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Abkehr von der Nutztierhaltung: Warum verzichten immer mehr Menschen auf tierische Produkte?

Veganerinnen und Veganer werden nach wie vor stigmatisiert. Ist ihre Kritik an der Fleischindustrie und deren Auswirkungen auf die Umwelt berechtigt? Die vegane Weltanschauung findet auf jeden Fall vermehrt auch in der Landwirtschaft Sympathisanten. Der Lebenshof und gemeinnützige Verein «Hof Narr» im Zürcher Oberland gibt Landwirtinnen und Landwirten Perspektiven abseits der Nutztierhaltung und lebt der Gesellschaft das Ideal eines Alltags ohne Nutztiere vor.

Im idyllischen Dorf Hinteregg im Zürcher Oberland steht ein spezieller Hof. «Hof Narr» nennt er sich und er ist der Lebensmittelpunkt der Familie Heiligtag. Hier laufen den Besuchern die aufgeweckten Hühner hinterher und die Schweine geniessen aneinander gekuschelt unter dem Stroh die morgendliche Ruhe. «Wo sie heute genüsslich liegen dürfen, standen früher Kühe», erklärt Sarah Heiligtag bei einem Rundgang. Sie ist Mutter, Philosophin und Gründerin des gemeinnützigen Vereins «Hof Narr», der sich um die Tiere hier kümmert. Gemeinsam mit ihrem Partner hat sie den Hof 2013 von einem Landwirt übernommen, der dort Galloway-Rinder gezüchtet hatte. Nicht etwa, um den Betrieb weiterzuführen. Die beiden verwandelten den Hof in einen Lebenshof, wo die Tiere ohne Leistungsdruck ihr Leben geniessen dürfen. Hierwerden weder Tiere geschlachtet, noch tierische Produkte verbraucht.

Die Familie Heiligtag lebt nämlich vegan. Das heisst, sie lehnt die Haltung von Nutztieren ab und verzichtet auf jegliche Produkte, die aus der Tierhaltung stammen: Milchprodukte, Fleisch, Fisch, Eier und sogar Honig. Auch bei der Kleidung meiden Veganerinnen und Veganer tierische Produkte wie Leder oder Wolle, Kosmetika beispielsweise dürfen ebenfalls keine tierischen Komponenten enthalten. In der Schweiz findet diese Lebensanschauung immer mehr Anhänger, vor allem bei den Unter-35-Jährigen und bei Frauen, wie eine Erhebung aus dem Jahr 2022 von Swissveg, der Interessenvertretung der Vegetarier und Veganer in der Schweiz, zeigt. Rund 0,7 Prozent der Bevölkerung machten sie letztes Jahr aus. Zählt man jedoch Vegetarier und Flexitarier dazu, also Menschen, die nur gelegentlich Fleisch essen, kommt man auf rund einen Viertel der Bevölkerung, die mehrheitlich auf tierische Produkte verzichtet, wie die Vegane Gesellschaft Schweiz auf Anfrage ergänzt.

Die Gründe für den Fleischverzicht sind sehr unterschiedlich und individuell, so die Geschäftsleitung der Veganen Gesellschaft. Im Vordergrund stehen das Tierwohl, ethische Bedenken, die Umwelt und die eigene Gesundheit. Der «Plant Based Food Report», eine Umfrage von Coop aus dem Jahr 2023, untermauert die Gründe: Fast 70 Prozent der Veganerinnen und Veganer gaben an, zum Schutz der Tiere auf tierische Produkte zu verzichten. Gefolgt von 66 Prozent Umweltschutz und 65 Prozent Ethik. Letzteres gab auch bei Sarah Heiligtag den Ausschlag. In ihrem Philosophiestudium kam sie, die damals noch Vegetarierin war, mit der Tierethik in Kontakt und fragte sich: Warum essen und nutzen wir gewisse Tiere und andere nicht? «Irgendwann war es für mich nur logisch, auch Milch und Eier zu streichen, denn auch für Milch und Eier sterben Tiere.»

Was ist normal und was nicht?

