Die perfekte Kuh für stotziges Gelände

Dexter-Rinder

«Liebliche und einfache Tiere»: Bergbauer Ueli Schmitter kommt ins Schwärmen, wenn er von seinen Dexter-Rindern spricht.

Adrian Baer

Dexter-Rinder
Das Dexter-Rind ist klein, leicht, wendig, robust und trittsicher. Das macht die aus Irland stammende Rasse zum idealen Vieh für Bergbauern in unwegsamen Gebieten.

Wer Ueli und Isabelle Schmitter und die fünf Kinder auf ihrem Berghof Brändlen besuchen möchte, nimmt in Wolfenschiessen NW die Luftseilbahn. Die Fahrt in der Minikabine dauert wenige Minuten und führt entlang schroffer Felsen und beeindruckender Steilwände. Eine Strasse gibt es nicht, die Seilbahn ist die einzige Verbindung zum Tal: Sie transportiert alles – Menschen, Grosseinkäufe und Tiere – und bestimmt den Gang der Dinge oben auf gut 1200 Metern über Meer.

Deshalb sattelte Ueli Schmitter vor fast 16 Jahren von Braunvieh auf die kleinen Dexter-Rinder um. «In den Bergen kommen wir mit den immer schwereren Kühen an unsere Grenzen», erklärt Schmitter. Ein Braunvieh könne bis 900 Kilogramm wiegen und sei nicht mehr mit der Seilbahn zu transportieren, welche er mit maximal 600 Kilogramm beladen dürfe. Dexter dagegen kommen auf maximal 450 Kilogramm und sind nicht grös­ser als 105 Zentimeter.

Die kleinen und leichten Tiere machen die Wiesen nicht kaputt. Das Braunvieh dagegen verursachte regelmässig Flurschäden: «Wir haben viel schlechtes Wetter und stotziges Land», sagt Schmitter, auf die steilen Hänge hinter dem Hof deutend.

Wenn der Landwirt über seine Kühe spricht, kommt er ins Schwärmen. «Sie sind berggängig, trittsicher und frühreif. Die Kühe haben viel und gute Milch und ein super Weideverhalten», zählt er auf. Selbstverständlich fressen auch Dexter zuerst das saftigste Gras. Wenn das weg ist, kommt das Beste dessen dran, was übrig ist – am Ende ist alles weggefuttert. Gut zurecht kamen seine Kühe und ihr Nachwuchs auch mit dem diesjährigen Hitzesommer, den sie auf der kühlen und waldreichen Alp verbrachten.

Konsequente Schweizer Züchter
Dexter seien richtig gute Ökofutter-Verwerter, sagt Schmitter: «Sie veredeln selbst das trockenste Gras in gute, fettreiche Milch.» Weil das Kalb bis im Alter von sieben, acht Monaten viel Milch trinkt, liefert es auch gutes Fleisch. Es handelt sich um feinfaseriges, geschmackvolles und dunkles Gourmetfleisch, das Schmitter direkt ab Hof verkauft.

Ihm sei wichtig, dass das Kalb solange wie möglich bei der Mutter lebe. Die frühreifen Dexter sind ideal dafür: Wenn die einjährigen Jungtiere zwischen Dezember und Februar geschlachtet werden, kalbern die Mütter bereits wieder. So besteht Schmitters Dexter-Herde stets aus 30 Mutterkühen und 30 Kälbern. Plus ein Stier, der gerade Deckpause hat und deshalb räumlich getrennt von den Kühen lebt: «Ich möchte nicht, dass die Kälber auf der steilen Weide zur Welt kommen», erklärt Schmitter, «dort kann ich die Tiere nur erschwert kontrollieren.»

Ab Februar dürfe der Stier wieder an die Kühe. So sei gewährleistet, dass der Nachwuchs erst dann komme, wenn die Herde während des Winters wieder unten beim Hof im Klimastall lebe. In seinem Abteil stehend, stopft Stier Peter genüsslich Heu in sich hinein und schaut den Besuch aus seinen gros­sen, schönen Augen freundlich-neugierig an. Im Hintergrund hüpfen einige der ganz Kleinen lebhaft hin und her. «Dexter sind liebliche, einfache Tiere», hebt Schmitter einen weiteren Vorzug der Rasse hervor, die erst vor 20 Jahren in die Schweiz importiert wurde, seither aber immer beliebter wird.

