Eingefleischten, die im Sommer als Alphirt arbeiten und im Winter mit einer Wanderherde unterwegs sind. Die Zukunft der Schafhirten hängt stark von der Landwirtschaftspolitik ab, ist Mettler überzeugt. 

«Einzig die Winterweiden könnten künftig durch den Klimawandel einen Boom erleben», sagt er. Mettler glaubt, dass die Nachfrage nach Schafhirten in den nächsten Jahren relativ stabil bleiben wird. In den letzten Jahren haben sich die 1000 Schafalpen auf 700 reduziert, wobei die Anzahl Tiere aber etwa gleich geblieben ist. «Davon werden aktuell etwa 250 behirtet. Wenn künftig noch einige mehr auf Behirtung umstellen, braucht es jährlich etwa 300 Hirten für die Sömmerung», schätzt Mettler. Doch das Ganze hänge auch eng mit der Entwicklung der Kleinviehhaltung im Tal zusammen. Wenn die Anzahl der Nebenerwerbsbetriebe zurückgeht, wird auch der Schafbestand in der Schweiz zurückgehen. Und damit braucht es auch weniger Schafhirten. Die Zukunft wird es zeigen. 

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