Als Heiligtag die Türe zu den Schweinen öffnet, kommt sofort ein quiekendes Ferkel mit dem Namen Ronya angerannt. Es trägt ein kleines Mäntelchen und wirbt wie ein Hund um Heiligtags Aufmerksamkeit. «Ronya ist ein sogenannter Kümmerling», erzählt sie. Bei der Geburt von zu vielen Ferkeln, wie das in Zuchtbetrieben häufig der Fall sei, komme es immer wieder zu schwächeren Tieren, die sich langsamer entwickeln. Ronya habe als Mastschwein nicht schnell genug an Gewicht zugelegt und sei für den Landwirt unwirtschaftlich geworden und schliesslich hier gelandet. Die anderen Tiere auf «Hof Narr» teilen ein ähnliches Schicksal, stammen häufig aus ehemaligen Zucht- oder Mastbetrieben oder wurden aus anderen wirtschaftlichen Gründen aussortiert, beispielsweise «ausgediente» Pferde. Oft komme der Landwirt selbst oder andere Angehörige mit dem Tier zur Familie Heiligtag. «Wir können aber meist nur eine symbolische Anzahl an Tieren aufnehmen», so Heiligtag. Viel mehr Platz habe es nicht auf dem Hof.

Dafür hat jedes der Tiere hier einen eigenen Namen, die auf farbigen Schildern rund um den Hof zu lesen sind. Immer wieder schauen Familien und Schulklassen vorbei, um sich ein Bild des Lebenshofs zu machen, wie Sarah Heiligtag erzählt. Dann dürfen sich die Kinder zu den Schweinen gesellen und mit ihnen spielen. «Sie sind oft überrascht, wie verschmust die Schweine und wie menschlich ihre Blicke sind», sagt Heiligtag. Fast wie Hunde und Katzen. Die Frage, warum wir die einen essen und die anderen streicheln, liege dann auch nahe. Warum hat sich der Konsum von einigen Tieren zur Normalität entwickelt, während andere nur als Haustiere gehalten werden? Wenn Sarah Heiligtag über die Antwort auf diese Frage spricht, kommt sie nicht um den Begriff Normalitätsprägung herum. «Normal ist einfach nur das, was man oft genug wiederholt», sagt sie. Heute sei das ein schädlicher Umgang mit der Natur und Tieren, der sich als Alltag eingebürgert habe.

In der Schweiz bedeutet Normalität, dass wir jährlich über 80 Millionen Tiere schlachten. Allein letztes Jahr im November wurden laut der Schlachtviehstatistik des Schweizer Bauernverbandes über 44 000 Stück Grossvieh, 16 000 Kälber, 210 000 Schweine und über 6 800 000 Masthühner getötet. Unser Konsum beträgt rund 50 Kilogramm Fleisch pro Person und Jahr, beliebt sind vor allem Schwein und Geflügel. Das bedeutet für die Tiere aber oft ein kurzes Leben: Ferkel werden im Alter von sechs Monaten und einem Gewicht von rund 120 Kilogramm geschlachtet, sie könnten jedoch bis zu 20 Jahre alt werden. Masthühner werden innerhalb von 40 Tagen nach dem Schlüpfen geschlachtet, sie wiederum könnten aber bis zu 10 Jahre alt werden.

Umweltauswirkungen des Fleischkonsums

Veganerinnen und Veganer wie Sarah Heiligtag kritisieren nicht nur die artfremde Massentierhaltung und die massenhafte Tötung von jungen Tieren in Schlachthöfen. Sondern genauso auch die Auswirkungen der Tierhaltung und des Fleischkonsums weltweit auf dieUmwelt. Der Fleischatlas aus dem Jahr 2021 der Heinrich-Böll-Stiftung, einer parteinahen Stiftung zur linksgrünen deutschen Partei Bündnis 90/Die Grünen, fasst die Problematik anschaulich zusammen. Wegen des weltweiten Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums nimmt die Nachfrage nach Protein und somit Fleisch zu. Seit der Jahrtausendwende hat sie sich laut dem Fleischatlas mehr als verdoppelt, obwohl der Fleischkonsum in den Industrienationen seit Jahren abnimmt. Dennoch konsumieren Industrieländer mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Konsum von knapp 70 Kilogramm pro Jahr fast drei Mal so viel Fleisch wie Entwicklungsländer. Spitzenreiter sind die USA. Das bleibt nicht folgenlos.