Gut 200 Halter mit 1200 Tieren seien es heute, sagt Schmitter, der den Verein «Swiss­dexters» präsidiert und das Herdebuch mitführt. 1999 dagegen habe man bei null angefangen. Die ersten Tiere stammten aus Holland. Es sei gut gewesen, dass die rückständige Qualität im Fleisch und im Fundament in Schweizer Züchterhände kam, sagt Schmitter: «Denn wir Schweizer sind richtig gute, konsequente und ehrgeizige Züchter.» Schweizer wollen es «immer noch etwas besser machen». Deshalb seien Schweizer Dexter-Rinder mittlerweile so gut, dass hiesige Züchter sie auch exportieren. Schmitter etwa hat nach Tirol geliefert, wo die Dexter-Haltung noch im Aufbau begriffen ist.

Importe und Exporte sind auch wichtig, um die Blutlinien regelmässig aufzufrischen und Inzucht zu vermeiden. Rege ist der Austausch mit Holland, Deutschland und Grossbritannien. Die entweder schwarzen, roten oder grau-braunen (dun) Dexter kommen ursprünglich aus Irland. Erwähnt wurde die Rasse erstmals 1776 und wurde lange als Variante des Kerry-Rindes wahrgenommen (siehe Text rechts). Erst viel später achteten Züchter konsequent auf eine Trennung der beiden Rassen. Vor allem die Engländer trieben die Reinzucht der Dexter voran. In Irland dagegen gibt es kaum mehr Dexter-Rinder.

Importe und Exporte sind auch wichtig, um die Blutlinien regelmässig aufzufrischen und Inzucht zu vermeiden. Rege ist der Austausch mit Holland, Deutschland und Grossbritannien. Die entweder schwarzen, roten oder grau-braunen (dun) Dexter kommen ursprünglich aus Irland. Erwähnt wurde die Rasse erstmals 1776 und wurde lange als Variante des Kerry-Rindes wahrgenommen (siehe Text rechts). Erst viel später achteten Züchter konsequent auf eine Trennung der beiden Rassen. Vor allem die Engländer trieben die Reinzucht der Dexter voran. In Irland dagegen gibt es kaum mehr Dexter-Rinder.

Keine Angst vor neuen Wegen
Der passionierte Bergbauer führt den Berghof Brändlen in vierter Generation. Der 52-Jährige lebt und liebt, was er macht: «Landwirte müssen Freude haben an dem, was sie tun. Sie müssen den Mut haben aufzubrechen.» Er hat diesen Schritt mit dem Wechsel zu den Dexter-Rindern gemacht.

Auch sonst geht Schmitter gerne neue Wege. So hat er mit seinem Neffen die App «Berg-Check» entwickelt, die Seilbahnbetreiber, Landwirte und Bergbauern mit all den Daten füttern können, um der Sorgfalts- und Beweispflicht nachtzukommen. «Die App erinnert mich jeden Morgen daran, was ich an dem Tag kontrollieren muss.» Am Ende des Tages lässt sich das Dokumentierte einfach drucken – und bei Bedarf den Behörden übergeben.
 

Dieser Artikel erschien erstmals 2019 in der «Tierwelt».

www.berghof.ch

Die App «Berg-Check» gibt es für iPhone und Android in den Stores für 9 Franken.

Autor

Petra Stöhr

Petra Stöhr

Petra Stöhr ist «Tierwelt»-Redaktorin und geht als Historikerin gerne der Geschichte der Schweizer Nutztiere auf den Grund. Noch lieber geht sie für Geschichten ins Feld und macht sich für ihre Begegnungen mit den medidativen Kühen, den gmögigen Schafen und den quirligen Geissen auch die Gummistiefel dreckig oder lässt es über sich ergehen, dass sich Schweine überaus gerne an ihren Beinen reiben.

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