Achtsamkeit ist des Schäfers Philosophie

Schafe auf der Weide

Markus Nyffeler hat seine Herde auch auf der Winterweide im Gürbetal immer im Auge.

Alexander Wagner

Nutztiere
Wanderschäfer trotzen Wind, Wetter und Wölfen. Als Markus Nyffeler vor drei Jahrzehnten
zum ersten Mal loszog, gab es in der Schweiz etwa 50 Wanderschäfer. Heute ist der Berner einer der wenigen, die es noch tun.

Ja, er hat ein modernes Handy. Aber nur, weil ihm seine Kinder eines geschenkt haben. Das heisst aber noch lange nicht, dass sich Markus Nyffeler an die neumodische Welt von Bits und Bytes angepasst hat. Nicht, weil er es nicht könnte. Er will einfach nicht. Und er muss auch nicht. «Meine Welt sind die Schafe. Sie bestimmen meinen Tages- und Jahresablauf, eigentlich mein ganzes Leben», sagt der Wanderschäfer mit ruhiger Stimme.

Und selbst wenn er mit seinem Besucher redet, hat der Mann aus Rüeggisberg BE immer ein Auge auf seiner Schafherde, die bei Toffen im Gürbetal zwischen Bern und Thun unterwegs ist. Schaut der 60-Jährige doch mal sein Gegenüber an, tut er es mit den wachen und fragenden Augen eines höchst vifen Zeitgenossen, der genau abwägt, was er sagt. Augen, hinter denen sich viel Erfahrung und auch Lebensweisheit verbirgt.

Der Mann, der zwischen Belpberg, Längenberg, Schwarzenburg und dem Gürbetal jeden Flecken Land kennt, ist einer der letzten Wanderschäfer. «Als ich anfing, gab es noch etwa 50 Herden, die durch die Schweiz zogen. Vor allem waren es Bergamasker, also Männer aus Norditalien, die diese Herden führten und bewachten.» Und warum ist das heute anders? Nyffeler macht eine ausladende Handbewegung, die Gebäude, mehrere Strassen sowie die Eisenbahnlinie miteinschliesst, und sagt: «Die Schweiz ist klein geworden.»

Von den Bergamaskern, bei denen er sein Handwerk gelernt hat, kommen nur noch wenige. Und die, die deren Stelle einnehmen möchten, scheitern an ihren Träumen. «Ich habe ja immer mal wieder Junge, die eine Ausbildung machen möchten. Aber die meisten halten nicht durch», sagt der Berner. «Ein paar Tage schlechtes Wetter, Kälte oder nur schon kein Handyempfang – das reicht oft, um wieder aufzuhören.»

Nyffeler selber hat klein, ganz klein angefangen: «Ich hatte damals vier Hektaren Land. Das war alles.» Heute bewirtschaftet er mit seiner Partnerin und seinem Team 60 Hektaren und ein paar Alpen im Grenzgebiet zwischen dem Berner Oberland und den Freiburger Alpen. «Die wurden von den Bauern aufgegeben, als der Wolf gekommen ist.» Und das Land im Tal? «Ist stotzig und damals vor 30, 40 Jahren war es überhaupt nicht begehrt. Nichts für Hochleistungskühe.»

Satte Schafe sind ruhige Schafe
Aber ideal für die Schafe, von denen sich gerade jetzt ein Teil zur Eisenbahnlinie hinbewegt. Das ist aber kein Grund, nervös zu werden. Nyffelers drei Border Collies Cliff, Jim und Greg warten ja nur darauf, arbeiten zu dürfen. Völlig unaufgeregt gibt Nyffeler ein Handzeichen – das Problem ist Sekunden später erledigt, die Herde wieder komplett. In den 1970er-Jahren kamen die ersten Border Collies aus Wales, Neuseeland und Australien. Sie erwiesen sich als folgsamer als die davor beliebten Bergamasker Hirtenhunde und liefen ihnen den Rang ab. Lieb sind sie auch. Sofort lassen sie sich vom Besucher streicheln. Und wenn der Spruch stimmt, dass Hunde den gleichen Charakter haben wie ihre Herrchen, dann ist der Wanderschäfer Nyffeler ein guter, umgänglicher Mensch.