Die Fleischproduktion ist einer der Haupttreiber für die Trockenlegung von Moorlandschaften sowie die Abholzung des Amazonasgebietes. Der neu gewonnene Platz wird sowohl für die Nutztiere als auch für die Futtermittelproduktion, allem voran Soja, benötigt. Das Futtermittel ist in der intensiven Tierhaltung ein wichtiger Proteinlieferant und wird dementsprechend grossflächig angebaut, exportiert und importiert. Chinagehört zu den grössten Importeuren und Brasilien zu den grössten Exporteuren. Entsprechend ist ein Fünftel des Sojas, das aus Brasilien in die EU eingeführt wird, laut dem Fleischatlas auf illegale Abholzung zurückzuführen. Der intensive Sojaanbau und die Massentierhaltung ziehen unweigerlich einen Rattenschanz weiterer Folgen nach sich: grossflächiger Einsatz von Pestiziden und Antibiotika, Biodiversitätsverlust, Treibhausgasemissionen und grosser Wasserverbrauch, um das Fleisch zu verarbeiten. Und all das, obwohl Nutztiere nur knapp 40 Prozent des weltweiten Protein- und rund 20 Prozent des Kalorienbedarfs decken. Trotzdem dient ein Drittel aller Feldfrüchte weltweit der Fütterung von Nutztieren.

Die Schweiz hat sich in den vergangenen zehn Jahren allmählich von Soja aus Brasilien abgekehrt und importiert es zu grossen Teilen aus verschiedenen Ländern der EU. Dennoch belastet die Nutztierhaltung auch hier in der kleinen Schweiz die Umwelt. Etwa 13 Prozent der Treibhausgase, die in der Schweiz emittiert werden, sind gemäss dem Bundesamt für Umwelt auf die Nutztierhaltung zurückzuführen. Und auch in der Schweiz werde ein Grossteil der Ackerfläche für das Nutzvieh verwendet, wie die Forschungsanstalt Agroscope auf Anfrage sagt. Auf rund 60 Prozent der Ackerfläche wird Tierfutter statt proteinhaltiger Lebensmittel für den Menschen produziert. Dennoch importieren wir jährlich über 200 000 Tonnen Kraftfutter. Das macht die Schweiz abhängig vom Ausland und wirkt sich negativ auf den Selbstversorgungsgrad aus.

Weniger Fleisch, mehr Selbstversorgung

Der Brutto-Selbstversorgungsgrad (SVG) erreichte vor vierzig Jahren um die 64 Prozent, wie Agroscope auf Anfrage mitteilt. In den vergangenen zehn Jahren sei er aber aufgrund verschiedener Faktoren wie einer veränderten Flächennutzung oder einer steigenden Bevölkerungszahl auf aktuell 53 Prozent gesunken.Noch stärker gesunken ist infolge zunehmender Futtermittelimporte der Netto-Selbstversorgungsgrad. Dieser erreicht aktuell noch 46 Prozent. International haben nur wenige Länder wie beispielsweise Japan oder Norwegen einen tieferen SVG. «Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass der SVG auch in Zukunft weiter sinken wird, wenn sich die Konsummuster nicht wesentlich ändern», so Agroscope. Gemäss einer Studie des Instituts für Agrarwissenschaften der ETH Zürich könnten jedoch auf der bestehenden Ackerfläche insgesamt 181 000 Hektaren proteinreiche Körnerleguminosen, also Soja, Erbsen und Ackerbohnen kultiviert werden – auf Kosten der Kunstwiesen und des Silomais. Das würde den Netto-Selbstversorgungsgrad auf 58 Prozent anheben. Damit würden 40 Prozent des bisherigen Konsums von Protein aus Fleisch und Milch durch Proteine aus Körnerleguminosen ersetzt und der Konsum von Fleisch- und Milchprodukten bis zu 50 Prozent sinken. Ebenso könnte auf den Import von Kraftfutter fast vollständig verzichtet werden. Eine weitere Studie von Agroscope legt nahe, dass eine stärker pflanzenbasierte, der Lebensmittelpyramide entsprechende Ernährung sowie die Vermeidung von Food Waste den SVG auf über 70 Prozent erhöhen könnte. «Die wichtigsten Hebel zur Erhöhung des SVG sind somit eine Reduktion des Fleischkonsums und die Vermeidung von Food Waste», so Agroscope.

Von konventionell auf rein pflanzlich

Sarah Heiligtag sitzt an einem Holztisch vor ihrem Hofladen und streichelt ein Huhn. Sie möchte die Veränderung, die sie von der Gesellschaft erwartet, mit «Hof Narr» vorleben. «Der Veganismus muss normalisiert werden», sagt sie. In ihrem Hofladen gibt es nur pflanzliche Produkte zu kaufen, die sie selbst anbaut. Rings um das Gelände besitzt die Familie Land, auf dem Hochstammfrüchte, Himbeeren, Kichererbsen, Artischocken, Topinambur, Rhabarber und vieles mehr wachsen. Unter einem Tunnelbogen gedeihen Gurken, Tomaten, diverse Salate, Zwiebeln und so manches mehr, um das sich drei Angestellte des Hofs kümmern. Heiligtag erklärt, dass dieser landwirtschaftliche Teil des Hofs zur Ernährung der Menschen dient. Mit dem Hofladen und den Gemüseabos, die sie anbieten, verdienen sie den Unterhalt für sich und die Angestellten. Der Verein hingegen ist wie eine NGO organisiert und unterhält den Lebenshof mit Öffentlichkeitsarbeiten, Vorträgen, Tierpatenschaften, Schulbesuchen usw. Dabei nimmt Sarah Heiligtag eine wichtige Rolle als Beraterin und Vermittlerin ein – insbesondere für Landwirtinnen und Landwirte aus der ganzen Schweiz.

Denn das Tierleid, das in der Massentierhaltung verursacht wird, und deren Auswirkungen auf die Umwelt beschäftigen längst nicht mehr nur junge Menschen aus linksgrünen Städten. Auch Landwirtinnen und Landwirte befassen sich seit längerer Zeit mit der nachhaltigen Zukunft ihres Metiers und der Landwirtschaft allgemein, wie Sarah Heiligtag erzählt. «Manche sehen eines Tages in den Augen ihrer Tiere eine Traurigkeit und den Willen, zu leben.» Und entscheiden sich anschliessend, der konventionellen Tierhaltung den Rücken zu kehren. Andere seien schon seit langer Zeit unglücklich mit ihrem Betrieb und auf der Suche nach Alternativen. Darum hat sich «Hof Narr» auf Hofumstellungen spezialisiert – von der konventionellen Tierhaltung zur pflanzlichen Produktion.

Das sei oft ein emotionales Thema. «Manche realisieren erst im Gespräch, dass sie nicht einfach mit der Landwirtschaft aufhören müssen, sondern auf etwas anderes setzen können.» Etwa Gemüse, Hafer oder Ölsaaten wie Kichererbsen oder Soja. Bisher haben 135 Höfe den Umstieg mit Hilfe von «Hof Narr» gemeistert und ihren Weg gefunden, so Heiligtag. Manche brauchen lediglich Unterstützung bei der Budgetplanung, andere entwickeln gemeinsam mit ihr Zukunftsstrategien für den eigenen Betrieb. «Viele Landwirte haben aber Angst vor diesem Schritt, weil sie um ihren Ruf fürchten oder weil sie damit Streitigkeiten in der Familie auslösen könnten.» Das sei besonders auf dem Land ein Problem. Ausserdem mache den Landwirten, die «Hof Narr» um Rat fragen, die Abhängigkeit von den Direktzahlungen zu schaffen. Es sei zwar möglich, diese auch nach der Umstellung zu erhalten. Aber der Bund unterstütze die Tierhaltung nach wie vor mehr. «Es braucht eine Veränderung», sagt Heiligtag. Sie denke an Proteinbeiträge oder verstärkte Förderung von Permakulturen.

Unterstützung vom Staat?

Das Bundesamt für Landwirtschaft führt derzeit keine Statistik dazu, wie viele Betriebe von der Tierhaltung aussteigen. Zahlen der Branchenorganisation Swiss Granum zeigen jedoch eine Zunahme der Produktion von Hafer, Eiweisserbsen und Soja zu Speisezwecken. Auf Anfrage ergänzt das Bundesamt, dass der Bundesrat im Bericht «Zukünftige Ausrichtung der Agrarpolitik» festhalte, dass eine Veränderung der Konsum- und Produktionsmuster in Richtung vermehrt pflanzlicher Lebensmittel positive Auswirkungen auf die Gesundheit und die Umwelt habe. «Vor diesem Hintergrund ist eine Umstellung der Inlandproduktion in Richtung einer vermehrt pflanzlichen Produktion begrüssenswert, sofern ein entsprechendes Nachfragepotenzial vorhanden ist», so das Bundesamt. Heute würden keine Beiträge gewährt, die diese Umstellung gezielt unterstützen.

Für «Hof Narr» und Sarah Heiligtag ist derweil klar: «Solange es Alternativen für tierische Produkte gibt, machen wir keine Kompromisse.» Auch Insekten als umweltschonende Proteinalternative lehnt die Veganerin ab. «Warum müssen wir Tiere töten, wenn wir Protein ernten können?»

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