Und auch ein sehr zurückhaltender. Der Schafbauer erzählt lieber über seine Hunde als über sich: «Ich trainiere sie zunächst daheim auf dem Hof mit nur wenig Tieren. Sie lernen sehr schnell und sind willig. Ein Border Collie merkt fast instinktiv, wo die Grenzen für die Schafherde sind. Und so nach etwa drei Jahren können sie alles, was sie können müssen.»

Daheim in Rüeggisberg hat der Schäfer auch Schutzhunde gegen den Wolf. Doch die nimmt er nur mit, wenn im Sommer die Schafe auf die Alp ziehen: «Hier gibt es zwar auch immer wieder Wölfe», sagt er und zeigt Richtung Längenberg. Aber auf der Winterwanderung brauche er keine Schutzhunde. «Der sicherste Zaun ist ein sattes Schaf. Das bewegt sich am Abend nicht von der Herde weg und diese Herde zäune ich am Abend ein. Das reicht als Schutz.» 

Vom Morgen bis zur Dunkelheit legen Nyffeler und seine 800 Schafe an diesem Tag nur etwa zwei, drei Kilometer zurück. Es ist halbwegs schönes Wetter und die beweideten Wiesen sind gut. Der Hirt ist etwa zehn Stunden auf den Beinen und für Aussenstehende schaut das ziemlich langweilig aus. Doch Nyffeler winkt ab: «Langweilig ist da gar nichts dran. Du kannst auch nicht einfach abschalten und deinen Gedanken nachhängen oder gar ins Philosophieren geraten. Sonst hast du schon verloren.»

Ein fremder Hund, ein Gemüsegarten, ein frisch bestelltes Feld, ein Auto … Das gehe schnell, man müsse sofort reagieren können. «Und das kannst du nicht, wenn du am Philosophieren bist.» Aber vielleicht ist ja gerade das die Schäferphilosophie: Immer achtsam sein.

Am liebsten die Kälte
Es gibt auch strubere Zeiten. Etwa wenn die eh schon bleiche Wintersonne den Nebel nicht mehr auffrisst, wenn es tagelang quer regnet oder wenn die Bise wie ein Messer durch die Kleider schneidet. «Macht nichts», sagt der Schäfer. «Dann ziehe ich einfach eine Schicht Kleider mehr an.» Am liebsten sind ihm ohnehin die eisigen, regenarmen Tage: «Das Gras wächst in der Kälte langsamer und ist dadurch nährstoffreicher. Wenn es dann dazu noch trocken ist, sind die Schafe viel ruhiger.»

Im Regen wird das Gras schneller dreckig, wenn die ersten Tiere darüber laufen. Die nachfolgenden Schafe fressen es dann nicht mehr und laufen immer weiter. Der Tag des Wanderschäfers geht dann zu Ende, wenn seine Herde nach dem Einfall der Dunkelheit mit Fressen aufhört. Dann stellt Nyffeler den Flexinetz-Zaun auf und treibt die Herde mit Hilfe der Hunde hinein. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern schläft er selber nicht mehr bei den Tieren, sondern fährt heim nach Rüeggisberg.

Schaefer

Im Verlauf des Winters werden die Tiere nach und nach geschlachtet, so gegen Mitte März sind die meisten Tiere verkauft. Die übriggebliebenen werden geschoren und die Wolle geht an lokale Produzenten von Dämmmaterial. Die meisten Schafe kommen in Thun auf die Schlachtbank, einige gehen an die Grossmetzgerei Bell. Und einige Tiere verkauft er privat. Am liebsten sind ihm Kunden, die das ganze Lamm verwerten. «Schweizer Kunden nehmen meist nur die Edelstücke», bedauert er.

Bleibt noch die Frage, ob es geschmackliche Unterschiede zwischen Wanderschafen und solchen aus Stallhaltung gibt. Nyffeler lächelt und sagt dann bloss: «Meine Tiere haben ihr ganzes Leben lang im Freien verbracht und nur Rauhfutter gefressen. Keine Würfel, kein Getreide, kein Kraftfutter.»

Er sagt nichts gegen andere Schafhalter und Züchter, das verbietet ihm die Höflichkeit. Aber zum Abschied bemerkt er dann noch: «Wenn du bei einem Metzger Wanderlammfleisch findest, musst du zugreifen. Du wirst nie mehr anderes Lammfleisch wollen.» 

Kommentare (0)